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Nobelpreisträger Amartya Sen: "Europas Erfahrung soll allen Erdteilen zu Gute kommen"

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Nobelpreisträger Amartya Sen: "Europas Erfahrung soll allen Erdteilen zu Gute kommen"

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Der indische Wirtschaftstheoretiker Amartya Sen ist Professor in Harvard. 1998 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Studien über Mechanismen, die Hunger und Armut in der Welt zu Grunde liegen. Professor Sen hat immer wieder hervorgehoben, dass Freiheit und Solidarität wichtig für die Weltwirtschaft sind. Er befürwortet die Sozialsysteme Europas – doch er kritisiert den Trend der Europäer, im Namen des Protektionismus Mauern aufzubauen.

EuroNews: Professor Sen, herzlich willkommen bei EuroNews. Sind Sie der Meinung, dass die Europäische Union genug gegen den Hunger in der Welt tut?

Professor Sen: Da gibt es zwei Probleme: erstens, der Zugang zum europäischen Warenmarkt ist vielen Beschränkungen unterworfen. Das ist schlecht für die weniger entwickelten Länder, die gerne ihre Waren nach Europa exportieren
würden. Zweitens, das europäische Modell einer Markt-orientierten Wirtschaft und eines Sozialsystems mit Sozialversicherung etc. muss von Grund auf verstanden werden. Es geht da nicht nur um Probleme mit den Entwicklungsländern. Zum Beispiel: ist die contra-produktive Agrarpolitik in Europa sinnvoll? Sinnvoll für Europa, ganz zu Schweigen von Afrika oder Asien oder Lateinamerika. Diese Frage sollten sich auch die USA stellen.

EuroNews: Meinen Sie, dass der europäische Protektionismus das Sozialmodell in Europa schützt?

Professor Sen: Nein. Die Preise für Agrarprodukte zu regulieren und den Warenmarkt zu beschränken, das ist falsch. Die nordischen Länder, die ja eigentlich hauptsächlich für ein funktionierendes Sozialsystem stehen, waren nie besonders erpicht darauf, die Agrarpreise hochzutreiben. Der meiste Druck kam von anderen Ländern. Das Sozialmodell ist eine Sache, der Warenmarkt steht auf einem anderen Blatt. Das muss man trennen.

EuroNews: Sind Ihrer Meinung nach die Eurapäer schlimmer als die Amerikaner, wenn es um Protektionismus geht?

Professor Sen: Nein, schlimmer würde ich nicht sagen, aber auch nicht viel besser. Die USA darf man sich nicht als Beispiel nehmen. In Europa wird doch meist mehr Demokratie praktiziert als in den Vereinigten Staaten. Die USA sind zwar die erste Demokratie der Welt, aber Europa hat da doch eindeutige Vorteile: die Zentren der Macht sind vielmehr verteilt, verschiedene Länder, die alle ihre Souveränität besitzen, das Europäische Parlament ist ein Forum, das in den USA seinesgleichen sucht. Also, die Europäer sind nicht schlimmer als die Amerikaner, aber damit sollte sich Europa nicht zufrieden geben. Europa sollte die Welt anführen.

EuroNews: China und Indien sind mittlerweile zwei bedeutende Wirtschaftsmächte, die den Ölpreis bereits sehr beeinflusst haben. Wann glauben Sie wird dieses Ungleichgewicht korrigiert werden?

Professor Sen: Indien hat selbst sehr wenig Öl. China hat etwas mehr, aber braucht noch mehr. Daher sind diese zwei Länder Teil der weltweiten Energiekrise. Es geht um folgendes: die chinesische Wirtschaft hat grossen Erfolg zum Beispiel bei der Warenherstellung; Indien bei Computern und in der Chemie. Diese Länder haben es geschafft, die Produktivität verglichen mit den Löhnen zu steigern. Wenn es jetzt gerecht dabei zugeht, dann könnte die ganze Welt davon profitieren. Dazu müsste in China und in Indien etwas verändert werden, aber auch im Rest der Welt. Aber lassen Sie uns doch mal darüber sprechen, was für Vorteile Europa und die USA haben, speziell Europa: eine lange Geschichte ausgebildeter Arbeitskräfte, enorme Erfahrung auf verschiedenen Gebieten. Man muss versuchen, herauszubringen, wie diese Erfahrung allen Erdteilen zu Gute kommen kann, damit es überall wirtschaftlich und gerecht zugeht.