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Geoff Hoon: Ich bin Engländer und Europäer

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Geoff Hoon: Ich bin Engländer und Europäer

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Als Europaminister hat Geoff Hoon in Großbritannien nicht immer einen leichten Stand. Aber der Labour-Politiker ist vom europäischen Gedanken überzeugt – wie auch von der EU-Erweiterung. Im Interview mit EuroNews lässt er daran keinen Zweifel aufkommen. Über seine politische Zukunft – angesichts der Blair´schen Götterdämmerung – wollte er sich indes nicht äußern…

EuroNews: In Großbritannien scheint es derzeit eine ausgeprägte Stimmung gegen künftige EU-Erweiterungen zu geben – nicht zuletzt wegen der zahlreichen Einwanderer aus Osteuropa. Planen Sie dennoch weiterhin eine Politik der “offenen Tür”?

Hoon: Ich hoffe doch, dass “ausgeprägte Stimmung” etwas übertrieben ist. Es gab natürlich einige unangenehme Schlagzeilen in der nachrichtenarmen Zeit des Sommers. Großbritannien unterstützt weiterhin den Beitritt Rumäniens und Bulgariens. Wir müssen dabei auf die Bedingungen des Arbeitsmarktes schauen, so wie jedes andere Land auch.

EuroNews: Können Sie Ihren Landsleuten versichern, dass ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht negativ getrübt werden durch Einwanderer?

Hoon: Es hat eine große Zahl von Menschen gegeben, etwa aus Polen, die für eine gewisse Zeit nach Großbritannien gekommen sind. Nicht unbedingt, um hier dauerhaft zu leben, sondern um für eine gewisse Zeit zu arbeiten, Erfahrung zu sammeln und sicherlich besser zu verdienen als in ihrer Heimat.

Es gab von niemandem im Königreich den Einwand, diese Menschen könnten anderen den Arbeitsplatz oder die Chancen darauf nehmen. Dieses Thema ist im Zusammenhang mit der Frage aufgetaucht, inwieweit wir den Zustrom von Arbeitskräften auf unseren Erwerbsmarkt für eine Übergangsperiode kontrollieren müssen.

EuroNews: Vor fast einem Jahr hat die EU Beitritssverhandlungen mit der Türkei aufgenommen. Die Kommission wird dazu im Oktober einen kritischen Zwischenbericht vorlegen. Der Widerstand gegen die Türkei scheint zu wachsen. Wie geht Großbritannien damit um?

Hoon: Es gibt in der Türkei immer noch sehr viel Begeisterung für eine EU-Mitgliedschaft. Daher ist es für das Land wichtig, dass es seine entsprechenden Verpflichtungen einhält. Dabei ist noch eine Menge zu diskutieren und zu verhandeln.
Wir wollen natürlich einen Erfolg dieser Gespräche, aber wir wollen diesen Erfolg auf der Basis der EU-Regeln.

EuroNews: Sie sagen, es gibt viel EU-Begeisterung in der Türkei. Unser Eindruck ist, dass diese Begeisterung abgenommen hat. Wie erklären Sie das?

Hoon: Es mag zwar eine negative EU-Berichterstattung in einigen türkischen Medien gegeben haben. Aber in den Gesprächen, die ich mit hochrangigen Regierungsmitgliedern geführt habe, ist von einer geringeren Begeisterung nichts festzustellen. Mein Eindruck ist, dass sich die Türkei nach wie vor als moderner, säkularer und pro-westlicher Staat sieht.

EuroNews: In Großbritannien hat die EU ein Image-Problem. Wie wollen Sie dagegen vorgehen?

Hoon: Nun, es ist wichtig, immer wieder zu unterstreichen, was für die vorherige Generation selbstverständlich war. Nämlich dass Europa gut für Großbritannien ist und dass Großbritannien sehr gut für Europa ist. Wir sollten die alltäglichen Vorteile den Leuten immer wieder ins Gedächtnis rufen, denn manchmal geht das verloren.

Ganz praktisch sind nämlich die meisten Leute europäischer als sie jemals waren. In dem Sinne, dass sie für Unternehmen arbeiten, die von einem gemeinsamen Markt abhängig sind. Außerdem reisen die Menschen innerhalb Europas, verbringen dort ihre Ferien und kaufen dort sogar Immobilieneigentum.

EuroNews: Umgekehrt hat Großbritannien das Image, immer noch europaskeptisch zu sein. Wie gehen Sie denn damit um?

Hoon: Ich halte das für falsch. Vielleicht sind unsere Zeitungen bisweilen ein bißchen scharf, wenn es um europäische Themen geht. Aber wir sind da. Wir bringen vielleicht nicht den größten Enthusiasmus auf, aber auch nicht den geringsten.

Ich selbst war zu Zeiten Margaret Thatchers Mitglied des Europäischen Parlaments, als Großbritannien wirklich ein Image-Problem hatte.
Margaret Thatcher galt als jemand, der nicht das geringste Interesse an Europa hatte. Dagegen hat Tony Blair dafür gesorgt, dass Großbritanniens Stimme in Europa gehört wird, indem er sich positiv engagiert hat. Gleichzeitig hat er die nationalen Interessen nicht außer acht gelassen.

EuroNews: Gordon Brown will die britische Identität stärker zur Geltung bringen. Wie verträgt sich das mit dem Bemühen um Europa?

Hoon: Nach meiner Meinung schließt das eine das andere nicht aus. Ich stamme aus Derby in den East Midlands und bin natürlich ein Fan des Fußballclubs Derby County. Gleichzeitig unterstütze ich natürlich bei Länderspielen England. Im Moment läuft gerade das Golf-Turnier Ryder-Cup, bei dem Europa gegen die USA spielt. Da bin ich Europäer.

Die Menschen können also verschiedene Identitäten annehmen und sind glücklich dabei. Wir sollten also daraus kein Problem machen.

EuroNews: Wirtschaftlich und sozial scheint Europa zwischen zwei Modellen zu lavieren: dem französischen Sozialstaat und dem angelsächsischen Liberalismus. Welches wird sich denn durchsetzen?

Hoon: Einige Länder legen größeren Wert auf staatliches Engagement als andere, das gilt auch für wirtschaftliche Aktivität. Wir sehen das anders.

Wir glauben, dass es im besten Interesse der Wirtschaft ist, selbst die Vorteile des Binnenmarktes und der Globalisierung zu nutzen. Folglich sind wir der Meinung, dass Europa diesem Beispiel folgen sollte.

Übrigens sieht die Europäische Kommission das ähnlich, etwa bei ihren Forschungs- und Entwicklungsprojekten, Investitionen in neue Technologien. Das ist wirklich genau der Ansatz, den wir in Großbritannien wählen.