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Wachstum, Inflation und Verbraucherinteresse - welche Rolle hat der Internationale Währungsfonds heute?

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Wachstum, Inflation und Verbraucherinteresse - welche Rolle hat der Internationale Währungsfonds heute?

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Der Spanier Rodrigo Rato ist Direktor des Internationalen Währungsfonds. Der ehemalige Finanzminister war diese Woche in Brüssel. Kurz nach dem G20-Gipfel in Peking stattete er den europäischen Institutionen einen Anstandsbesuch ab. Die europäischen Staaten hatten sich in Peking vor allem gegen den Vorwurf des Protektionismus zur Wehr setzen müssen. In diesem Kontext stellte sich der Währungsfonds-Chef den Fragen von Euronews.

Euronews:Rodrigo Rato, Willkommen bei Euronews. Die Inflation in der Eurozone nimmt beständig zu. Denken Sie, dass, da die Inflation auch in den USA steigt, auch die Europäische Zentralbank die Zinssätze anheben wird? Rodrigo Rato:Wir denken, dass die US-Notenbank angesichts der amerikanischen Wirtschaftslage an der progressiven Anhebung der Zinssätze festhalten muss, während wir in Europa die Ansicht vertreten, dass die derzeitige Geldpolitik der Europäischen Zentralbank angemessen ist. Zumindest bis zu einer klaren Stabilisierung der Konjunktur ist die Position der EZB die richtige. Die derzeitige Zunahme der Inflation ist in erster Linie eine Folge der gestiegenen Ölpreise. Wenn wir die Ölpreise aussen vor lassen, ist der Inflationsdruck in der Eurozone an sich nicht so erheblich. Dennoch sollte die Politik für den Fall weiterer inflationärer Risiken gewappnet sein. Euronews:Selbst wenn die Wachstumsrate zwischen diesem und dem nächsten Jahr bei 1,5% liegt… Rodrigo Rato:Etwas weniger, bei 1,2%, nach unseren Prognosen… Euronews:Wie dem auch sei: was muss Europa tun, um ein stärkeres Wachstum zu erreichen? Rogdrigo Rato:In einigen europäischen Staaten ist das Verbrauchervertrauen erschüttert. Das nationale Konsumlevel ist in manchen Ländern sehr niedrig, wohingegen dort das Sparverhalten sehr ausgeprägt ist. Dieser Mangel an Vertrauen ist auf eine Vielzahl von Gründen zurückzuführen, und natürlich auf die Fähigkeit der Politik, klare Botschaften über ihren künftigen Kurs zu vermitteln. Aber vor allem hängt das mit dem Arbeitsmarkt zusammen. Die derzeitige Arbeitsmarktsituation ist nicht gerade beruhigend. Euronews:Aber es stimmt auch, dass Regierungen, die versucht haben, einige Reformen durchzusetzen, bei Wahlen abgestraft wurden – Beispiel Deutschland. Auch NOCH radikalere Reformvorschläge hatten keinen Erfolg. Rodrigo Rato:Die Menschen haben nicht dagegen gestimmt. Die Wahl war geteilt, aber die Mehrheit der Deutschen hat die Parteien unterstützt, die Reformen befürworten. Ich glaube also nicht, dass Ihre Interpretation richtig ist. Ich denke, dass die europäischen Wähler positive Veränderungen wollen. Euronews:Sie sprachen eben vom europäischen Binnenmarkt. Es gibt Stimmen, die einen Wirtschaftspatriotismus verlangen und einige europäische Industriesektoren schützen wollen. Wie beurteilt der IWF diese Politik? Rodrigo Rato:Ich handele ungern gegen Verbraucherinteressen. Sehen Sie, im frühen 20. Jahrhundert gab es im amerikanischen Kapitalismus – und das war ein extrem nationalistischer Kapitalismus – einen Slogan, der besagte: was für General Motors gut ist, ist auch für Amerika gut. Nun, ich teile diese Devise nicht, aber ich denke, dass einer der Haupterfolge der