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Interview mit dem Patriarchen Alexij

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Interview mit dem Patriarchen Alexij

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Ein Kirchenoberhaupt wendet sich in Sorge um Werteverlust und Gefährdung von Menschenrechten an eine angesehene weltliche Institution.
Die Rede ist von Alexij dem Zweiten, Patriarch von Moskau und ganz Russland.
Das geistliche Oberhaupt der Russisch-orthodoxen Kirche sprach vor dem Europarat in Straßburg.
Mehr als 70 Jahre lang war die Religion von den Kommunisten bekämpft worden, überlebt hat sie auch durch Kompromisse mit den Machthabern.
Seit dem Ende des Kommunismus suchen in Russland immer mehr Menschen in der Religion ihren Halt.

EuroNews-Reporter Pjotr Fjodarow sprach in Straßburg mit dem Patriarchen.

Euronews
Eure Heiligkeit, in welchen Bereichen ist es für die Russisch-Orthodoxe Kirche nötig, mit den staatlichen Stellen zusammenzuarbeiten und in welchen ist es nicht möglich?

Patriarch Alexij II.
Ich glaube, wir haben viele gemeinsame Aufgaben, die wir auch zusammen lösen müssen.
Darunter sind solche Probleme wie:
der Mangel an sozialer Sicherheit für unsere Mitbürger, die Erhaltung von Frieden zwischen den Nationen und Nationalitäten und zwischen den verschiedenen Religionen in unserem Land.
Wir müssen vorbeugen, damit es gar nicht erst zu Konflikten zwischen Nationalitäten und Religionen kommt.

Das heisst, die Russisch-Orthodoxe Kirche existiert nicht losgelöst von der russischen Gesellschaft und der Dienst an der Gesellschaft ist als gemeinsame Mission von Kirche und Staat zu verstehen.

Wir sorgen uns zusammen um das Wohlergehen unseres Landes und um seine Zukunft.

EuroNews
Eine ganze Reihe von russischen Akademikern macht sich Sorgen, über das, was sie “aggressive Klerikalisierung “ der Gesellschaft nennt.
Wie bewerten Sie den Einfluß der Orthodoxen Kirche auf die moderne russische Gesellschaft?

Patriarch Alexij II.
Ich lehne den Begriff einer “Klerikalisierung” der russischen Gesellschaft ab.
In den 90er Jahren entschied unsere Kirche, dass kein Priester in einem Parlament oder sonst einer staatlichen Körperschaft sitzen darf.
Unsere Aufgabe ist der geistliche Beistand.
Auf diesem Feld bemühen wir uns, die Bedürfnisse der Gläubigen zu befriedigen – ohne uns irgendwie in die Politik einzumischen.
Was unser Verhältnis zur staatlichen Schule anbelangt, so gehen wir davon aus, dass jeder gebildete Mensch die Grundlagen seiner Kultur kennen sollte. So ist unser Vorschlag zu verstehen, in den Schulen auch die Geschichte der orthodoxen Kirche und die Entstehung ihrer grundlegenden Werte zu vermitteln.
Die sollte einfach jeder gebildte Mensch in Russland kennen.

EuroNews
Eure Heiligkeit, arbeitet ihre Kirche mit anderen in Russland vertretenen Religionen zusammen?

Patriarch Alexij II.
Wir halten vier bis fünfmal im Jahr einen inter-religiösen Rat ab. Dort diskutieren wir Probleme, die zwischen uns auftreten.
Zwischen uns gibt es Zusammenarbeit – und keine Feindschaft. Aber natürlich stimmen wir nicht in allen Punkten überein. Jeder hat das Recht, seine Position zu vertreten. Das tun wir zum Beispiel in der Frage der religiösen Erziehung. Da ist unsere Position unumstößlich.
Darum widersprechen wir auch den Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften, die uns einer sogenannten “Klerikalisierung “ beschuldigen.
Wir befolgen strikt die Regeln der Trennung von Kirche und Staat.
Die Zahl der Gläubigen in Russland steigt ständig an und es ist unsere Pflicht, ihnen geistliche Nahrung zu geben.

EuroNews
Sprechen sie auch über Menscherechte?

Patriarch Alexij II.
Ja – und wir sind davon überzeugt, dass sie eng mit ethischen Werten verbunden sind und geschützt werden müssen.

EuroNews
Eine letzte Frage: Wie entwickelt sich ihr Dialog mit der römisch-katholischen Kirche?
Gibt es dabei noch Hindernisse?

Patriarch Alexij II.
Ich denke, es gibt da so manches Problem, mit dem sich sowohl die Russisch-Orthodoxe wie auch die Römisch-Katholische Kirche auseinandersetzen muss.
Es geht um den Erhalt von ethischen und geistlichen Werten, von Familienwerten.
Es geht um Widerstand gegen unmoralische Propaganda, mit der wir von den Massenmedien überflutet werden.
Die ethischen und geistlichen Werte müssen wir noch stärker schützen, jene Werte, die uns heilig sind und die wir unserer Herde vermitteln müssen.