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Tarja Halonen: Russland teilt unsere europäischen Werte

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Tarja Halonen: Russland teilt unsere europäischen Werte

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Finnland – ein Vorreiter in Sachen Frauenrechte. In dieser zweiten Jahreshälfte hält das Land den EU-Vorsitz. Das Staatsoberhaupt hat uns an seinem Sommersitz ein Interview gegeben: Tarja Halonen ist die erste Frau, die Präsidentin wurde, vor kurzem ist sie für eine zweite Amtszeit wiedergewählt worden. Zuvor saß die Sozialdemokratin in mehreren Regierungen, unter anderem als Außenministerin. Heute schwimmt sie auf einer Welle der Beliebtheit: 80 Prozent der Finnen sind laut jüngsten Umfragen für Halonen.

EuroNews: “Eins der Themen der finnischen EU-Ratspräsidentschaft ist die nordische Dimension. Was meinen Sie damit?”

Tarja Halonen: “Es geht darum, die Länder um die Ostsee herum so zusammenzubringen, wie es seit zehn Jahren mit den Mittelmeerstaaten geschieht. Wir haben begriffen, dass das Meer ein integrierender Faktor der Europäischen Union ist. Wie im Süden, wo einige Staaten EU-Mitglieder sind, andere beitreten wollen und wieder andere daran vielleicht nicht interessiert sind. In Nordeuropa haben wir ebenfalls Mitgliedsstaaten, und dann Finnlands Nachbarn Russland, einen Partner mit großem Potenzial. Nicht zu vergessen weiter nördlich Länder wie Norwegen und Island, reiche und entwickelte Länder, die momentan nicht beitreten wollen.”

EuroNews: “Der Sozialstaat nordischen Stils, der soziale Sicherheit mit starker Wettbewerbsfähigkeit mischt, interessiert immer mehr andere europäische Politiker. Ist das Modell anderswo in Europa anwendbar?”

Tarja Halonen: “Uns bleibt in Europa nichts anderes übrig, als das Konkurrenz-Spiel mitzuspielen. In Finnland, Schweden und in ganz Europa müssen wir Qualität vor Quantität stellen. Um diese Qualität zu erreichen, müssen wir Qualitätsfaktoren ausmachen, und deren wichtigstes Element ist der Mensch. Ich denke, dass Europa sich im internationalen Wettbewerb gut positioniert, wenn es auf Bildung setzt, Bildung, Bildung und nochmal Bildung. Ich wiederhole das, damit man sich daran erinnert. Und natürlich auch Forschung und andere Bereiche der Wissensgesellschaft.

In diesem Kontext ist die Lissabon-Strategie, die vor geraumer Zeit ins Leben gerufen wurde, ein exzellentes Programm. Aber man muss sie noch umsetzen. Ich glaube, die Unzufriedenheit der Europäer mit der EU liegt zum Teil daran, dass man nicht auf ihren sehr begründeten Wunsch eingeht, nämlich, dass die EU diese Konkurrenzfaktoren in einem großen Binnenmarkt zu kombinieren weiß.”

EuroNews: “Was muss auf dem Weg zur Gleichberechtigung getan werden, damit die Wahl einer Frau keine News mehr ist?”

Tarja Halonen: “Es müssten natürlich genauso oft Frauen gewählt werden wie Männer, im Gegensatz zur alten Idee, dass eine Frau dreimal mehr Beachtung braucht als ein Mann, um gewählt werden zu können. Gut die Hälfte der Weltbevölkerung sind Frauen. Wenn man diese Hälfte nicht genauso wirkungsvoll einsetzt wie die andere Hälfte, verspielt man Chancen.

Quoten sind eine Etappe zur Unterstützung und zum Anreiz. Die Frauen in Finnland haben ihre vollen Rechte vor hundert Jahren bekommen. Heute sind fast 40 Prozent der Abgeordneten Frauen. Dagegen überschreiten sie in der Regierung die 40 Prozent. Ministerinnen stellen mehr als 40 Prozent, weil die Parteien beschlossen haben, die Frage der Gleichberechtigung ernsthaft anzugehen.
Wir haben derzeit in Finnland eine sehr lebhafte Diskussion über Frauen an der Macht in öffentlichen Unternehmen und im privaten Sektor. Denn es scheint, dass in den Unternehmen der Weg für sie noch sehr steinig ist, um an die Spitze zu kommen.”

EuroNews: “In diesem Jahr war der 20. Jahrestag des Reaktorunfalls in Tschernobyl. In mehreren Ländern Europas lehnen die Menschen Kernenergie ab. Warum baut Finnland dagegen gerade seinen Nuklearpark aus?”

Tarja Halonen: “Ich glaube, wir sind in Finnland wie anderswo in Europa heute reifer als früher, um über Energiequellen zu debattieren und jeder seine Verantwortung zu übernehmen. Wir möchten, dass die finnische EU-Ratspräsidentschaft eine Gelegenheit bietet, diese Debatte zu intensivieren, damit der Dialog zwischen Versorgungsunternehmen und Verbrauchern verstärkt und offener wird. Die Tatsache, dass das Interesse an Nuklearenergie in einigen Ländern gewachsen ist, um so die Energieabhängigkeit vom Ausland zu verringern, diese Tatsache ist nicht die einzige Weise, wie man das Thema angehen kann. Es muss jedoch darüber in aller Ernsthaftigkeit diskutiert werden.”

EuroNews: “Im Zweiten Weltkrieg trat Finnland noch gegen die Sowjetunion in den Krieg ein. Seitdem hat sich eine freundschaftliche Beziehung zwischen beiden Seiten entwickelt, die auch den Kalten Krieg überstand. Wie könnte diese Erfahrung für die EU von Nutzen sein?”

Tarja Halonen: “Das war eine Erfahrung der Nachbarschaft Haut an Haut, die Tatsache, dass wir über Jahrzehnte Seite an Seite lebten, unabhängig vom Namen unserer Länder. Diese konkrete Erfahrung können wir nun mit anderen teilen, umso mehr, als sie sich in den vergangenen Jahren verstärkt hat.”

EuroNews: “Russland gewinnt an Macht – muss man es als Bedrohung für seine Nachbarn ansehen?”

Tarja Halonen: “Es ist mehr eine Chance als eine Bedrohung. Ich habe schon mehreren Journalisten gesagt, dass Russland heute das beste Russland ist, das wir je hatten. Es teilt heutzutage mit uns die europäischen Werte und kämpft dafür, dass sie respektiert werden. Bei einem Wandel gibt es immer Risiken, und die betreffen nicht nur Finnland und Russland, sondern ganz Europa.”

EuroNews: “Vertreter kleiner Staaten übernehmen oft hochrangige Funktionen in internationalen Organisationen, etwa bei der UNO. Wenn man Sie fragte: Würden Sie den Posten des UN-Generalsekretärs annehmen?”

Tarja Halonen: “Natürlich! Jeder wäre an solch einer Perspektive interessiert. Jetzt bewirbt sich aber gerade ein Asiat um die Nominierung. Es ist durch keine Regeln definiert, aber ich wünsche der UNO Erfolg bei der Suche nach einem guten Kandidaten. Denn sie muss eine für die ganze Welt repräsentative Organisation sein. In diesem Sinne hoffe ich, dass ein Gleichgewicht gefunden wird. Man darf auf keinen Fall die Kandidatur kompetenter Frauen ausschließen, egal, von welchem Kontinent sie kommen.”