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Microsoft-Vize Mundie: "Europas Potential altert"

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Microsoft-Vize Mundie: "Europas Potential altert"

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Bill Gates, den Chef des Softwarekonzerns Microsoft kennt jeder. Kaum einer kennt die Nummer Zwei: Craig Mundie, quasi der Außenminister der zweitwertvollsten Firma der Welt. Im Jahr 2004 setzte Microsoft mit 57 000 Mitarbeitern rund 30 Milliarden Euro um – kassierte aber auch ein Rekordbußgeld der EU-Kommission von knapp 500 Millionen Euro. Der Vorwurf: Mißbrauch der marktbeherrschenden Stellung beim PC-Betriebssystem Windows. EuroNews traf Mundie am Rand einer Konferenz in Lissabon.

EuroNews: “Die Computertechnologie boomt wieder. Haben Sie Angst vor einer neuen Dotcom-Spekulationsblase wie im Jahr 1999 ?” Craig Mundie, Senior Vice President von Microsoft: “Nein. Wenn ich über Informationstechnologie im weitesten Sinn nachdenke, dann ist das keine Sache, die mal einfach so kommt und wieder vorbeigeht. Die Dotcom-Blase vor fünf Jahren entstand aus den neuen Möglichkeiten, Informations- und Kommunikationstechnologien zu nutzen. Weltweit wurden riesige Summen investiert. Jetzt haben wir gerade eine Phase der Stabilisierung. Aber die langfristigen Trends in der Informationstechnologie waren während der ganzen Zeit stabil nach oben gerichtet. Und ich glaube, das geht so weiter.” Euronews: “Inder und Chinesen haben große Stärken im Hochtechnologie-Sektor entwickelt. Glauben sie, daß sie Europa eines Tages abhängen werden ?” Craig Mundie: “China und Indien haben in unterschiedlicher Form viel investiert, um in den Industrien der Informationstechnologie vorne mitzumischen. Und sie haben ihre Mittel systematischer eingesetzt als das in Europa seit einiger Zeit weithin der Fall ist. Das fängt an bei einer stärkeren Konzentration auf Technik und Naturwissenschaften auf den verschiedenen Stufen des Bildungssystems. Dadurch bekommen sie mehr spezialisierte Ingenieure als Europa. Das Verhältnis liegt heute bei fünf zu eins.” Euronews: “Ist die Arbeit für Sie als Vertreter von Microsoft in Europa heute schwieriger als in anderen Weltgegenden ?” Craig Mundie: “Nehmen Sie die Kopfarbeiter. Europa hat immer noch ein riesiges Reservoir an Talenten, das sich über einen langen Zeitraum entwickelt hat. Pech, daß dieses Potential altert und nicht im gleichen Tempo durch jüngere Leute ersetzt wird. Die Bildungsinstitutionen erneuern diese Kapazitäten nicht mit der gleichen Geschwindigkeit wie sie jetzt andere Länder vorlegen. So kommt es, dass in Indien und China die ganze Branche jünger und frischer beim Erfinden neuer Technologien ist. Sie tun das mit höchster Entschiedenheit und schaffen so die Grundlagen für die kommenden Jahre.” Euronews: “Fühlen Sie sich hier in Europa durch die EU behindert, etwa durch die Entscheidungen der Wettbewerbsbehörde oder durch die Patentgesetzgebung ?” Craig Mundie: “Offen gesagt, diese Themen und die europäische Debatte darüber sind für Microsoft – oder für die Industrien auf dem Feld des geistigen Eigentums ganz allgemein – eine Herausforderung. Im Grunde geht es doch um die Frage, wie sich diese kritischen Technologie-Branchen in Europa aus eigener Kraft entwickeln und welche Macht auf dem Weltmarkt sie erreichen – sollte sich keine weltweite Lösung für das Problem des geistigen Eigentums ergeben. In den Vereinigten Staaten und in Japan gibt es diese Standards und ich gehe davon aus, daß sie sich in China und Indien im Moment gerade herausbilden.” Euronews: “Glauben Sie, daß Europa bedeutende soziale Reformen angehen muß, um im weltweiten Wettbewerb mithalten zu können ?” Craig Mundie: “Ich kann hier nur meine Erfahrungen mit China, Indien und anderen asiatischen Ländern wiedergeben: Dort gibt es so große Bevölkerungsgruppen an der Schwelle zur Armut, daß die Frage einen ganz anderen Stellenwert hat, sie zu produktiven Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Dort weiß man einfach, daß man diese Leute nicht mitschleppen kann. Man muß sie produktiv machen. Und Technologie gilt nach meiner Ansicht als Mittel, das zu erreichen. In Europa hat man in Gesprächen über soziale Reformen immer noch stark im Blick, wie den Leuten geholfen werden könnte – es gibt eben einen viel geringeren Anteil an Sozialhilfeempfängern oder Aussteigern. Ich glaube, man sollte sich ebenso stark darauf konzentrieren, sie mit staatlicher Hilfe zu produktiven Mitgliedern der Gesellschaft zu machen.”