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"Der Radsport wird daraus gestärkt hervorgehen"

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"Der Radsport wird daraus gestärkt hervorgehen"

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EuroNews sprach mit Pat McQuaid, Präsident des internationalen Radsportverbands. Noch nie in der Geschichte des Sports hat ein Ereignis eine solche Kontroverse ausgelöst. Drei Wochen lang machte die Tour de France immer wieder Negativ-Schlagzeilen, die Bilder gingen rund um den Globus. Der Radsport scheint heute eine Farce, er wird unter die Lupe genommen. Pat McQuaid ist der Präsident des Radsport-Weltverbands. Ihm kommt die Aufgabe zu, den Sport vor dem Abgrund zu retten.

Frage: Auch nach dem Ende der Tour reisst die Kette der Skandale nicht ab: Einer der Stars, der Spanier Iban Mayo, wurde positiv auf EPO getestet. Was sagt der Weltverband dazu?

Antwort: Es schockiert und macht besorgt, dass erneut einer der großen Stars abgestürzt ist, doch gleichzeitig sollte uns der Fall zuversichtlich stimmen, denn er beweist, dass der Mechanismus wirksam geworden ist, dass die Proben und Kontrollen, die wir eingeführt haben, Betrüger entlarven.

Frage: Es ist ungewöhnlich, dass ein erfahrener Sportler wie Mayo zu einem Mittel wie EPO greift, das heutzutage mühelos nachzuweisen ist.

Antwort: Es ist wirklich so und es zeigt zugleich, wie dumm diese Kerle sind. Es zeigt auch, welcher Druck auf die Tour de France, auf das größte
Rennen der Welt ausgeübt wird. Sie ist jenes Ereignis, bei dem jeder Teilnehmer einen Sieg davontragen will. Das gilt insbesondere für die älteren Fahrer, die vielleicht ihre letzte Chance sehen, bei der Tour ein gutes Ergebnis zu erzielen. Sie gehen also Risiken ein.

Frage: Nach Angaben des Weltverbands war Michael Rasmussen gut für die Tour vorbereitet. Wie kam es zu der Entscheidung, gerade ihn zu feuern, der das Gelbe Trikot trug und das Rennen hätte gewinnen können?

Antwort: Die Entscheidung war einfach, denn sein Team fand heraus, dass der italienische Fernsehjournalist David Cassini ihn beim Training in den italienischen Dolomiten gesehen hatte, während Rasmussen vorgab, er sei in Mexiko. Er hat sein Team und den Weltverband bewusst in die Irre geführt, er hat gelogen, was auf Betrug hinausläuft. Das Team entschied dann, das nicht zu akzeptieren, es hatte das Vertrauen in ihn verloren. So wurde er gefeuert.

Frage: Vor Millionen von Fernsehzuschauern haben die Tour-Veranstalter den Weltverband als inkompetent bezeichnet und Ihren Rücktritt gefordert. Was halten Sie von dieser öffentlichen Kritik?

Antwort: Ich nehme sie nicht an, nicht für mich und auch nicht für für den Verband. Ich verstehe nicht, was sie dazu veranlasst hat. Ich denke, dass sie unter einem enormen Druck standen und dass die Wogen der Gefühle hoch schlugen. Ursache dafür waren die Ereignisse in jenen Tagen, am Ende der Tour de France. Doch wie kommen die Veranstalter dazu, den Weltverband als inkompetent zu bezeichnen, wenn es ausgerechnet der Verband war, der die Kontrollen und Anti-Doping-Kontrollen der Tour durchgesetzt hat, wenn der Verband die Betrüger aus dem Sport entfernt hat. Die Veranstalter brauchen einen Sündenbock. Der Verband war es, der den Sport in den vergangenen Jahren weltweit gefördert hat. Doch das nimmt der ASO offenbar als eine Bedrohung für die Tour de France wahr, fälschlicherweise, möchte ich betonen.

Frage: Der ASO, doch auch der Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, Dick Pound, haben den internationalen Radpsort-Verband mit dem Argument kritisiert, die Kontrollen beschränkten sich auf den Träger des Gelben Trikots, den Gewinner und auf einige weitere Fahrer des Pelotons, zu dem bis zu 200 Sportler gehören. Was halten Sie von der Kritik Dick Pounds?

