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Massud Barzani: "Dialog ist die beste Lösung"

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Massud Barzani: "Dialog ist die beste Lösung"

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Der Präsident des irakischen Kurdengebiets und Chef der Demokratischen Partei Kurdistans Massud Barzani warnt vor einer Katastrophe, sollte die Türkei sein Territorium angreifen. In der vergangenen Woche nahm er in Genf am Rat der Sozialistischen Internationalen teil. Im Mittelpunkt des Treffens stand die Suche nach Lösungen für mehr Stabilität und Frieden in der Welt. Allen voran: die Lage in Nahost und im Irak. Ein Angriff seitens der Türkei könnte die Region in einen weitreichenden Krieg stürzen, erklärte Barzani gegenüber Euronews.

EuroNews: Gibt es Befürchtungen auf kurdischer Seite, dass sich die Türkei gewaltsam in die Angelegenheiten des Irak einmischt?

Barzani: Man hört ab und zu von einer türkischen Bedrohung, aber wir sehen doch, dass der Dialog die beste Lösung bleibt.

EuroNews: Könnte eine Intervention ein drittes Problem innerhalb der derzeitigen Spaltung des Irak werden?

Barzani: Selbstverständlich. Ein Eingreifen der Türkei in die irakischen Angelegenheiten würde zu einer Katastrophe führen – und zwar in der gesamten Region: der Türkei, dem Irak und anderen Ländern.

EuroNews: Wie würde sich diese Katastrophe äussern?

Barzani: In einem verheerenden Krieg innerhalb der Region.

EuroNews: Der auch andere Staaten in Mitleidenschaft ziehen würde?

Barzani: Er kann sich verlagern und auf andere Länder ausweiten.

EuroNews: Auf Länder mit kurdischer Bevölkerung oder sogar darüber hinaus?

Barzani: Es wird eine starke irakische Reaktion geben im Irak selbst und vor allem in Kurdistan.

EuroNews: Sind die Kurden stärker betroffen als andere Bevölkerungsgruppen oder ist der gesamte Irak betroffen?

Barzani: Nein, das betrifft ganz Irak. Schliesslich handelt es sich um eine Verletzung der irakischen Souveränität.

EuroNews: Vor Ausbruch des Krieges vor vier Jahren gab es Befürchtungen vor einer Libanonisierung des Irak. Heute befürchtet man die Irakisierung des Libanon. Sind diese Ängste begründet?

Barzani: Nein, ich glaube nicht, dass sich das Beispiel des Libanon auf den Irak anwenden lässt und umgekehrt. Jedes Land hat seine Besonderheiten.

EuroNews: Seit geraumer Zeit übt der amerikanische Senat Druck auf die Regierung von US-Präsident Bush aus. Wie beurteilen Sie diesen Druck, der auf den Truppenrückzug abzielt?

Barzani: Mir scheint, dass dem amerikanischen Kongress nicht alle Elemente bekannt sind. Ein derartiger Druck auf Präsident Bush kommt weder den amerikanischen Interessen zugute, noch denen ihrer Verbündeten oder gar dem Kampf gegen den Terrorismus.

EuroNews: Würden Sie es vorziehen, dass die US-Kräfte im Irak bleiben?

Barzani: Die Präsenz der amerikanischen Truppen ist von grosser Bedeutung. Nicht zahlenmässig, aber ihre prinzipielle Anwesenheit ist angesichts der derzeitigen Lage sehr wichtig.

EuroNews: Sind sie vier Jahre danach die Kräfte der Befreiung oder der Besetzung?

Barzani: Die grössten Fehler wurden nach der Befreiung begonnen.

EuroNews: Welche Fehler?

Barzani: Die UN-Resolution zum Beispiel. Die Resolution 1483 hat die Besetzung erst ermöglicht. Deshalb sind die Befreier zu Besatzern geworden. Und damit haben die Probleme angefangen.

EuroNews: Müssten die Amerikaner das Land den Irakern überlassen, damit sich die Dinge ändern?

Barzani: Es ist wichtig, eine klare Übereinkunft zwischen der irakischen Regierung und den Vereinigten Staaten zu treffen. Jeder muss seine Aufgaben haben. Das amerikanische Militär darf nicht wie die Polizei im Alltag der Iraker schalten und walten.

EuroNews: Es heisst, dass die Extremisten mancher Länder versuchen, Zwist und Unsicherheit zu säen…

Barzani: Viele Länder haben noch Rechnungen offen mit den Vereinigten Staaten. Sie wollen ihre Konflikte auf irakischem Boden ausfechten – zulasten des Irak.

EuroNews: Wer steht hinter der inneren Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten im Irak?

Barzani: Leider sind die Extremisten auf sunnitischer wie schiitischer Seite zu finden. Jeder kämpft gegen jeden.

EuroNews: Besteht die Hoffnung, dass diese Kämpfe eines Tages ein Ende finden?

Barzani: Der Konflikt ist tief verwurzelt. Ich sehe keinen Ausweg in nächster Zeit.

EuroNews: Warum hält sich Europa so zurück?

Barzani: Das frage ich mich auch. Warum ist Europa quasi unsichtbar in der Irakfrage? Dies beschäftigt mich seit langem.

EuroNews: Versuchen die USA Europa von der Region fernzuhalten?

Barzani: Das denke ich nicht. Im Gegenteil. Die Amerikaner würden sich wünschen, dass ihre europäischen Partner Truppen und Investitionen beisteuern.

EuroNews: Das würde Europa auf die finanzielle Unterstützung reduzieren…

Barzani: Nein, Europa kann konkret am Stabilisierungsprozess mitwirken, Investionen und den Wiederaufbau unterstützen.

EuroNews: Wie beurteilen Sie den EU-Beitrittt der Türkei?

Barzani: Ich hoffe, dass die Türkei der Union mit europäischen Bedingungen beitreten wird.

EuroNews: Warum?

Barzani: Weil das der Verbreitung einer echten Demokratie in der Türkei helfen würde.