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Exclusives EuroNews-Interview mit Mehmet Ali Talat

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Exclusives EuroNews-Interview mit Mehmet Ali Talat

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Er selbst nennt sich “Präsident” der “Türkischen Republik Nord-Zypern”. International ist dieser Staat nicht anerkannt. Immer noch stehen hier türkische Besatzungssoldaten – auf dem Boden der Europäischen Union! Nur wenige Tage vor der Veröffentlichung eines Türkei-kritischen Berichtes der EU-Kommission hat die finnische Ratspräsidentschaft einen Vermittlungsversuch gestartet und vorgeschlagen, den nord-zyprischen Hafen Famagusta für direkten Handel mit EU-Staaten zu öffnen.

Im Gegenzug soll das Regime im Norden die eingezäunte Geisterstadt Varoscha zurückgeben an griechisch-zyprische Flüchtlinge. Dafür will Nordzypern aber mehr: der Flughafen Ercan soll freigegeben werden für internationale Direktflüge.

EuroNews: Was ist IHRE Reaktion auf die finnische Vermittlungsinitiative? Ist der Vorschlag akzeptabel für Sie?

Mehmet AliTalat: Für die Zypern-Türken ist es extrem wichtig, dass unsere Isolierung beendet wird. Wir glauben NICHT, dass wir im Gegenzug für diese Beendigung der Isolierung irgendetwas herzugeben haben. Denn schliesslich hat der Europarat am 26. April 2004 beschlossen, die wirtschaftliche Isolierung der Zypern-Türken aufzuheben. Von irgendeinem “Kuh-Handel”, von einem Prozess des “Gebens-und-Nehmens” war da nirgendwo die Rede! Aber nun verlangt man auf einmal von uns, dass wir im Gegenzug für eine nur BEGRENZTE Aufhebung unserer Isolierung – also die Aufnahme direkter Handelsbeziehungen – das Stadtviertel Varosha den Vereinten Nationen übergeben sollen. Im Rahmen einer UMFASSENDEN GESAMTLOESUNG sind wir allerdings bereit, über Varoscha zu verhandeln, das stimmt. Doch sollte unsere Isolierung nur TEILWEISE beendet werden, ist es NICHT GERECHT, von uns die Rückgabe von Varoscha zu fordern.

EuroNews: Wie sehen Sie das? Können die griechisch-zyprischen Flüchtlinge in ihre Häuser zurückkehren?

Mehmet Ali Talat: Hm, Flüchtlinge! Sie sagen: Flüchtlinge! – Aber nach dreissig-und-mehr Jahren muss man schon sehen, dass diese Menschen doch längst anderswo untergekommen sind. Das sind keine Flüchtlinge mehr! – Andererseits haben Sie schon recht, es gibt Menschen die vertrieben wurden – und einige von ihnen, ja eine durchaus ganz ERHEBLICHE Anzahl von ihnen wird die Gelegenheit zur Rückkehr haben.

EuroNews: Die Regierung der Zypern-Griechen im Süden verweigert die Aufnahme direkter Handelsbeziehungen über türkisch-zyprische Flughäfen. Wie reagieren Sie hierauf?

Mehmet Ali Talat: Das ist eine gute Frage. Und in der Tat, wir fordern die Einbeziehung direkter Flugverbindungen von und zu unseren Flughäfen in die vorgeschlagene finnische Verhandlungslösung. Die Rückgabe Varoshas gehört hingegen nicht auf den Verhandlungstisch. Denn Direktflüge, Finanzhilfen und direkte Handelsbeziehungen nach EU-Regeln sind KEIN Teil einer umfassenden Gesamtlösung – sondern lediglich Teil der bereits zugesagten Beendigung unserer Isolierung. Für uns ist die Einbeziehung des Ercan Flughafens in die Verhandlungen und die Aufnahme von Direktflügen ein SEHR wichtiges Thema.

EuroNews: Ist die Öffnung der Flughäfen im türkisch-zyprischen Norden eine BEDINGUNG, die Sie stellen?

Mehmet Ali Talat: Ich würde nicht solche Wörter wie “Bedingung” oder “Vorbedingung” nennen. Aber das Thema der Flughafenöffnung IST von Bedeutung. – Und der finnische Vorschlag, so wie er jetzt auf dem Tisch liegt, ist nicht ausgewogen.

EuroNews: Warum schicken Sie nicht die türkischen Soldaten nach Hause, die hier Territorium der EU besetzen? Fühlen Sie sich ohne türkische Soldaten denn nicht sicher hier?

Mehmet Ali Talat: Stellen Sie sich folgendes vor: Zypern ist Mitglied der Europäischen Union, die Türkei nicht! In SO einer Umgebung werden sich Zypern-Türken NICHT sicher fühlen… Ich spreche über die feindliche Einstellung der Zypern-Griechen uns gegenüber. Bereits jetzt versuchen sie, den Zypern-Türken die Luft abzuschnüren, in jeglicher Beziehung! Angesichts dieser Feindseligkeit haben wir in der Tat Angst, vorallem vor dem griechisch-zyprischen Militär.

EuroNews: Wie könnte die deutsche EU-Ratspräsidentschaft im kommenden Jahr die Zypern-Verhandlungen aus der Sackgasse führen? Was schlagen Sie vor?

Mehmet Ali Talat: Die Europäische Union hat den Zypern-Türken versprochen, die Isolierung zu beenden. FALLS die Europäische Union diese Zusage einhält, DANN wird die Türkei nicht zögern, ihre Häfen für griechisch-zyprische Schiffe zu öffnen.

EuroNews: Das Zeit-Fenster schliesst sich: Im kommenden Jahr wird in der Türkei gewählt – da wird es schwierig sein, einen Kompromiss für Zypern zu finden. Vielleicht wird es nun zehn oder gar zwanzig Jahre dauern – für den Fall, dass man nicht JETZT einen Kompromiss aushandelt!?

Mehmet Ali Talat: In der Tat, wenn wir jetzt keine Lösung für das Zypern-Problem finden, dann haben Sie mit Ihrer Einschätzung durchaus recht. – Allerdings glaube ich nicht, dass die Verhandlungsbemühungen der Vereinten Nationen – und nur auf dieser Ebene können wir zu einer Lösung finden – zu einem zehnjährigen Stillstand kommen.