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Estlands Präsident Ilves: Die Probleme Russlands interessieren mich nicht

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Estlands Präsident Ilves: Die Probleme Russlands interessieren mich nicht

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Vor zwei Monaten wurde Toomas Hendrik Ilves neuer Präsident Estlands. In Schweden geboren, in den USA ausgebildet, ist der 52jährige ein glühender Verfechter der Integration seines Landes in EU und NATO. Als Oberbefehlshaber der Streitkräfte hat Ilves auch den Einsatz im Irak zu verantworten. Etwa 50 Soldaten sind dort, weitere hundert sind in Afghanistan. Wegen der Krise im Irak weht Ilves nun der Wind ins Gesicht. Aber als Staatschef eines Nachbarn Russlands ist er das ja gewohnt… Im Gespräch mit EuroNews zeigt er sich prinzipientreu.

EuroNews: In ein paar Tagen kommt mit George W. Bush zum ersten Mal ein amerikanischer Präsident nach Estland. Daheim ist der derzeit so unpopulär wie noch nie – wegen des Irak-Kriegs. Estland ist Teil der “Koalition der Willigen” und hat Truppen in den Irak entsandt. Bedauern Sie inzwischen diese Entscheidung?

Ilves: Sicherlich bedauern wir den Verlauf des Krieges. Aber wir sind ein Land, das sich gewünscht hätte, dass ihm die Demokratien während der Diktatur der Sowjets oder der der Nazis zu Hilfe gekommen wären. Wir waren ja von beiden besetzt. Was den Irak angeht, so haben wir ein Recht dort zu sein. Wir mögen zwar über die militärischen Operationen unterschiedliche Ansichten haben – und haben sie in der Tat. Auch waren wir bestürzt darüber, dass sich die vermuteten Massenvernichtungswaffen dort nicht befanden. Aber dennoch war die Entscheidung, in den Irak zu gehen, richtig.

EuroNews: Bislang sind zwei estnische Soldaten im Irak ums Leben gekommen. Einige sagen, dies sei der Preis, den die baltischen Staaten für die NATO-Mitgliedschaft zu zahlen hätten. Glauben Sie, dass es einen solchen Preis geben musste?

Ilves: Der Irak ist keine NATO-Mission. Sicher gibt es für Demokratien moralische Verpflichtungen, bestimmte Dinge zu tun. Die Entscheidung, Truppen in den Irak zu entsenden, war die eines souveränen Staates – es ging nicht darum irgendjemandem irgendetwas zu bezahlen.

EuroNews: Was ist wichtiger für Estland, die Mitgliedschaft in der EU oder in der NATO?

Ilves: Sie müssen natürlich sehen, dass beide Mitgliedschaften verschiedene Dinge bewirken. Die NATO-Mitgliedschaft ist so, als würden Sie ein Schutzschild kaufen. Sie müssen dafür zwei Prozent ihres Einkommens bezahlen, um es zu bekommen und zu behalten. Und Sie müssen fit bleiben, damit Ihnen der Schild auch immer passt. Der Beitritt zur Europäischen Union hingegen bedeutet, dass Sie jede Faser ihres Körpers ersetzen – Stück für Stück. Sie treten bei und tauschen einen Knochen aus – und dann den nächsten Knochen. Und am Ende haben Sie einen völlig neuen Körper. Die Basis Ihres Lebens und Ihres Daseins, Ihre ganze Gesellschaft hat eine neue Struktur.

EuroNews: Vor einigen Jahren sagte ein NATO-Experte, die Erweiterung des Bündnises sei für die USA die Titanic – und die baltischen Staaten seien der Eisberg. Glauben Sie, dass Sie und Ihre baltischen Nachbarn die Prognose als falsch entlarvt haben?

Ilves: Eindeutig – im Falle Estlands zeigt der Einsatz etwa in Afghanistan dass wir absolut nicht der Eisberg sind – obwohl wir cool sind… Ihr Zitat ist natürlich eine typisch westliche Interpretation. Dass nämlich eine Demokratie, eine stabile Demokratie an der Grenze zu Russland als Sicherheitsbedrohung wahrgenommen wird. Und da denke ich, dass dies eine sehr merkwürdige Art ist, die Welt zu betrachten.

EuroNews: Sie haben Russland erwähnt – Sie wollen die Beziehungen zwischen Ihren beiden Ländern verbessern. Wie wollen Sie Moskau davon überzeugen, dass eine sichere…

Ilves: …ich sage Ihnen, das ist nicht von Bedeutung. Ich bin Europäer, und ich mache mir Gedanken über europäische Probleme. Die Probleme Russlands interessieren mich nicht. Das Konzept Europa ist ein Heiligtum für Estland, seitdem das Land 1940 zum ersten Mal besetzt wurde. Die Rückkehr nach Europa ist seitdem unser Ziel. Die Trennung von Europa durch die sowjetische Besatzung hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Dadurch wurden wir eben kein blühendes, reiches Land wie Finnland, das 1940 etwa auf unserem Entwicklungsstand war. Estland denkt über Europa nach. Journalisten wollen immer wissen, was wir über Russland denken. Aber das interessiert uns nicht.
Für uns ist unser Land wichtig. Unsere Priorität ist Europa.