amerikanischen Wirtschaft darin liegt, dass dieses Denken verschwunden ist. Das ist meine Sichtweise der Dinge. Euronews:Aber tragen nicht die europäischen, die internationalen Regierungen, die Verantwortung für diese Art von Szenarien? Rodrigo Rato:Regierungen tragen einen Grossteil der Verantwortung, eine Regierung muss die Veranwortung auf sich nehmen, andernfalls wäre es zu leicht… Euronews:Sie sind also schuldig? Rodrigo Rato:Das Wort Schuld ist zu stark, aber sie sind eindeutig verantwortlich… und ich glaube, dass Regierungen halten müssen, was sie versprochen haben, damit sich etwas ändert. Nur so können die Menschen Veränderungen und bessere Chancen bekommen. Es wäre gut, in Europa ein flexibles Arbeitsmarktsystem zu haben, wo jemand, der seinen Job verliert, einen neuen finden kann. Es ist gut, ein europäisches Dienstleistungssystem zu haben, das es ermöglicht, dass jedes Land effizientere Dienstleistungen und mehr Jobs schafft. Es ist gut, dass wir den Menschen in Europa die Gelegenheit geben, mehr zu arbeiten, wenn sie das wünschen… innerhalb des europäischen Rechtssystems… selbstverständlich sprechen wir hier nicht vom industriellen Europa des 19. Jahrhunderts. Euronews:In Europa müssen sich einige Länder wegen Defizitproblemen vor der EU-Kommission verantworten, aber auch die USA haben gewaltige Haushaltslöcher. Sind die Defizite für den IWF besorgniserregend? Rodrigo Rato:Europa leidet unter den Defizit in den öffentlichen Haushalten je nach Land, aber Europa hat das gleiche oder sogar ein ernsteres Problem als die USA, und das ist die Überalterung der Bevölkerung. Dafür müssen Vorsorgemassnahmen getroffen werden. Das Problem Europas ist nicht das Sparvolumen, sondern das mangelnde Wachstum. In den USA ist das anders. Dort ist nicht nur die Überalterung ein Problem, sondern auch das Sparen. Die Konsequenzen sind andere. Andererseits haben die USA eine öffentliche Verschuldung, die nicht einmal ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Deshalb haben wir es hier mit ganz unterschiedlichen Grössenordnungen zu tun. Dennoch muss Amerika sein Sparkapital erhöhen und Europa sein Wachstum. Das ist unsere Analyse. Euronews:Der Internationale Währungsfonds ist eine Institution, die in den 40er Jahren gegründet wurde. Die heutige Welt ist eine vollkommen andere. Brauchen wir eine Reform und welche Rolle wird der IWF künftig spielen können? Rodrigo Rato:Ich vermute, dass es Zeitpunkte gab, in denen unsere Empfehlungen nicht so gut waren, und das geben wir öffentlich zu. Aber in den meisten Fällen wurden unsere Empfehlungen einfach nicht befolgt, als wir forderten, die Staatsschulden zu drosseln und das Steueraufkommen zu erweitern, als wir mehr Transparenz und Unabhängigkeit für die Zentralbanken forderten… was zu tun ist, wenn ein Land zahlungsunfähig ist und ihm niemand mehr Geld leihen will. Euronews:Aber während der Krise Argentiniens hat Domingo Cavallo den Empfehlungen des IWF Folge geleistet… Rodrigo Rato:Wie auch im Fall der Argentinien-Krise hat der IWF erklärt, wie wir Entscheidungen treffen und warum. Wir bemühten uns um Transparenz und um die Wahrheit. Ich sage nicht, dass jemand anderes das tun müsse, aber es ist schwer zu glauben, dass eine wirtschaftliche Katastrophe von diesem Ausmass einzig und allein auf eine internationale Organisation zurückzuführen ist. Wie dem auch sei, ich war zur Zeit der Argentinien-Krise noch nicht Mitglied des IWF. Aber es ist schwer vorstellbar. Euronews:Vielen Dank, Rodrigo Rato. Rato:Ich danke Ihnen.