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Henry Kissinger: Europa hat heute eine Telefonnummer

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Henry Kissinger: Europa hat heute eine Telefonnummer

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Er war vielleicht der mächtigste Aussenminister des 20. Jahrhunderts. Und auch heute noch ist Henry Kissinger ein weltweit gefragter Kommentator des internationalen Geschehens. Und eigentlich sind in den letzten drei Jahrzehnten die Themen dieselben geblieben. Auf der Tagesordnung weiterhin: Europa und der Nahe Osten

Sergio Cantone , EuroNews: Sprechen wir über den Iran – ist der Moment für die USA und die internationale Gemeinschaft gekommen, in einen Dialog mit Teheran zu treten?

Kissinger: Wir müssen sicherstellen, dass wir keine Gelegenheit unversucht lassen, mit dem Iran zu einem Einvernehmen zu kommen. Ich glaube übrigens nicht, dass es einen nationalen Konflikt zwischen den USA und dem Iran gibt. Die USA haben keinen Grund, gegen einen starken und prosperierenden Iran zu sein.

Was wir indes ablehnen ist der Versuch eines jeden Landes, einschließlich des Iran, im Nahen Osten eine beherrschende Rolle zu spielen. Und unsere Position im Atomstreit ist nicht gegen den Iran gerichtet, sondern gegen eine bestimmte prinzipielle politische Haltung.

EuroNews: Teheran sagt, es geht nicht um eine Atombombe, sondern um die zivile Nutzung der Kernenergie…

Kissinger: Das sagt jedes Land, das mit dem Bau einer Atombombe bechäftigt ist. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem die weitere Verbreitung von Kernwaffen eine Gefahr für das internationale System darstellt – also müssen wir eine Grenze ziehen. Und darum geht es beim Thema Iran. Aber ich würde in jeder anderen Situation zu demselben Schluss kommen.

EuroNews: Wenn wir uns das europäisch-amerikanische Verhältnis anschauen, stellen wir fest, dass es unterschiedliche Standpunkte darüber gibt, wie wir mit Russland umgehen sollen, etwa in der Raketenfrage. Wie denken Sie darüber?

Kissinger: Ich kann mir das Argument nur schwer zu eigen machen, dass ein Verteidigungssystem auf europäischem Territorium eine Bedrohung für Russland darstellen könnte – zumal Russland dieses Gebiet immer dominieren würden. Allerdings kann ich die russische Position zur Osterweiterung der NATO verstehen.

Dennoch bin ich enttäuscht, dass die Russen die Raketenverteidigung in Polen und der Tschechischen Republik so aufgebauscht haben.
Und ich bin von einigen Reaktionen in Europa enttäuscht.

EuroNews: Aber braucht nicht Europa Russland allein schon der Energieversorgung wegen?

Kissinger: Zum einen brauchen die Europäer Moskau, zum anderen gibt es aber in manchen Ländern eine etwas romantische Haltung gegenüber Russland. Weil sich in diesen Ländern im Laufe der Jahre eine grundsätzliche anti-amerikanische Haltung entwickelt hat.

Und jedesmal, wenn ein solches Thema aufkommt, gibt es schon instinktiv anti-amerikanische Reaktionen.

EuroNews: Hat die EU eine Zukunft als politische Union?

Kissinger: Es ist natürlich ein schwieriges Unterfangen, eine politische Einheit für ein Gebiet zu schmieden, das von Bulgarien bis nach Dänemark reicht.

Als ich Außenminister war, gab es keine organisatorische Einheit in Europa, mit der wir hätten arbeiten können. Und deshalb gab es diese Geschichte, ich hätte gesagt, ich wüßte nicht, welche Telefonnummer man anrufen müsste, um mit Europa zu sprechen.

Ich bin nicht sicher, dass ich das jemals gesagt habe. Auf jeden Fall ist es ein hervorragender Satz gewesen, warum sollte ich ihm nicht zustimmen?

EuroNews: Haben Sie denn heute eine Nummer?

Kissinger: Heute haben wir nicht nur eine Telefonnummer, sondern Europa ist auch besser organisiert. Damals musste jeder Schritt von den einzelnen Außenministern abgesegnet werden.
Heute kann Außenkommissar Solana viel flexibler agieren.

Ich denke also, dass sich die Europäische Union in die richtige Richtung entwickelt. Und zu hoffen ist, dass dies im Einklang mit den USA geschieht. Ich denke nicht, dass unsere Beziehungen in einer Krise sind.

Demnächst stehen Wahlen in Frankreich an, im nächsten Jahr in Amerika. In Deutschland hat es erst einen Regierungswechsel gegeben. Wenn all diese Prozesse abgeschlossen sind, wird es eine gute Gelegenheit geben, sich sehr schnell sehr eng abzustimmen.