Eilmeldung

Eilmeldung

Regisseur Cédric Klapisch über den europäischen Film

Sie lesen gerade:

Regisseur Cédric Klapisch über den europäischen Film

Schriftgrösse Aa Aa

Seine beiden Erfolge “Auberge espagnole” und “Auberge espagnole – Wiedersehen in Sankt Petersburg” haben das europäische Studienprogramm Erasmus bekannt gemacht. Für Euronews zieht Klapisch im Cannes-Monat Mai eine cinematographische Bilanz.

EuroNews: “Man sagt immer, um das europäische Kino stehe es schlecht. Sie haben Erfolgsfilme wie die beiden Teile von Auberge espagnole gedreht, was denken Sie? Denken auch Sie, dass es dem europäischen Kino nicht gut geht?”

Klapisch: “Wenn man das europäische Kino international vergleicht, ist es sogar eher stark. Es gibt nicht viele Regionen in dieser Welt, wo Filme gemacht werden. Da wären die USA, Asien und dann Europa zu nennen. Das europäische Kino ist stark für das, was es repräsentiert: Es existiert mit Regisseuren wie Kaurismäki, Almodóvar, in Gestalt des neuen deutschen Films, des französischen und des spanischen Kinos, es gibt auch noch Autorenfilme. Das Problem besteht allerdings darin, dass die Filme nicht weit rumkommen. Wir Franzosen sehen selten deutsche, spanische, skandinavische oder osteuropäische Filme. In Großbritannien sind mehr als 80 bis 90 Prozent der Filme in den Kinos aus den USA. 10 Prozent kommen aus Großbritannien, 0,5 bis 1 Prozent aus dem Rest der Welt. Das ist vielleicht etwas übertrieben, spiegelt aber die Situation in Europa wider. Es stimmt schon, selten funktioniert ein europäischer Film in Europa…”

EuroNews: “Es gibt eine europäische Filmpolitik und unterschiedliche finanzielle Hilfen. Ist das nicht genug? Was braucht man sonst noch?”

Klapisch: “Das Resultat stimmt jedenfalls nicht. Also ist es noch nicht genug. Die finanziellen Hilfen erreichen noch nicht den Filmalltag. Das französische Filmnetzwerk UGC bringt einmal pro Jahr einen europäischen Kinotag mit 27 internationalen Produktionen. Man sieht niemals maltesische, albanische oder polnische Filme. Offenbar fließt viel finanzielle Unterstützung in den europäischen Film. Allerdings habe ich nie einen Cent gesehen – weder bei Auberge espagnole noch bei Wiedersehen in Sankt Petersburg. Außerdem glaube ich, dass der Verleih auch nicht davon profitiert. Ich weiß jedenfalls nicht, wohin dieses Geld fließt…”

EuroNews: “Man hat die europäischen Koproduktionen stark kritisiert. Auberge espagnole hätte beinahe den englischen Titel “Europudding” bekommen. Das wurde fallen gelassen, weil es zu abwertend klingt. Muss man also einen Europudding fabrizieren, um finanzielle Unterstützung zu erhalten?”

Klapisch: “Mir hat der Titel Europudding gefallen. Weil eine Vorstellung von Europa und die Filmidee zum Titel geführt haben – Europudding. Um zu sagen, dass etwas Schreckliches dabei herauskommt, wenn man einen Deutschen, einen Italiener und einen Schweden in ein europäisches Projekt steckt, dass es zu einer schwer verdaulichen Mischung führt. Was Europa interessant macht – und genau das habe ich versucht in Auberge espagnole zu zeigen, das sind die unterschiedlichen Länder. Man ist sich nah, zugleich gibt es viele Unterschiede zwischen Südeuropa, dem Norden, dem Osten. Es ist schwer, miteinander zu leben, aber genau das ist der Reichtum Europas. Ich habe immer von den “Unvereinigten Staaten” – im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten – gesprochen. Unser Reichtum besteht in den unterschiedlichen Sprachen und Kulturen. Gleichzeitig ist etwas Gemeinsames im Entstehen, etwas, das meiner Ansicht nach noch nicht wirklich existiert.”

