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Djukanowitsch: "Montenegro ist die Geisel Serbiens"

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Djukanowitsch: "Montenegro ist die Geisel Serbiens"

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Die kleine Republik Montenegro lebt seit dem Jahr 2003 in einer lockeren Union mit Serbien. Beide Staaten haben eigene Verwaltungen und eine unterschiedliche Wirtschaftspolitik, arbeiten jedoch auf politischer Ebene zusammen. Am 21. Mai werden nun die Bürger Montenegros über die Frage abstimmen, ob sie eine völlige Unabhängigkeit von Belgrad wünschen.

Der Premierminister Montenegros Milo Djukanowitsch sprach mit EuroNews. EuroNews: Das Datum der Volksabstimmung rückt näher. 30 Prozent der Bevölkerung sind gegen die Unabhängigkeit, viele haben sich noch nicht entschieden, machen sich Sorgen um die Wirtschaft. Ist der Preis für die Unabhängigkeit zu hoch? Djukanowitsch: Ich bin sicher, dass wir eine Mehrheit für die Unabhängigkeit bekommen. Ich bin auch sicher, dass dadurch neue Bewegung in die Beziehungen Montenegros kommen wird, sowohl in die europäischen als auch in die transatlantischen. EuroNews: Es gibt Befürchtungen, dass Montenegro, wenn es wirklich unabhängig wird, an die letzte Stelle in der EU-Anwartschaft rückt. Djukanowitsch: Montenegro hat schon viel erreicht auf dem Weg zu einer EU-Mitgliedschaft. Ich glaube, dass ein unabhängiges Montenegro als kleines und flexibles Land sehr schnell in der Lage sein wird, die Voraussetzungen zu erfüllen. EuroNews: Die EU hat ein 55 Prozent Stimmen-Limit für die Unabhängigkeit festgesetzt. Was passiert, wenn die Ja-Stimmen zwischen 50 und 55 Prozent liegen? Djukanowitsch: Wir glauben nicht, dass das zum Problem wird. Wenn es 54 Prozent sind, dann ist es trotzdem eine Mehrheit. Es wäre unfair, das nicht anzuerkennen. Wir sind überzeugt, dass wir über das 55 Prozent Limit kommen. Diese Mehrheit existiert in Montenegro und sie wird über 55 Prozent liegen. EuroNews: Viele Menschen in Montenegro haben doch sehr enge Verbindungen persönlicher Art mit Serbien, durch die Familie, die Arbeit … wird die Unabhängigkeit das Leben dann nicht komplizierter machen? Djukanowitsch: Nein, überhaupt nicht. Das ist doch nur Propaganda, um Angst zu machen. Seit mehreren Jahren schon können unsere Nachbarn, – Slowenen, Kroaten, Mazedonier, Bosnier, – sowie alle EU-Bürger und auch einige nicht EU-Bürger ohne Pass nach Montenegro einreisen. Es wäre unlogisch, wenn Serben ein Visum bräuchten. Es wäre auch unlogisch zu erwarten, dass Serbien und Montenegro Zollbarrieren aufbauen werden. EuroNews: Sie haben gesagt, dass im Falle einer Mehrheit der Unabhängigkeitsgegner die Union mit Serbien noch enger werden müsste. Warum machen Sie sich darüber Sorgen? Djukanowitsch: So wie es jetzt ist, funktioniert es nicht. Montenegro ist eine Geisel Serbiens. Die serbische Regierung hat sich ja zum Beispiel geweigert mit dem internationalen Gerichtshof in Den Haag zusammenzuarbeiten, Serbien und Montenegro entfernten sich dadurch beide von ihren europäischen Zielen. Montenegro musste für etwas bezahlen, wofür es keine Verantwortung trug. EuroNews: Es gibt auch Befürchtungen, dass eine Unabhängigkeit Montenegros den Weg für eine Autonomie des Kosovo ebnen und somit die Region de-stabilisieren würde. Was sagen Sie dazu? Djukanowitsch: Die, die das sagen, sind doch voreingenommen. Das sind genau die, die immer noch von einem Gross-Serbien träumen. Montenegro darf nicht zum Vorwand für eine fehlgeleitete Kosovo-Politik werden. EuroNews: Sie sind optimistisch, aber was geschieht, wenn die Nein-Stimmen überwiegen? Djukanowitsch: Das wird unweigerlich unsere Souveränität schmälern. Dann glaube ich nicht, dass die strategischen und nationalen Interessen Montenegros eine Chance haben, weder wirtschaftlich noch politisch. EuroNews: Was wäre Ihrer Meinung nach der grösste Vorteil einer Unabhängigkeit für Montenegro? Djukanowitsch: Das Wichtigste ist, dass wir dann die volle Verantwortung für unsere europäische Zukunft übernehmen können. Wenn unsere Zukunft nicht in unserer Hand liegt, so wie das bisher der Fall ist, dann ist das ein Hindernis für unsere Ziele.