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Herausforderung für Liberia: Kindersoldaten reintegrieren

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Herausforderung für Liberia: Kindersoldaten reintegrieren

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Die Liberianerin Ellen Johnson Sirleaf – die erste Frau auf dem Präsidentenposten in einem afrikanischen Land. Liberia war im 19. Jahrhundert ein Projekt zur Ansiedlung ehemaliger afroamerikanischer Sklaven. Konflikte zwischen ihnen und den einheimischen Ethnien prägen das Land bis heute. Nach blutigem Bürgerkrieg wurde mit der demokratischen Wahl von Ellen Johnson Sirleaf im November 2005 der Grundstein für einen Neuanfang gelegt. Johnson Sirleaf war vor kurzem zu Besuch in Straßburg. Dort dankte sie der EU für die Hilfen für ihr Land, und bat auch für die Zukunft um Unterstützung. Die Präsidentin nahm sich Zeit für ein Interview mit EuroNews.

EuroNews: Es ist noch kein Jahr her, da haben sich die Menschen in Liberia für Sie ausgesprochen, Ihnen das Vertrauen entgegengebracht, dass Sie wieder Stabilität in Liberia schaffen können. Die Welt schaut auf Sie. Was ist die größte Herausforderung für Sie im Moment?

Johnson Sirleaf: Die größte Herausforderung ist sicherzustellen, dass wir die Jugend Liberias zurück auf die Schulbank bringen. Wir haben 120.000 ehemalige Kindersoldaten, die in die Gesellschaft reintegriert werden müssen. Wir müssen dafür sorgen, dass sie ins Leben zurück finden. Sie sind jung, sie sind verwundbar, sie sind ausgebildet zum Töten. Es wäre ein Leichtes, sie wieder als Soldaten anzuheuern. Das muss verhindert werden. Diese Kinder sind unsere größte Herausforderung.

EuroNews: Dem ehemaligen Präsidenten Charles Taylor wird im April in Den Haag der Prozess gemacht – ihm allein. Was ist denn mit seinen Anhängern, von denen es heißt, dass sie immer noch in Liberia aktiv seien?

Johnson Sirleaf: Sagen wir mal so, Mister Taylor ist nicht von einem liberianischen Gericht angeklagt worden, sondern von einem Sondergericht der Vereinten Nationen, zuständig für Sierra Leone. Bisher haben wir in Liberia noch gar keine Entscheidung getroffen, ob wir ein Kriegsverbrechertribunal ins Leben rufen wollen. Wir haben eine Kommission gebildet, die Wahrheits- und Versöhnungskommission. Sie wird Richtlinien ausarbeiten. Wir wollen Gerechtigkeit. Wir brauchen Gerechtigkeit. Wir werden uns an die Empfehlungen der Kommission halten.

EuroNews: Sie sind die erste demokratisch gewählte Präsidentin in Afrika. Sie sprechen oft über die Rechte der Frauen und die Gleichstellung der Geschlechter. In Ihrem Land wurden in der Vergangenheit die Menschenrechte mit Füssen getreten, was wird denn jetzt dort für die Frauen getan?

Johnson Sirleaf: Zunächst mal hoffe ich, dass wir das schlechte Image korrigieren können. Wir möchten eine Regierung sein, die die Menschenrechte respektiert und nicht erlaubt, dass diese mit Füssen getreten werden. Was die Frauen angeht, so glaube ich, dass ihr Selbstwertgefühl schon allein dadurch gewachsen ist, dass ich auf diesem Posten bin. Ausserdem haben wir Frauen in Schlüsselpositionen der Macht gebracht. Und wir haben gerade ein hartes Gesetz gegen Vergewaltigung verabschiedet: auf Vergewaltigung steht jetzt lebenslange Haft. Wir haben noch zwei spezielle Programme gestartet: Unterricht im Lesen und Schreiben für Marktfrauen, und ein Ausbildungsprogramm für Mädchen.

EuroNews: Noch eine wichtige Frage: Zwei Millionen Frauen werden jedes Jahr in Afrika beschnitten. Wie stehen Sie persönlich dieser Praxis gegenüber, wie sollte man damit umgehen?

Johnson Sirleaf: Ja, dieses Problem haben wir in meinem Land auch. Es ist ein traditionelles und ein kulturelles Problem. Wir müssen schon im Kindergarten mit der Aufklärung anfangen. Wir müssen darüber sprechen, dass es wichtig ist, den weiblichen Körper nicht so zu zurichten, und wir müssen auch darüber sprechen, dass die Klitorisbeschneidung Folgen für die körperliche und die seelische Gesundheit der Frau hat. Mit Gesetzen kommen wir nicht weiter.

EuroNews: Sollte man diese Praxis ächten?

Johnson Sirleaf: Nein, wir müssen uns dem Problem entgegenstellen, aber es muss uns klar sein, dass dies etwas ist, das ganz tief in unser Tradition und Kultur verankert ist. Ächten reicht nicht. Wir müssen mit Aufklärung und Bildung an die Sache ran gehen. Nur so können wir das Problem wirklich lösen. Es hat keinen Zweck, Gesetze zu machen und Beschneidung unter Strafe zu stellen. Dann machen sie genauso weiter, nur heimlich.

EuroNews: AIDS ist ein großes Problem in Afrika, und auch die Tatsache, dass gewisse Staatsoberhäupter gar nicht zugeben wollen, dass das Problem existiert. Wie könnte man da wirklich etwas ändern?

Johnson Sirleaf: Wir haben ganz klar erkannt, das AIDS ein wachsendes Problem ist. Vor einigen Jahren waren vier Prozent der Bevölkerung infiziert, jetzt liegt die Zahl bei zehn bis zwölf Prozent. Das ist schlimm. Wir wollen eine AIDS-Kommission einrichten, wir haben beim Welt-AIDS-Fond bereits ein Ansuchen um Hilfe eingereicht, und wir versuchen vor allem zwei Wege zu gehen: Erstens, ein ganz kleiner Teil der Kranken bekommt nur Medikamente, hier brauchen wir Unterstützung, damit mehr Kranke medikamentös behandelt werden, und zweitens versuchen wir das Sexualverhalten der Menschen zu beeinflussen, durch Information. Wir haben Plakate, in den Schulen sprechen wir darüber, wie man sich schützen kann. Wir tun alles, um uns dem Problem zu stellen.