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Prinz von Asturien-Preis für "politischen" Schriftsteller Amos Oz

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Prinz von Asturien-Preis für "politischen" Schriftsteller Amos Oz

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Im Lebenswerk des israelischen Schriftstellers Amos Oz sind das literarische und das politische Engagement gleichberechtigt. Oz hat knapp zwei Dutzend Romane geschrieben, die sich mit der menschliche Natur beschäftigen und den Bindungen innerhalb der Familie – immer vor dem Hintergrund der wechselvollen Geschichte Israels. Im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern tritt Oz für die Zweistaaten-Lösung ein und steht der Siedlungspolitik sehr kritisch gegenüber. 1978 war er einer der Gründer der “Frieden-jetzt” Bewegung.

Jüngst wurde dieses Werk mit dem Prinz von Asturien-Preis für Literatur ausgezeichnet – ein einstimmiger Jury-Beschluß.

Amos Oz: Wenn ich jetzt mein ganzes Universum als Schriftsteller in ein einziges Wort fassen soll, dann würde ich sagen: Familien. Wenn Sie mir zwei Worte geben, dann sage ich: Unglückliche Familien. Und wer drei Worte will, der soll das lesen, was ich geschrieben habe.

So faßt Amos Oz sein Werk zusammen – das Werk eines israelischen Autors, dessen Bücher in 35 Sprachen übersetzt worden sind; eines der einflußreichsten Intellektuellen seines Landes.

EuroNews: Wie sehen Sie das Land Israel heute ?

Oz: Das ist eine komplexe Geschichte. Israel ist ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist – als solcher ist es eine Enttäuschung. Träume sind nämlich genau so lange wunderbar, rosig und perfekt wie sie nicht Realität werden. Sobald sich ein Traum erfüllt, folgt die Enttäuschung auf dem Fuße.

EuroNews: Sie sagen, daß Israel für die Medien wie ein schlechter Western ist. Wie kommt es zu diesem Image?

Oz: Die Medien beschreiben den Konflikt zwischen Israelis und Plästinensern oft in Schwarz-Weiß. Entweder die Israelis sind in weiß und die Palästinenser in schwarz, oder manchmal umgekehrt. Aber das ist keine schwarz-weiße Angelegenheit. Es ist ein tragischer Zusammenprall zwischen Weiß und Weiß, zwischen zwei berechtigten Anliegen. Die Palästinenser sind in Palästina, weil sie kein anderes Land haben und die Israelis sind in Israel, weil sie´kein anderes Land haben. Man wird dieses Land teilen müssen, wie man sich in einem Haus einigt, zwei Appartments draus zu machen. Eine Alternative gibt es nicht.

EuroNews: Kürzlich haben Neonazi-Gruppen aus jungen russischen Immigranten eine neue Debatte über das Recht auf die israelische Staatsangehörigkeit losgetreten. Sollte Israel nicht genauer hinsehen, was in den eigenen vier Wänden geschieht ?

Oz: Das regt mich nicht besonders auf – ein halbes Dutzend junge Israelis, die Hakenkreuze auf Wände malen. Das kommt in allen möglichen Gesellschaften vor. Wir sollten keinen solchen Wirbel darum veranstalten.

EuroNews: Bis vor einigen Jahren galt es als Schande, wenn jemand nicht zum Militär wollte. Jetzt wird diese Haltung offenbar mehr und mehr akzeptiert. Warum ?

Oz: Das ist ein Symptom der Normalisierung; Teil der Tatsache, daß Israel jetzt 59 Jahre existiert. Das ist eine lange Zeit. Manche Leute sehen sich einfach nicht als Soldaten.

EuroNews: Ist das menschlich ? Oder hat das etwas zu tun mit der politischen Situation und dem Libanon-Krieg ?

Oz: Es ist Teil der menschlichen Natur. In jedem Land gibt es Menschen, die keine Soldaten sein wollen. Israel war lange ein Spezialfall wegen der existenziellen Bedrohung. Die war jedem bewußt. Ich denke, diese existenzielle Gefahr besteht nach wie vor. Aber die Tatsache, daß manche jungen Israelis einfach keine Soldaten sein wollen, die überrascht mich nicht.

EuroNews: Nach einer jüngst veröffentlichten Regierungserklärung lebt Israel Seit an Seit mit einem “feindlichen Element” – Gaza, unter der Kontrolle der Hamas. Hat sich die Situation wirklich verändert oder ist nur die Bezeichnung neu ?

