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Interview mit Moni Ovadia

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Interview mit Moni Ovadia

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Wir sind in Mailand bei Moni Ovadia. Er ist Schauspieler, Autor und Sänger. Ein bulgarischer Jude, der die längste Zeit seines Lebens in Italien verbracht hat. Also der richtige Partner, um über europäische Dimensionen zu sprechen – Denn damit möchten wir den 50. Jahrestag der Römischen Verträge würdigen, die die Geburtsurkunde unserer Europäischen Union darstellen. Die erste Frage dazu lautet:

Moni Ovadia: Existiert es denn, dieses Europa? Eine große Frage! Wir haben mit Europa in Form der Europäischen Gemeinschaft angefangen. Im Moment dürfte das Programm “Erasmus” das am weitesten europäische sein – weil es einen Bildungs- und Erziehungsprozess angestoßen hat. Die jungen Leute bekommen in dem Alter, in dem man am begeisterungsfähigsten ist, die Gelegenheit zu lernen. Das ist eine wunderbare Sache, so entstehen “europäische Familien!

EuroNews: Vielleicht besteht das Problem darin, dass die “Römischen Verträge” auf die wirtschaftliche Entwicklung ausgerichtet waren – mit ihrer “Vereinigung für Kohle und Stahl”. So verbindet sich in den Köpfen der europäischen Bürger oft noch “Europa” zuerst mit “Wirtschaft”.

Moni Ovadia: Diese finanzielle, wirtschaftliche und handels-politische Dimension erscheint als Stützpfeiler, um den herum sich Europa dreht. Natürlich ist die Wirtschaft wichtig. Ich bin nicht so naiv-idealistisch, zu sagen, “Nein, man muss nur ein Europa der Werte schaffen.” Das Problem besteht doch darin, dass Europa von nun an dabei ist, die Werte zu definieren, die eigentlich sein Erbe ausmachen. Nehmen wir die Kultur. Wenn wir keine europäische Kultur haben, können wir auch nicht von “Europa” sprechen. Nichts desto trotz gibt es bereits ein “intellektuelles Europa”.

EuroNews: Zu europäischen Institutionen und europäischer Politik meint Moni Ovadia: Zu weit weg vom Bürger!!! Moni Ovadia hat da so seine Vorschläge, womit man anfangen könnte, um Europa den Leuten näher zu bringen

Moni Ovadia: Ich würde es gern sehen, wenn sich die jungen Leute in den Fußballstadien an Stelle der Farben ihrer Mannschaften die Europa-Farben ins Gesicht malen würden, das Blau mit den Sternen… Unsere Fahne ist doch schön. Und dann würde ich vor jedem Spiel die Europa-Hymne singen lassen, diese Musik von Beethoven ist so großartig. Und auf der Anzeigetafel sollten dann in vielen Sprachen die Worte erscheinen ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER. Wäre doch nicht schlecht, wenn das unser Slogan würde, diese beste aller Losungen. Weil ich gerade mit EuroNews rede – es geht mir nicht um ein billiges Kompliment, wenn ich sage: EuroNews sollte zum Referenz-Sender in Europa erklärt werden, den jeder sehen kann. Ich denke, wir brauchen einen wirklich europäischen Fernsehsender für Europa – sowas wie es die Tagesschau von RAI uno für Italien ist.

EuroNews: So schön es auch ist, in Mailand über 50 Jahre “Römische Verträge” zu sprechen – das ist Vergangenheit. Reden wir doch mal über Träume….

Moni Ovadia: Ich mit meiner Herkunft – ich träume wirklich von einem Europa der Multi-kulturellen Identitäten. Ich bin sehr italienisch, sehr mailändisch, sehr jüdisch, sehr slawisch, sehr europäisch – und außerdem ein Weltbürger. Es gibt nichts, was ich nicht bin.
Deshalb zitiere ich ein indisches Sprichtwort über die Vergangenheit: “ Wenn du nicht weist, wohin du gehen sollst, dann schau dich danach um, wo du herkommst.” Der Blick auf die Vergangenheit hilft beim Bau der Zukunft. Bergson hat als Vergleich das Bild des Bogens benutzt: der Bogen ist die Institution, der Pfeil ist die Zukunft und die Sehne ist die Vergangenheit. Nur wenn man die Sehne spannt, fliegt der Pfeil weit voraus. Nur wenn man an der Zukunft baut, kann man die Vergangenheit bewältigen.

EuroNews: Können denn die “Römischen Verträge” von Nutzen sein, wenn man den Europa-Bürger schaffen will?

Moni Ovadia: Die waren der Anfang. Und als solchen muss man sie grundsätzlich respektieren. …wenn man bedenkt, dass sie aus der Erfahrung eines Krieges geschaffen wurden, in dem Franzosen, Deutsche, Engländer hingeschlachtet wurden… Ich sage auch:
Die größte Wunde hat sich Europa selbst zugefügt – durch die Judenverfolgungen. Die Juden haben doch Europa vorausgeahnt.
Mit ihrer Mehrsprachigkeit waren sie überall in Europa zu hause, sie fühlten sich wohl in jeder Ecke Europas… Sie waren die Bürger, die Europa vorausgeahnt haben. Sehen sie sich dieses großartige jèdische Museum in Berlin an, dieses erstaunliche Werk des Architekten Liebeskind – großartig – es liegt wie eine große Narbe im Herzen von Berlin. Gehen sie in die zweite Etage, dort sehen sie, was die Juden zur deutschen Kultur beigetragen haben. Es ist, als hätten die Nazis ganze Stücke aus und aus dem Herzen Deutschlands herausgerissen.

EuroNews: Es wäre auch interessant, über den Platz zu sprechen, den Juden, jüdische Kultur heute in der europäischen Identität einnehmen. Ich möchte aber noch über die Beziehungen zur islamischen Welt sprechen. Darüber spricht man ja nur noch im Sinne von Konflikt.

Moni Ovadia: Der Islam bildet eine der Grundlagen der europäischen Kultur. Wir können uns das wahre Europa nicht ohne seine islamischen Zutaten vorstellen. Das gilt sogar für die Religion: Wieviele Christen wissen, dass die vielleicht schönsten Worte, die man über die Jungsfrau Maria lesen kann, aus dem Islam kommen. Sie stehen im “Surat Mariam” , in der Sure 22 .Aber wer weiss das? Wer weiss denn, dass in der islamischen Tradition der universelle Richter, der über alle Gläubigen der Welt richtet – Moslems oder nicht – Jesus ist.

EuroNews: Moni Ovadia ist mit gleicher Intensität Europäer, Italiener, Slawe, Jude… Und offen für alle anderen. Vielleicht ist er ein Träumer. Er glaubt daran, dass alle Menschen Brüder sind. Darum liebt er auch die Europa-Hymne so sehr. Ebenso wie ein anderes Lied.

Moni Ovadia: Ich singe mal ein kleines jiddisches Lied. Das stammt aus den Kreisen der frühen Sozialisten in Ost-Europa, die jüdischen Arbeiter in Polen und Russland haben es gesungen. “ Wir sind alle Brüder…..”