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Russisch-orthodoxe Kirche gedenkt der Stalin-Opfer

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Russisch-orthodoxe Kirche gedenkt der Stalin-Opfer

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Das Schiff mit dem Holzkreuz fährt über den Moskwa-Fluß – und am Ufer bekreuzigen sich die Gläubigen. Das Kreuz kommt von den Solowezki-Inseln im Weißen Meer, von jenem Ort, an dem Lenin 1923 das erste Arbeitslager der jungen Sowjetunion einrichten ließ. Aufgestellt wird das zwölf-einhalb meter hohe Kreuz im Moskauer Vorort Butowo. Der örtliche Pope, Vater Kyrill, spricht von den schlimmen, den furchtbaren Ereignissen, die man nie vergessen dürfe – die aber auch Märtyrer hervorgebracht hat, deren Glauben stärker war als alles Leid. Zu Tausenden, dann zu Zehntausenden wurden vor allem unter Stalin echte und vermeintliche Gegner in Arbeitslager verschleppt. 1929 forderte Stalin, die Arbeitskraft der Häftlinge müsse effektiv genutzt werden.

Ganze Bauprojekte in der Zeit der sowjetischen Industrialisierung wurden überwiegend von Häftlingen errichtet – so auch der Weißmeerkanal-Kanal, der als Transportweg für die Rohstoffe aus dem Norden gebraucht wurde. Für Diktator Stalin war, wie er einmal sagte, “jeder Mensch grundsätzlich ein Risiko”. Dieses grundsätzliche Mißtrauen war der wichtigste Grund für die Verfolgungen, vor denen niemand in seinem Herrschaftsgebiet sicher war. Wer ihm gestern noch treu gedient hatte, konnte morgen verdächtigt und erschossen werden. Butowo, wo jetzt das Kreuz aufgestellt wird, war so ein Ort von Massenerschießungen. Dank Alexander Solchenizyn kennt die westliche Welt seit den 70er Jahrendas Wort und das System GULAG. Banalität des Bösen auch hier. GULAG ist nur ein Verwaltungsbegriff – “Glawnoje Uprawlenie Lagerie” – Zentrale Verwaltung der Lager. Die russisch-orthodoxe Kirche hat einige der in den Lagern verhungerten oder von Erschiessungskommandos hingerichteten Geistlichen selig gesprochen. Das Kreuz von Butowo ist ein guter Ort, ihrer zu gedenken.