Oz: Die Hamas ist zuallerst und am meisten ein Unglück für die Palästinenser. Das ist ein fundamentalistisches Regime, sehr ähnlich mit dem in Afghanistan. Es unterdrückt die Palästinenser in Gaza. Als erste und am meisten betroffen von dieser schrecklichen Sache sind die Palästinenser.

EuroNews: Im Norden grenzt Israel an Syrien. kann man hier auf eine realpolitische Einigung hoffen ?

Oz: Ich meine, Syrien ist im Grunde pragmatisch. Israel und Syrien können eines Tages eine realistische Lösung anstreben – das Regime in Syrien ist laizistisch und pragmatisch. Ich mag das Regime nicht, ich halte es nicht für gut. Aber fanatisch ist es nicht.

EuroNews: Wenn jetzt der iranische Präsident Ahmadinedschad hier sitzen würde, was würden Sie ihm sagen?

Oz: Verschwinden Sie ! Dieser Mann spricht wie ein Nazi und behandelt Israel wie ein Nazi. In meinem Haus dulde ich das Böse nicht.

EuroNews: Israel gilt als Land, das es jederzeit mit einem kriegerischen Angriff aufnimmt. Aber kann Israel es auch mit dem Frieden aufnehmen ?

Oz: Es ist, glaube ich, geradezu scharf auf den Frieden. Nach meiner Ansicht sind die Israelis in ihrer übergroßen Mehrheit kriegsmüde und erschöpft. Das Gleiche gilt für die Palästinenser. Und noch etwas: Manchmal ist diese Erschöpfung der beste Lösungsansatz in einer Krise. Nicht nur zwischen Nationen, auch innerhalb der Familie.

EuroNews: Sie haben mal gesagt, Europa sollte aufhören, den Moralapostel und Patriarchen zu geben. Europa gehört aber doch zu den wichtigsten Wirtschaftspartnern. Ist das für Sie auch eine schwierige Familienbeziehung ?

Oz: Die Beziehungen zwischen dem israelischen Volk und Europa sind immer kompliziert gewesen. Wir sollten eins nicht vergessen – Juden waren viele Jahrhunderte lang die Opfer Europas. Und noch etwas sollen wir nicht vergessen: Die Schaffung des Staates Israel ist zum Teil auch ein Ergebnis dieser Opferrolle der Juden in Europa.

Opfer Europas waren aber auch die Araber, das darf man auch nicht vergessen. Der Konflikt zwischen Juden und Arabern ist der Konflikt zwischen zwei ehemaligen Opfern Europas. Das bedingt eine besondere Verantwortung Europas für beide Seiten – es muß beiden helfen, nicht moralisieren, nicht den Zeigefinger heben, sondern beiden Seiten wirklich helfen.

Die Europäer haben nach meiner Beobachtung eine ganz spezielle Neigung entwickelt, wenn immer sie mit einem internationalen Konflikt konfrontiert sind. Sie lassen gegen den “Bösen Buben” eine verärgerte Demonstration vom Stapel, indem sie eine enthusiastische Petition zugunsten des “guten Jungen” unterzeichnen. Dann lehnen sie sich zurück und finden sich gut.

EuroNews: Als Kind wollten Sie immer ein Buch sein. Kein Schriftsteller, ein Buch. Welches ?

Oz: Eine schwierige Frage. Das ist, als müßte ich sagen, welches meiner Kinder mir am liebsten ist. Aber ich wäre gern ein Buch von Tschechow – ein Band mit Erzählungen von Tschechow, weil er mein Vorbild ist und auf die eine oder andere Weise mein literarischer Vordenker.

EuroNews: Als Teenager haben Sie Ihren Namen von Klausner umgeändert in Oz – hebräisch Stärke. Wäre das auch heute ihre Wahl ?

Oz: Vielleicht nicht. Mit 14 habe ich gegen all die Werte meines Vaters aufbegehrt. Ich wollte alles werden, was mein Vater nicht war und umgekehrt. Er war ein Intellektueller, also wurde ich Bauer. Er war Hochschullehrer, ich fuhr Traktor. Er war eher klein, ich wollte ein Riese werden. Hat nicht funktioniert – aber versucht habe ich es. Und ich nannte mich um in Oz – das heißt Stärke oder Mut auf Hebräisch. Das hatte ich mit 14 am dringendsten nötig, als ich den Aufstand gegen meinen Vater versuchte….Inzwischen habe ich mehr Vertrauen in meine eigene Stärke. Als Name muß ich das nicht mehr vor mir hertragen.