Antwort: Dick Pound hat uns bereits im vergangenen Jahr dafür kritisiert, dass wir angeblich nicht genug für Kontrollen außerhalb der Tour sorgen. Nach Meinung der Agentur können Betrüger am besten in der Vorbereitungs-Phase entlarvt werden. In diesem Jahr haben wir solche Kontrollen verstärkt, in den sechs Wochen vor der Tour wurden insgesamt 180 durchgeführt. Das waren mehr als in dem ganzen vergangenen Jahr. Bei der Tour selbst haben wir den Tagessieger, den Spitzenfahrer und einige andere Fahrer getestet. Jeden Morgen gingen wir durch die Hotels und kontrollierten vier bis fünf Teams, rund 40 Fahrern pro Tag wurden Blutproben entnommen. Weil die Ergebnisse dieser Tests sofort vorliegen, konnten wir im Falle von Unregelmässigkeiten bestimmte Fahrer am Ende des Tages erneut testen.

Frage: So beispielsweise in dem Fall von Mayo, wo der vorhergehende Test Anhaltspunkte dafür gab, dass er in Doping verstrickt war.

Antwort: Es könnte der Fall gewesen sein, ja.

Frage: Werden Sie auch in den nächsten Jahren mit der Tour zu tun haben?

Antwort: Ich will es zumindest hoffen. Ich weiß, dass während der Tour eine ganze Reihe von Dingen gesagt worden sind, die zu der Strategie des ASO gehörten, den Weltverband zu untergraben. Doch viel davon wurde in einer hoch emotionalisierten Zeit gesagt. In den kommenden Wochen, wenn sich die Dinge wieder beruhigen, wird der ASO feststellen, dass wir für diesen Sport zusammenarbeiten müssen.

Frage: Wird sich der Kampf gegen das Doping vor allem auf den Radsport konzentrieren?

Antwort: Zur Zeit jedenfalls konzentriert sich alles auf den Radsport, denn wir stehen hier in vorderster Front. Die ganze Aufmerksamkeit richtet sich auf uns, denn wir haben einige Doping-Fälle, wir haben doppelt positive Tests bei der Tour. Im Fall von rund 1200 Medien und einem einzigen Rennen geht jede Proportion verloren.

Frage: Der Radsport soll aus dem Dunkel wieder ans Licht gebracht werden.

Antwort: Ich stimme Ihnen da völlig zu. Als ich vor zwei Jahren zum Präsidenten des Weltverbandes gewählt worden bin, habe ich sofort das Doping
kritisiert.

Frage: Sagen wir, ich bin ein junger Fahrer, der viele Rennen verloren hat. Ich werde also versuchen, zu einigen Mitteln zu gelangen, ich werde sie nehmen, um meine Leistung zu steigern. So läuft das doch.

Antwort: Auf höchster Ebene gibt es Figuren wie Doktor Fuentes in Spanien, der etwa sechzig oder siebzig Kunden hat, nicht nur Radfahrer. Pro Kunde und Behandlung kassierte er etwa 30.000 oder 40.000 Euro. Er entnimmt ihnen Blut und gibt Mittel hinzu, dies, das, das eine und das andere Produkt, dann gibt er ihnen das Blut zurück. Das ist eine fein ausgeklügelte Form des Dopings. Doping im Sport unterscheidet sich nicht vom Doping in der Gesellschaft. Dahinter steht eine Mafia, die bereit ist, Drogen für die Kinder an der Straßenecke zu besorgen. Das Gleiche passiert im Sport.

Frage: Bei der Tour findet eine Reinigung statt. Wir der Radsport daraus gestärkt hervorgehen?

Antwort: Die Tour hat so schwarze Zeiten schon erlebt und diese immer wieder überwunden. Sie ist 104 Jahre alt und in Frankreich eine Institution. Der Radsport selbst wird gestärkt, es gibt viele Anzeichen dafür, die Dinge verändern sich. Wir müssen dafür sorgen, dass die Veränderungen stattfinden. Zwischen dem vergangenen Jahr und diesem Jahr ist dem Radsport ein harter Schlag versetzt worden. Nach all diesen Skandalen sieht jeder ein, dass es vorbei ist, dass man die Augen davor nicht mehr verschließen kann. Wir brauchen eine hundertprozentige Null-Toleranz.

Frage: Eltern, deren zwölfjähriges Kind Radsport betreibt, müssen also nicht befürchten, dass das Kind in einen Sumpf gerät.

Antwort: Nein, ich denke, dass er in einigen Jahren völlig trocken gelegt sein wird, ich bin davon überzeugt. Es ist ein wunderbarer, ein herrlicher Sport. Jedes Kind wird nichts als Freude daran haben. Und wenn Erfolg hinzukommt oder gar eine Karriere daraus wird, umso besser.

ENDE