Eilmeldung

Eilmeldung

Studien zur Vergangenheitsbewältigung in Belgien

Sie lesen gerade:

Studien zur Vergangenheitsbewältigung in Belgien

Schriftgrösse Aa Aa

“ Der belgische Staat trägt eine Mitschuld an den Judendeportationen während des II.Weltkrieges”. Zu diesem Ergebnis kommen belgische Historiker, die ihre Studie in dieser Woche im Senat vorgestellt haben. In den tausend Seiten starken Forschungsbericht unter dem Titel “Williges Belgien” heisst es, der belgische Staat habe mit den deutschen Besatzern “ aus wirtschaftlichen, ideologischen und juristisch-administrativen Gründen kollaboriert.

Aus dem Bericht geht hervor, dass im Herbst 1940 Zentralverwaltung und oberste Justiz auf Wunsch der Nazis entschieden, alle Juden von den lokalen Behörden registrieren zu lassen. Die kamen dem Auftrag mit durchaus unterschiedlichem Eifer nach. So weigerte sich z.B. 1942 die Stadt Brüssel den Judenstern auszuteilen. Die Polizei von Antwerpen hingegen nahm eigenverantwortlich 1.243 Juden fest und lieferte sie an die Nazis aus. Von 56. 000 Juden, die zu Beginn des Krieges in Belgien lebten, wurde fast die Hälfte in deutsche Konzentrationslager deportiert. Überlebt haben davon nur 1.200.

Der Historiker Rudi Van Doorslaer vom Forschungs- und Dokumentationszentrum für Krieg und zeitgenössische Gesellschaft gehört zu den Autoren der Studie. Er sagt: “In der traditionellen belgischen Elite existierte eine gewisse Form von Fremdenfeindlichkeit bis zur Grenze zum Antisemitismus. Und deshalb gab es in den 30er und 40er Jahren ein so gravierendes Demokratie-Defizit.”

Der Bericht ist so wichtig, weil mehr als 60 Jahre danach in Belgien eine Art Idealbild von einer kollektiv Widerstand leistenden Nation gepflegt wird. Julien Klener vom israelitischen Zentrum weiss: “ Es gab Kollaboration auf unterschiedlichem Niveau. Genauso gab es aber auch Menschen in Belgien, die selbst die Initiative ergriffen, um Juden zu helfen. Das darf man auch nicht vergessen.”

Nicht vergessen dürfe man zum Beispiel jene, die verfolgten Juden falsche Taufscheine besorgten. Am vorliegenden Bericht lobt er vor allem dessen aufklärende und für die Zukunft vorbeugende Wirkung. Julien Klener betont, man müsse sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, so schrecklich sie auch sei. Klener wörtlich: “Ich wage zu hoffen, dass die Demokratie immer noch zu den am nachdrücklichsten unterstützten Ideen in Europa gehört.”