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Interview mit dem stellvertretenden marokkanischen Außenminister Taib Fassi Fihri

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Interview mit dem stellvertretenden marokkanischen Außenminister Taib Fassi Fihri

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In Rabat, der Hauptstadt von Marokko, findet nächste Woche eine Premiere statt: der erste Migrationsgipfel mit der EU und Staaten Afrikas. Einer der wichtigsten Strippenzieher auf Seiten der Gastgeber ist Außen-Staatssekretär Taib Fassi Fihri. Er will einen Aktionsplan, um die illegale Einwanderung zu bekämpfen und die Flüchtlingssrtöme zu organisieren.

EuroNews: Die EU und Afrika stehen kurz vor dem Gipfeltreffen zum Thema Migration. Ein heißes Eisen. Erst Anfang Juli starben mehrere Menschen beim Versuch, die spanische Exklave Melilla zu erreichen. Wie viele Tote wird es noch geben, bevor dieses Problem gelöst wird?

Taib Fassi Fihri: Natürlich bedauert die marokkanische Regierung diese Vorfälle. Und zwar zutiefst. Immerhin bin ich froh, sagen zu können, dass dieses Unglück nach einer langen Periode relativer Ruhe geschah. Ich frage mich indes, warum und wie dieser Fluchtversuch unternommen wurde – wenige Tage vor Beginn unserer Konferenz.

Es ist wichtig, dass die Regierungen sich an einen Tisch setzen und globale und ganz konkrete Lösungen für dieses Problem finden. Dabei müssen wir die wirtschaftlichen und sozialen Ursachen der Migration in Richtung Norden bekämpfen und gleichzeitig gegen die kriminellen Netze angehen, also gegen die Menschenhändler, die aus der Not der Frauen und Männer ein Geschäft machen.

Und dies geht nur mit einer gemeinsamen Entwicklung der Länder Afrikas, mit einer stärkeren Unterstützung der Europäischen Union dieser Staaten. Nur so ist eine mittel- und langfristige Lösung des Migrationsproblems möglich.

EuroNews: Die Europäische Union gibt zu, auf die Arbeitskraft von Einwanderen angewiesen zu sein, auch aus demografischen Gründen. Und die EU will sich die Immigranten aussuchen. Gleichzeitig wollen die betroffenen Staaten Afrikas nicht auf ihre besten Köpfe verzichten. Wie ist zwischen diesen beiden widersprüchlichen Standpunkten eine Balance zu erreichen?

Fihri: Entscheidend ist, dass wir praktische und konkrete Modalitäten schaffen. Etwa durch gemeinsame Entscheidungsprozesse, etwa durch eine Unterstützung der Ausbildung in den Herkunftsländern oder etwa durch die Anerkennung der Tatsache, dass man die Migration organisieren muss. Leider ist momentan festzustellen, dass die illegale Einwanderung die legale Immigration praktisch tötet.

EuroNews: Wie ist denn das Problem des Menschenhandels in den Griff zu kriegen?

Fihri: Strafmaßnahmen allein werden nie reichen.
Was wir vor allem brauchen, ist ein besserer Informationsaustausch. Und gerade deswegen bestehe ich auf einer Kooperation zwischen der EU und den Ländern Afrikas.

Dabei geht es um den Austausch von Sachverstand, Methoden und Erfahrung. Es geht nicht nur um den Kampf gegen die illegale Einwanderung und die kriminellen Netze, denn in diesen Netzen bewegen sich auch andere Arten von Schmuggel und Verbrechen.

EuroNews: Geografisch kommt Marokko hier eine Scharnierfunktion zu – wie gehen Sie damit um?

Fihri: Wir sehen unsere Verantwortung, sagen aber auch: Europa darf seinen Blick nicht nur auf seinen nächsten Nachbarn richten. Vielmehr muss Europa mit allen betroffenen Staaten diskutieren.

Auf keinen Fall kann sich die EU darauf beschränken, von einem Land wie Marokko zu verlangen, den europäischen Gendarmen zu spielen.

EuroNews: Für die Herkunftsländer sind die Immigranten finanziell durchaus lukrativ. Statistisch gesehen repräsentieren die Transferzahlungen der im Ausland lebenden Marokkaner die zweitgrößte Einnahmequelle des Landes…

Fihri: Die Angaben, die Sie hier zitieren, sind seit Jahrzehnten Realität. Es waren die Europäer, die zu Beginn der 60er Jahre gekommen sind, um unsere Jugend abzuwerben – für den Aufbau und die Entwicklung Europas.

Nur weil die europäische Wirtschaft heute die Dauerhaftigkeit der Einwanderer-Präsenz in Frage stellt, darf der Beitrag der Einwanderer in der Vergangenheit nicht vergessen werden. Genauso wenig wie die Leistungen in der Zukunft.

Wir reden hier von Millionen von Menschen, die in Europa ihre Arbeit verrichten, weil der Alte Kontinent diese Arbeitskraft braucht.

EuroNews: Sie haben von der gemeinsamen Entwicklung gesprochen – wer soll sie bezahlen?

Fihri: Wir erwarten von Europa nicht, dass es sich in einer Solidaritätspflicht sieht. Wir glauben, dass Europa kohärenter agieren kann, wenn es seine Mittel, die heute in verschiedenen Programmen, in mehreren Schubladen verteilt sind, konzentriert.

Die Mittel, die heute in mehreren Programmen liegen, etwa in der Mittelmeer-Förderung, der Afrika-Karibik-Pazifik-Förderung oder im Grenzschutz, sollten klar gebündelt werden.

Ebenso klar sollten Ziele definiert werden. Und hier sind zu nennen: die Schaffung von Arbeitsplätzen, die nachhaltige Entwicklung, die Verbesserung der Chancen von Frauen, die Integration und die bessere Ausbildung von Kindern.