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Interview mit Ismail Haniyeh

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Interview mit Ismail Haniyeh

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Der von Palästinenerpräsident Abbas als Ministerpräsident abgesetzte Chef der radikal-islamischen Bewegung Hamas, Ismail Haniyeh, hat Israel einen langfristigen Waffenstillstand angeboten. In einem Exklusiv-Interview mit EuroNews-Reporter Mohammed Abdel-Azim erläutert er seine Vorstellungen von einem europäischen Engagement in diesem Konflikt.

EuroNews: Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert hat gesagt, dass Israel zu Gesprächen bereit sei, wenn die Hamas die Bedingungen des Nahost-Quartetts und natürlich das Existenzrecht Israels anerkenne.

Haniyeh: Das gleiche hat er der PLO gesagt. Fünfzig Jahre lang ist nichts geschehen und die Hoffnungen der Palästinenser wurden nie erfüllt.

EuroNews: Lassen Sie uns annehmen, dass Olmert diesmal aufrichtig ist…

Haniyeh: Hoffnung und Politik sind nicht das Gleiche.

EuroNews: Wenn Israel Hamas die Hand reicht und dazu auffordert, von Gewalt abzulassen, kann Hamas dann Israel anerkennen?

Haniyeh: Die israelische Position ist arrogant. Da werden immer wieder Bedingungen gestellt, Bedingungen, die unfair sind.

EuroNews: Gibt es eine Möglichkeit für die Anerkennung von Israel?

Haniyeh: Zuerst lassen sie mal Israel die Hamas anerkennen

EuroNews: Aber damit steckt man in der Klemme…

Haniyeh: Israel ist ein Besatzerstaat. Normal wäre es doch wohl, wenn Israel die Rechte der Palästinenser anerkennen würde, damit wir unseren eigenen Staat schaffen können.

EuroNews: Können Sie sich vorstellen, dass hamas eines Tages Israel die Hand reicht?

Haniyeh: Hamas hat immer gesagt, dass wir zu einem langfristigen Waffenstillstand bereit sind – 10 Jahre , 20 Jahre lang – wenn wir dafür einen Staat in den Grenzen von 1967 bekommen

EuroNews: Und wenn es Waffenstillstand gibt, folgen dann Verhandlungen?

Haniyeh: Wenn Israel die Schaffung einen palästinensischen Staates akzeptiert und auch den Willen zu einem Waffenstillstand aufbringt, dann werden wir sicher nach Wegen Ausschau halten und sehen, wie man es möglich macht.

EuroNews: Ohne Vorbedingungen – wie Israel sagt?

Haniyeh: Wir werden nicht die Erfahrungen früherer Verhandlungen wiederholen. In der Vergangenheit haben arabisch-israelische Gespräche keine Früchte getragen. Daraus sollten wir lernen, wir sollten die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.

EuroNews: Man hört von geheimen Kontakten zwischen Israel und Hamas. Stimmt das?

Haniyeh: Ich habe keiner Informationen über geheime Kontakte zwischen unserer Bewegung uns Israel.

EuroNews: Lassen Sie uns über den Frieden sprechen. Wer hat die Chance dafür vertan?

Haniyeh: Die Israelis

EuroNews: Gibt es auf der palästinensischen Seite jemanden, der den Frieden verspielt?

Haniyeh: Absolut niemanden. Die Palästinenser stehen unter Besatzung und warten auf ihre Freiheit.

EuroNews: Gibt es Annäherungen in Richtung Washington?

Haniyeh: Wir wünschen das schon, aber Washington müsste sich erkenntlich zeigen. .
EuroNews: Wenn Washington auf Sie zugeht, würden Sie dann Außenministerin Condoleezza Rice nach Gaza einladen?

Haniyeh: Gaza empfängt jeden, der zu Besuch kommen will. Das würde von der amerikanischen Entscheidung abhängen. Bis jetzt steht fest, dass die US-Administration bedauerlicherweise das Ergebnis unserer demokratischen Wahlen und den Wunsch des palästinensischen Volkes nicht anerkennt.

