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EZB: Finanz-Turbulenzen verschieben Leitzins-Anstieg

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EZB: Finanz-Turbulenzen verschieben Leitzins-Anstieg

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Die wochenlange Krise an den Finanzmärkten hat die Europäische Zentralbank (EZB) vom Kurs abgebracht. Obwohl Europas Wirtschaft brummt, hat der Zentralbank-Rat die ursprünglich erwartete und bereits Anfang August angekündigte Zinserhöhung auf die lange Bank geschoben. Der Leitzins bleibt bei 4,0 Prozent – ob er dieses Jahr noch steigt, ist offen.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet: “Mittelfristig birgt die Preisstabilität Risiken nach oben. Das haben unsere ökonomischen und monetären Analysen bestätigt. Die Wirtschaft in Euroland ist robust, das bestätigen neuste makroökonomische Daten. Das stützt auf mittlere Sicht die guten Aussichten für das Wirtschaftswachstum.”

Wegen der hohen Unsicherheit an den Finanzmärkten seien zusätzliche Daten notwendig, bevor Schlussfolgerungen für die Geldpolitik gezogen werden können.

Trichet wies darauf hin, dass er das Schlüsselwort “starke Wachsamkeit” ausdrücklich vermieden habe. Dieses Codewort hatte der Präsident bislang vor einer Zinserhöhung im nächsten Monat verwendet. Nach einem moderaten Anstieg in den Jahren 2006 und 2007 rechnen viele Volkswirte erst zum Jahresende mit einer Zinsanhebung oder erwarten 2007 gar keinen Schritt mehr.

Die US-Notenbank Fed könnte nach Einschätzung von Ökonomen ebenfalls einen Richtungswechsel vollziehen und Mitte September den Leitzins von 5,25 Prozent erstmals seit vier Jahren wieder senken.

Gleichzeitig verhindern die Notenbanken mit Finanzspritzen ein Austrocknen des Geldmarktes, denn eine Kreditklemme könnte die Realwirtschaft in eine Rezession rutschen lassen. Die Industrieländerorganisation OECD korrigierte aufgrund der US-Immobilienkrise bereits ihre Wachstumsprognose für Deutschland für 2007 von 2,9 auf 2,6 Prozent.

Die EZB und die EU-Kommission glauben dagegen weiter an einen gesunden Aufschwung. Dies spricht ebenso für eine Zinserhöhung wie die Inflationsgefahren als Folge von Lohnerhöhungen und gestiegene Lebensmittelpreise. Im August blieb die Inflation im Euro-Raum mit 1,8 Prozent aber unter Kontrolle.

Die Währungshüter stecken also in einem Dilemma: Obwohl die Wirtschaft im Euro-Raum robust wächst, kommen die Finanzmärkte infolge der US-Immobilienkrise nicht zur Ruhe. Trotz der Milliarden-Finanzspritzen der EZB gibt es immer noch eine Kreditklemme am Markt zwischen den Geschäftsbanken. Sie bleiben aus Misstrauen und zur Vorsorge auf ihrem Geld sitzen und vergeben kaum noch Kredite an die Konkurrenz.

Nach vier sogenannten Schnelltendern im August hatte sich die Situation vor wenigen Tagen wieder verschärft, so dass die EZB erneut 42 Milliarden Euro zuschießen musste. Damit will sie den ausgetrockneten Geldmarkt vor dem Zusammenbruch bewahren.

Nach Ansicht führender Volkswirte werden die Währungshüter in den nächsten Monaten noch mehrfach eingreifen müssen, weil die Turbulenzen am Geldmarkt zwischen den Banken wohl andauern. Auch die britische Notenbank hat ihren Leitzins wie von Experten erwartet unverändert belassen. Der Leitzins liegt weiterhin bei 5,75 Prozent, teilte der geldpolitische Ausschuss der Notenbank mit.