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Interview: Janez Potocnik, EU-Kommissar für Wissenschaft und Forschung

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Interview: Janez Potocnik, EU-Kommissar für Wissenschaft und Forschung

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Janez Potocnik ist der neue EU-Kommissar für Wissenschaft und Forschung. Er will Europa wieder wettbewerbsfähig machen und dafür sorgen, dass die Qualität der EU-Forschung in Innovation umgesetzt wird. Politiker und Wissenschaftler sind sich einig, dass mehr in Grundlagenforschung investiert werden muss. Gleichzeitig sollen kleinere Insitute gefördert werden. Potocnik hat einige Aufgaben zu bewältigen. Wie er diese angehen will, erläuterte er EuroNews in einem Exklusivinterview.EuroNews: “Ich habe mit Forschern in ganz Europa gesprochen und festgestellt, dass sie einen sehr gefährlichen Beruf ausüben, denn in ihrem Büro verbirgt sich ein Monster, nämlich die Bürokratie?“Potocnik: “Ja das stimmt. Andererseits ist Verstecken eine große Herausforderung, und die Erwartungen an Forschung und Wissen sind es auch. Wenn wir uns an der jüngsten Botschaft des Wim Koks Berichtes orientieren, dann ist klar, was zu tun ist. Wir müssen die Prioritäten ändern und zwar schnell. Wissen muß an erster Stelle stehen. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass wir uns darauf konzentrieren. Aber selbstverständlich hält sich dieses Monster, von dem sie sprachen, die Bürokratie, irgendwo versteckt. Es ist nicht einfach, damit umzugehen, aber wir tun unser Bestes.“EuroNews: “Forscher sagen, es sei schwierig Gelder zu bekommen. Sie verbrächten zuviel Zeit damit, Anträge auszufüllen?“Potocnik: “Das ist eine unserer größten Sorgen. Wenn wir darüber sprechen, was wir derzeit tun – denn einen Aktionsplan gibt es bereits – dann lautet mein Vorschlag, eine Gruppe aus kleineren und mittleren Forscherteams zu bilden. Diese Gruppe könnte ein Echo geben an die, die an der Vereinfachung der Prozesse arbeiten. So wären sie bei der Vorbereitungsphase mit eingebunden.“EuroNews: “Bei ihrem Treffen in Lissabon entschieden die europäischen Staats- und Regierungschefs, dass die EU stark in Forschung und Entwicklung investieren muss, wenn sie mit Japan und den USA mithalten will. Schaut man sich nun die aktuellen Zahlen an, ist das noch nicht der Fall. Warum nicht?“Potocnik: “Ja, weil wir uns einfach nicht in nötigem Maße auf das konzentrieren was wichtig ist. Wenn wir von Lissabon sprechen, müssen wir an die Botschaft erinnern: Einerseits haben wir Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitsplätze…andererseits haben wir Nachhaltigkeit, d.h. soziale und Umweltaspekte. In der Europäischen Union kann man diese nachhaltigen Probleme nicht einfach ausblenden. Sie gehören zu unserem Leben. Wenn wir also beide Seiten gleichzeitig angehen wollen, ohne dass diese dabei im Widerspruch stehen, ist das einzige Bindungsglied – und das ist die Lissaboner Botschaft – Wissen. Alles muss darauf basieren. Wir müssen mehr in Wissenschaft und Forschung investieren, denn nur Wissen kann uns auf lange Sicht garantieren, dass wir mit den genannten Problemen umgehen können.“EuroNews: “Einige Staaten wollen nicht mehr Geld ausgeben, andere sagen wir müssen mehr Geld ausgeben. Wie löst man diesen Konflikt?” Potocnik: “Selbstverständlich ist das ein Teil der Debatte, wenn wir über das Budget der Europäischen Union reden. Ich hoffe, dass sich der Vorschlag der Kommission durchsetzen kann. Dieser sieht eine Doppelung der Fonds vor mit dem Ziel, dass wir das Budget neu verteilen und dabei den Schwerpunkt auf Wachstum und Arbeitsplätze legen. Und wenn wir von Geldern für Wissenschaft und Forschung sprechen, sollten wir auch die Tatsache in Betracht ziehen, dass wir mit zwei Drittel Fördergeldern aus dem privaten Sektor rechnen. Das wiederum bedeutet, wir müssen Bedingungen dafür schaffen, dass in Europa Forschung betrieben wird, dass die Forscher, die derzeit außerhalb Europas sind, zurückkehren, dass die Unternehmen, die vielleicht daran denken, ins Ausland zu gehen, hier bleiben. Das sind die grundlegenden Punkte.“EuroNews: “Tatsächlich gibt es derzeit eine starke Abwanderung von Wissenschaftlern. Viele Top-Forscher verlassen die EU und gehen in die USA. Wie wollen Sie das stoppen? Oder wie können sie die Abwanderung in einen Kreislauf verwandeln?“Potocnik: “Ich stimme ihnen zu, dass das ein Problem ist. Aber ich wäre nicht gegen Mobilität. Ich denke, es ist wichtig, dass Leute reisen, dass sie sich verändern und Wissen austauschen. Andererseits müssen wir mit dem Problem fertig werden. Wir müssen an die Wissenschaftler in Europa denken, die wir gerne hier halten wollen. Andererseits möchten wir Wissenschaftler ausserhalb Europas anziehen, z.B. in Entwicklungsländern. Eine “Wissenschafts-Visum” wäre ein entscheidender Schritt, um die Dinge einfacher und attraktiver zu machen.“EuroNews: “Als Kommissar müssen sie die Prioritäten setzen und kurzfristige Luftblasen von langfristigen Forschungsthemen trennen. Wie gelingt ihnen das?“Potocnik: “Zunächst einmal müssen wir die Forschungszusammenarbeit stärken, uns dann auf die Grundlagenforschung konzentrieren. Es gibt den Vorschlag, einen Europäischen Forschungsrat zu gründen. Zudem müssen wir uns stärker um die Forschungs-Infrastruktur kümmern. Wir würden gerne die Mobilität anregen, die ich bereits erwähnt habe. Sie erwies sich in der Vergangenheit als äußerst erfolgreich. Um all das dreht sich die Debatte.“EuroNews: “Forschungspolitik ist ein heißes Thema. Besonders im konkreten Falle der Stammzellenforschung. Denn diese berührt auch die Religion. Sind sie für oder gegen Stammzellenforschung? Sollte sie in Europa erlaubt werden? Ja oder nein?“Potocnik: “Das ist nicht leicht zu beantworten. Es gibt verschiedene Arten der Stammzellenforschung. Bei Erwachsenen hat niemand etwas dagegen. Aber bei Embryonen stellen sich sofort ethische Fragen. Deshalb ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Man muss die ethischen Bedenken berücksichtigen. Andererseits sollte man auch sehen, was wir mit einer solchen Forschung erreichen könnten.”