EuroNews: Es ist viel über die Isolierung von Hamas gesprochen worden. Wer ist isoliert? Die Hamas-Bewegung oder die Palästinenser-Autorität?

Haniyeh: Die Hamas-Bewegung wird niemals isoliert sein. Sie ist eine Bewegung, die ihre Wurzeln in der palästinensischen Realität hat, und im Vertrauen der arabischen und islamischen Menschen. Alles Gerede über eine Isolierung von Hamas ist Unfug…

EuroNews: Besteht eine Hoffnung darauf, dass Sie vermitteln könnten damit der israelische Soldat Gilat Shalit freikommt, wie sie es für Alan Johnston getan haben?

Haniyeh: Der Fall Gilat Shalit liegt in den Händen der ägyptischen Behörden, sie sind darüber mit Israel im Gespräch. Wir als Palästinenser wollen eine ehrenhaften Vereinbarung, um dam Leiden unserer Leute in israelischen Gefängnissen ein Ende zu machen – und gleichzeitig das Leid von Gilat Shalit beenden.

EuroNews: Lassen Sie uns über die Vorwürfe reden, die Ihnen gegenüber erhoben werden. Das heisst es, Sie würden die Korruption nicht bekämpfen, sie hätten seit dem Machtantritt von Hamas nur noch mehr Probleme geschaffen.

Haniyeh: Das ist nicht wahr. Ich sage jenen, die solchen Vorwürfe erheben, legen sie Beweise vor. Wir beginnen heute damit, die Korruptionsfälle offenzulegen – was wir wegen des Widerstandes von einigen Anführeren gewaffneter Gruppen, des Sicherheitsdienstes und anderer Machtzentren innerhalb der palästinensischen Gesellschaft in der Vergangenheit nicht konnten.

EuroNews: In Ramallah wirft man Ihnen vor, sie würden al-Kaida-Elemente die Tür nach Gaza öffnen.

Haniyeh: Solche Vorwürfe sind gegenstandslos, die sind keine Antwort wert.

EuroNews: Massimo d’Alema hat es als Notwendigkeit bezeichnet, Gesprächskanäle mit hamas offen zu halten. Was sagen sie dazu?

Haniyeh: Das ist sehr vernünftig. In Anbetracht der Machtverhältnisse in der Region und bei den Palästinensern würden alle weisen Männer sagen, nichts kann geändert werden ohne Einbeziehung der islamischen Widerstandsbewegung Hamas..
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EuroNews: Es besteht aber die Sorge, dass wenn Hamas isoliert ist, keine Dialog zustande kommt und die Bewegung in die Arme von al-Kaida getrieben werden könnte. Sind solche Sorgen gerechtigt?

Haniyeh: Hamas wird sich niemals in die Arme von irgendjemandem werfen. Sie ruht in der Armen des palästinensischen Volkes, der Nation. Aber junge Leute im Allgemeinen, im Palästinenesergebiet, in der der arabischen und islamischen Welt werden von Extremismus und Gewalt angezogen, wenn sie von gemäßigten islamischen Werten weggestoßen werden. Diese Askepte des Extremismus werden bei der Lösung von Krisen eine Rolle spielen.

EuroNews: Gibt es noch eine Vermittlerrolle für Europa?

Haniyeh: Absolut. Ich bin überrascht, dass der große Kontinent Europa – mit dem wir viele gemeinsame Interessen haben, kulturelle und geografische Nähe – in einem so der begrenzten Sicht und des begrenzten Handelns geraten ist. – und sich von der amerikanischen Position beeinflussen lässt. Europa kann verschiedene Karten spielen. Es hat historische und strategische Beziehungen zu Völkern und Staaten in der Region. Die sollte Europa nutzen und eine aktivere Rolle bei der Beendigung des Konfliktes in der Region spielen. Unglücklicherweise sieht Europa die Dinge nicht so wie sie wirklich sind – wahrscheinlich weil Europa nur mit einem Auge hinschaut, nur eine Seite des Streits wahrnimmt. Aber selbst wenn Europa beiden Seiten zuhören würde, müsste es aus seiner gebrunzten Sicht ausbrechen.