EuroNews: “Also existiert ein europäisches Kino im Gegensatz zum amerikanischen Film noch nicht, oder existiert es bereits?”

Klapisch: “Es existiert zwar, aber man macht sich das nicht klar. Ich habe erst in den USA festgestellt, dass ich Europäer bin. Als ich zwei Jahre in New York lebte, habe ich meine Nähe zu den Russen, den Italienern und den Deutschen entdeckt, ohne vorher davon zu wissen. Europa funktioniert über die Klischees: Zum Beispiel Stierkampf und Flamenco in Spanien, Spaghetti in Italien. Das geht aber noch tiefer: Natürlich weiß ein Franzose, wer Don Quichotte oder wer Shakespeare ist. In Europa ist dieses Wissen weit verbreitet, verbreiteter als in den USA. Für einen Amerikaner hat der Satz “Das ist europäisches Kino” eine Bedeutung. Für ihn haben deutsche, italienische und französische Filme etwas Gemeinsames. Und uns wird das nicht mal bewusst.”

EuroNews: “Wenn Sie außerhalb Frankreichs drehen, was fällt Ihnen da besonders auf…?”

Klapisch: “Ja, als ich “Auberge espagnole” und “Wiedersehen in Sankt Petersburg” drehte, musste ich mir einige Fragen über Europa stellen, weil ich in London, Sankt Petersburg und Barcelona gedreht habe. Und wenn man diese Städte miteinander vergleicht, sieht man Ähnlichkeiten. Europas Identität ist verbunden mit dem Konflikt zwischen Geschichte und Moderne. Europa ist in Bewegung. Vor kurzem habe ich Kurse in Deutschland gegeben. Ich sehe, dass das deutsche Kino im Aufbruch ist. Sie stecken viel Geld und Kraft hinein, um etwas wiederzufinden, was in Deutschland verloren gegangen ist. Wie das dänische Kino, das unbedeutend war, bis Lars on Trier, Winterberg und andere es zu etwas gemacht haben. Nationale Filmbewegungen gibt es, wenn manchmal drei Menschen etwas in Bewegung setzen. Deswegen sollte man auf das europäische Kino achten, weil es lebendig ist – allerdings ist es kommerziell nicht sehr lebendig.”

EuroNews: “Ist der technologische Fortschritt wie das Internet positiv zu werten? Oder finden Sie die Entwicklung beunruhigend?”

Klapisch: “Das hängt ganz von den Politikern, den Schauspielern, den Regisseuren, dem Verleih und den Produzenten ab. Davon, was man mit diesen Werkzeugen macht. Man kann eine Art Faschismus oder etwas Eindimensionales schaffen, was zu einer Verarmung des Geistes führt. Seltsamerweise folgen Internet oder Multiplex-Kinos den Gesetzen des Marktes und der Blockbuster. Je mehr Kinosäle, Fernsehkanäle und Internetseiten es gibt, desto eher sieht man immer dasselbe. Diese neuen Möglichkeiten verstärken noch das Marketing, das uns sagt: Seht euch den neuen “Spiderman” an. Seltsam, dass diese Vielfalt zu einer Verarmung führt.”

EuroNews: “Cannes feiert dieses Jahr seinen 60. Geburtstag. Im Wettbewerb laufen fünf amerikanische Filme, die einen guten Teil ausmachen. Ist das für Sie symptomatisch?

Klapisch: “Meiner Meinung nach ist das amerikanische Kino zur Zeit das beste der Welt. Ich bedauere aber, dass so viele schlechte US-Filme und nur so wenig gute europäische Produktionen gezeigt werden. Nichtsdestotrotz machen sie gutes Kino. Das amerikanische Kino steht für Clint Eastwood, David Lynch, Jim Jarmusch, die Coen-Brüder. Das ganze Independent-Kino der jungen Regisseure. Es wundert mich nicht, dass der amerikanische Film in Cannes stark repräsentiert ist, weil in der US-Filmszene derzeit viel passiert. Das trifft auf Asien und die USA und ich hoffe auch bald auf Europa zu!”