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Pil Crauer: Europa ist dringend notwendig

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Pil Crauer: Europa ist dringend notwendig

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Als Schweizer ist er eigentlich nur geografisch Europäer, denn EU-Bürger ist Pil Crauer nicht. Die großen politischen und wirtschaftlichen Debatten des Kontinents gehen ihn also im Prinzip nichts an. Aber für den Lyriker und Dramatiker hat eben alles zunächst einmal eine kulturelle Dimension, auch die Politik. Und da ist er der perfekte Grenzgänger, der im Leben zwischen Luzern und der Provence pendelt.

EuroNews: Wie sehen Sie denn nun die aktuellen Schwierigkeiten Europas, etwa die mit der Verfassung?

Crauer: Das wußte man, man hätte das vorher regeln müssen, damals als man zu zwölft oder zu fünfzehnt war. Man hätte regeln üssen, wie man Beschlüsse fasst. Das wußten etwa die Präsidentschaften von Deutschland und Frankreich. Aber die beiden Länder haben sich ja mehr um Innenpolitik gekümmert während ihres Präsidialjahres als um diese wichtige Frage. Und heute, wie wir erst in den letzten Tagen gesehen haben, ist Europa, ist die EU als eine Einheit, letztlich abhängig von den Zwillingsbrüdern Kaczinski in Polen und ihrem “Radio Maria” und dem Pentagon, wenn wichtige Entscheidungen über Europa und in Europa gefasst werden.

EuroNews: Die Tatsache, dass wir in Europa nicht zur Einstimmigkeit kommen, ist also ein Problem der Außenpolitk…

Crauer: Ja, jetzt haben wir ja diese Lage, dass sich Europa ja eigentlich außenpolitisch häufig lächerlich macht. Wir hatten den Berlusconi in Italien und in Spanien den Aznar. Da entschied eigentlich die Politk in Washington. Das Gleiche gilt für England ohnehin, auch für die osteuropäischen Länder, die neigen ja auch sehr dazu. Ich glaube, das war ein großes Missverständnis. Die Osteuropäer wollten eigentlich nicht der Europäischen Union beitreten, die wollten den Vereinigten Staaten von Amerika beitreten. Sie nehmen nun als Hilfe natürlich das Geld von Europa, aber wie man sieht, kaufen sie gleich damit – wie Polen – ihre Flugzeuge in den USA.

EuroNews: Es gab zwei besonders wichtige Momente in der Geschichte der Europäischen Union. Das waren Römischen Verträge und das war der Beitrritt der osteuropäischen Staaten. War Letzteres wirklich ein Missverständnis?

Crauer: Selbstverständlich ist die Aufnahme der osteuropäischen Länder kein Missverständnis, wenn man denkt, dass etwa Ungarn ist ein eminent europäisches Land ist. Ein Land, in dem das Parlament bis 1918 lateinisch gesprochen hat, das muss man sich mal in einem anderen Land vorstellen. Das Problem bei der Osterweiterung war, dass die Vorbereitung nicht da war. Man muss ganz klar sehen, die EU bringt riesige Gelder, mit denen notwenige Entwicklungen geschaffen werden können. Nur hat man da eben den Pragmatismus vergessen bei dieser Sache. Deshalb muss man eben aufpassen, dass man nicht abhängig ist von dass Entscheidungen, die von außereuropäischen Problemlösern getroffen werden, wenn europäische Probleme geregelt werden sollen, das meine ich. Und ich bin in Sorge darum. Ich sage nicht, dass alles schlecht ist. Nicht Europa ist schlecht, aber die Politik hat schon einiges verschlafen.

EuroNews: Wir haben schon gesagt, es ist
schwierig eine europäische Außenpolitik zu führen, eine echte europäische Rolle in der Welt zu finden. Bestimmte Schwierigkeiten kommen aber
wahrscheinlich von einer Radikalisierung der Debatte…

Crauer: Sie sprechen sicher vom Terrorismus. Ich denke, gerade hier kommt es ja nicht so darauf,
was in Brüssel beschlossen wird. Es kommt darauf an, wie die Einstellung der Europäer, der Individuen dazu ist. Und da habe ich die Sorge, dass wir auf den religiösen Fanatismus, der größtenteils den Terrorismus speist in der Welt, eigentlich keine reflektierte Antwort haben. Man sieht doch, dass in den letzten Jahren die religiösen Autoritäten in Europa gestärkt wurden. Und da habe ich eigentlich Bedenken, dass wir auf den religiösen Fanatismus keine Antwort finden, sondern einfach bloß unsere europäische Art betont.

EuroNews: Die Römischen Verträge wurden in einer schwierigen Situation unterzeichnet. Der Krieg war gerade vorbei, es wurden noch die Toten gezählt. Wenn wir uns Europa heute angucken – war es nicht doch nur ein Traum?

Crauer: Europa hat sich mit diesen ewigen Kriegen kaputtgemacht. Man konnte ja keine Kriege führen, ohne die Jungen zu fanatisieren, man musste ihnen sagen, warum manaufeinander schießen soll, denn wir sind uns so ähnlich, und Europa ist so klein. Europa war also absolut notwendig. Ich denke nicht, dass es ein Traum war oder oder eine romantische Idee. Es was absolut notwendig, auch heute noch. Wichtig bleibt, dass wir das pragmatisch in reale Formen gießen, die gehandhabt werden können, dass Beschlüsse gefasst werden können, nicht nur über alles und jenes, sondern über die wichtigen europäischen Sachen.