Eilmeldung

Eilmeldung

Interview mit Muhammad Yunus

Sie lesen gerade:

Interview mit Muhammad Yunus

Schriftgrösse Aa Aa

Er vergibt Kleinkredite zu 10 Prozent Zinsen an Menschen, die bisher beim Wucherer 95 Prozent zahlen mussten. Muhammad Yunus, der Ökonom aus dem armen Bangladesh, hat für sein Projekt “Kredite für die Armen” 2006 den Friedensnobelpreis bekommen. Seine Idee, jenen Menschen zu helfen, die den Großbanken nicht Gewinn abwerfen, erscheint so simpel, dass man sich unwillkürlich fragt, warum nicht schon eher jemand darauf kam.

EuroNews: Also fragen wir, wie bei Yunus diese Idee reifte.

Muhammad Yunus: Ich arbeitete in einem Dorf, das gleich neben dem Campus unserer Universität lag, um herauszufinden, wie man den armen Leuten helfen könnte. Ich sah mir die Aktivitäten der örtlichen Geldverleiher genau an, um herauszufinden, wie sehr die Armut mit ihnen zu tun habe. Als ich auflistete, wer von Wucherern Geld geliehen hatte, kam ich auf 42 Namen. Alle zusammen brauchten sie nur 27 Dollar. Ich sah, dass ihr Problem sehr leicht zu lösen war und gab ihnen das Geld aus meiner eigenen Tasche. Sie konnten ihre Schulden zurückzahlen und sich von den Bedingungen der Wucherer befreien. Ich schloß mit den Leuten einen Vertrag ab und gab ihnen das Geld zu wesentlich einfacheren Konditionen. Das ermutigte sie, den Kredit zurückzuzahlen – und zwar zu hundert Prozent! So begann es 1976 in Bangladesh.

EuroNews: In den vergangenen 15 Jahren verzeichnete Bangladesh ein Wirtschaftswachstum von rund 15 Prozent. Laut Weltbank dank Handelsliberalisierung und wachsendem Export. Keine Rede vom Mikrokredit. Meinen sie, der wird heutzutage unterschätzt?

Muhammed Yunus: Bei der traditionellen Weise, das Brutto-Inlands-Produkt zu messen, wird der inoffizielle Sektor nicht genügend berücksichtigt. Mikrokredite sind etwas Neues, das noch nicht ausreichend in den BIP-Zahlen ausgedrückt wird.

EuroNews: Glauben Sie, dass kulturelle Unterschiede der Wirtschaftsentwicklung im Wege stehen?

Muhammed Yunus: Kulturelle Eigenheiten erscheinen manchmal als Barriere für wirtschaftliche Entwicklung. Aber Wirtschaftsentwicklung ist ein Prozess des Wandels, in dem auch die Kultur sich wandelt. Ich halte Kultur für etwas, das sich von selbst anpasst. Kultur ist nichts Statisches sondern etwas Dynamisches.

EuroNews: Sie haben sich sehr kritisch über die EU-Agrarpolitik geäußert. Was sehen sie als Alternative?

Muhammed Yunus: Den Subventionsanteil dieser Politik sollte man so weit wie möglich herunterfahren. Wir sprechen über Liberalisierung – vergeben aber weiter Subventionen. Wenn der Markt so bald wie möglich geöffnet würde, wäre das der Weg, Europa auch für Agrarprodukte aus der dritteln Welt zu öffnen. Damit würde man den Ländern der dritten Welt helfen, sich auf ihre Landwirtschaft zu konzentrieren und auf den Export nach Europa. Das wollte ich betonen.

EuroNews: Der Präsident von Venezuela, Hugo Chavez, schlägt vor, für die Länder Lateinamerikas eine “Südbank” zu gründen, die eine mehr soziale Bank werden sollte. Was halten sie von dieser Art Streben nach politischer und wirtschaftlicher Autonomie? Glauben Sie, wir könnten so etwas auch für die Länder Afrikas oder des Süd-Ostens erreichen?

Muhammed Yunus: Es gibt bereits Regionalbanken. Aber deren Geld kommt aus dem Westen. Wichtig ist aber, dass das Geld aus dem Süden kommt, dass ein eigener Kapitalfond gegründet wird. Ich betrachte es als positiven Schritt, dass man mit eigenem Geld eine eigene Bank gemäß den Entwicklungsanforderungen der eigenen Region gründet.

EuroNews: Was meinen Sie, warum haben Sie den Nobelpreis für Frieden bekommen und nicht für Wirtschaft?

Muhammed Yunus: Ich werde schon seit 14, 15 Jahren als Nobel-Preis-Kandidat gehandelt. Die einen meinen für Frieden die anderen für Wirtschaft. Letztlich wurde es 2006 der Friedens-Nobel-Preis. Darüber war ich sehr glücklich. Frieden – das spricht alle Menschen in der Welt an. So ist es eine kraftvolle Botschaft geworden. Ich bin sehr glücklich darüber, dass man den Zusammenhang zwischen Armut und Frieden erkannt hat, wie sehr Armut den Frieden bedroht – was ich schon seit Jahren sage. Das ist eine Bekräftigung für das Anliegen – in Frieden kann man nur leben, wenn es keine Konflikte gibt. Das meint zumeist militärische Konflikte. Frieden ist aber viel mehr. Frieden ist die Art, wie die Menschen in der Gesellschaft leben. Darum ist so ein Höhepunkt wie der Nobelpreis geeignet, darauf hinzuweisen, dass wir der Armut noch viel mehr Aufmerksamkeit widmen müssen.