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Bronislaw Geremek: Die wahre Bedeutung der Römischen Veträge begreife ich erst heute

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Bronislaw Geremek: Die wahre Bedeutung der Römischen Veträge begreife ich erst heute

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Die Biografie von Bronislaw Geremek ist so wechselvoll wie die Geschichte Europas: geboren in Warschau als Sohn eines Rabbiners, seine Eltern wurden im Holocaust ermordet. Später wurde er ein angesehener Historiker. Und noch später, nach der Wende in Polen, wurde aus dem Aktivisten der Opposition Außenminister und EU-Parlamentarier. Europa hat für ihn eine ganz besondere Bedeutung.

EuroNews: Professor Geremek, was haben Sie am 25. März 1957 gemacht?

Geremek: Ich denke oft an diesen Augenblick und versuche mich zu erinnern, wie damals meine polnischen Gefühle aussahen. Ganz sicher waren sie voller Hoffnung. Ich hatte damals von den Römischen Verträgen keine Ahnung. Denn ich stand noch ganz unter dem Einfluss der Ereignisse von 1956. Das war eine absolut historische Periode. Im Juni 56 gab es den Arbeiteraufstand von Poznan, dann im November der Aufstand in Budapest, auch den Führungswechsel in Polen, ausgelöst durch die Arbeiter in Warschau. Schließlich die Machtübernahme Gomulkas. Was dann ein Jahr später in Rom geschah, war für uns sehr weit weg. Die wahre historische Bedeutung dieses Datums begreife ich eigentlich erst heute – als Bürger der Europäischen Union.

EuroNews: Glauben Sie, dass die Europäer damit auf derselben Wellenlänge sind wie Sie?

Geremek: Ich hätte mir gewünscht, das so wäre. Das heißt, dass die historische Bedeutung der Römischen Verträge im Osten wie im Westen Europas gleichermaßen erfasst wird. Aber, Sie sehen es selbst. Es ist einfacher, Wirtschaften oder Verwaltungen zusammenzubringen als Erinnerungen. Denn der Jahrestag ist eigentlich ein Moment, an dem sich Erinnerungen begegnen müssten. Robert Schuman hatte damals keinen Zweifel daran, dass die europäische Einigung die Länder Mittel- und Osteuropas nicht außen vor lassen dürfe. Er sagte: “Sie können jetzt nicht dazu kommen, aber es wird einen Platz für sie geben.” Und das ist dann ja erst sehr viel später Wirklichkeit geworden.

EuroNews: Bedeutet 50 Jahre wirtschaftliche Integration zu feiern, die Schwierigkeiten eines politischen Europas zu verstecken?

Geremek: Wenn man die Erklärungen der Gründerväter liest, wenn man liest, was Paul-Henri Spaak, in Rom und Messina gesagt hat, dann sieht man, dass die politische Vision immer präsent war. Das Projekt eines gemeinsamen Europas ist kein Wirtschaftsexperiment. Es war von Anfang an ein politisches Projekt par excellence.

EuroNews: Glauben Sie, dass Energie und Forschung die neuen Pfeiler der Europäischen Union im 21. Jahrhundert sind – nach Kohle und Stahl und Landwirtschaft in den 50er und 60er Jahren?

Geremek: Davon bin ich mehr denn je überzeugt. Der letzte EU-Gipfel zum Klimaschutz hat erstmals konkrete Ergebnisse gebracht. Drei Mal 20: 2020 sollen 20 Prozent an Energie eingespart werden, und 20 Prozent sollen aus erneuerbaren Quellen kommen. Das ist ein sehr schönes Projekt, das eine attraktive Kraft für junge Menschen entfaltet. Und für die weniger jungen wie mich ist das faszinierend.

EuroNews: Schwerer im Osten als im Westen umzusetzen…

Geremek: Da nehmen Sie mir das Wort aus dem Mund. Ja, diesbezüglich sind wir ein Entwicklungsland. Alle post-kommunistischen Staaten haben eine Periode ihrer Existenz für nichts verloren. Wir haben einfach einige Zeit vergeudet. Die erneuerbaren Energien, die es heute gibt, sind teure Technologien. Wir können sie nicht bezahlen. Und angesichts dessen darf es keine egoistische Politik geben – das ist die Lehre, die ich daraus ziehe.

EuroNews: Würden Sie sagen, dass Polen heute die Gefahr eines Angriffs auf die Menschrechte gebannt hat?

Geremek: Nein, das können wir nicht sagen. Wir sehen heute eine Regierung, die eine autoritäre, nationalistische, konservative Tendenz hat; die sich dem Willen ihrer extremistischen Verbündeten beugt. Und deswegen darf Europa nicht nur einfach die gute Tante sein, die hilft, wenn es Schwierigkeiten gibt. Sondern Europa muss auch eine Referenz für die fundamentalen Grundwerte sein, dazu gehören politische und Menschenrechtsstandards.

EuroNews: Es gibt eine Debatte darüber, ob man die Verbrechen der Nazis mit denen der Kommunisten gleichsetzen kann. Was ist Ihre Meinung dazu?

Geremek: Ich glaube, dass die Verurteilung beider beinahe eine Notwendigkeit für die Zukunft Europas ist. Denn sonst kann Europa nicht das solide Grundwertefundament sein. Die totalitären Regime müssen ganz klar verurteilt werden. Der von den totalitären Regimen praktizierte Völkermord muss wie alle Völkermorde verurteilt werden. Ich habe meine eigene Geschichte, durch die ich die Unterschiede zwischen beiden Regimen verstehen kann. Als Kind habe ich erlebt, wie die sowjetische und die polnische Armee gemeinsam die deutsche Armee vertrieben. Ich war glücklich, denn ich hatte das Gefühl, befreit worden zu sein. Die Sowjets habe ich als Befreier empfunden. Das ändert aber nichts daran, dass ich totalitäre Regime verurteile, ganz gleich ob sie braun, schwarz, rot oder sonst etwas sind.