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Ernest-Antoine Seillière: Europas Unternehmen sind wettbewerbsfähig

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Ernest-Antoine Seillière: Europas Unternehmen sind wettbewerbsfähig

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Höhenflug des Euro, Rekordpreise bei Rohöl und eine erlahmende Konjunktur – Gründe genug für den Präsidenten des Europäischen Arbeitgeberverbandes, die Stirn in Sorgenfalten zu legen. Obwohl das so gar nicht seinem Naturell entspricht. Ernest-Antoine Seillière ist denn auch überzeugt, dass Europa stark genug ist, um den aktuellen Sturm abzuwettern. Im Interview gibt sich der 70jährige Funktionär als undogmatisch – als einer, der das Gesamtbild im Auge behält.

EuroNews: Die Finanzkrise scheint sich zu einer globalen Wirtschaftskrise auszuweiten. Daher die Debatten über die Teuerung, die Kaufkraft, die soziale Armut, die Probleme der Unternehmen. Sind die Regierungen noch nicht bereit einzugreifen und die Finanz- und Bankensysteme zu stützen?

Seillière: Es stimmt, die allgemeine Situation ist derzeit sehr von Unsicherheit geprägt. Und genau diese Unsicherheit schafft Probleme. Denn Märkte und Unternehmen mögen es überhaupt nicht, wenn sie nicht wissen, wie schwer die Krise ist und wie lange sie dauert. Natürlich sind auch die Regierungen betroffen. Und je stärker das Ausmaß der Krise wird, desto mehr wird die Situation zu einer Regierungsangelegenheit. Und ich sage: vor allem zu einer Angelegenheit der internationalen Konzertation.

EuroNews: Sind die Firmen in Europa gesund?

Seilière: Die europäischen Unternehmen sind wettbewerbsfähig, gar kein Zweifel. Wenn sie es nicht wären, wären sie pleite oder würden aufgekauft. Das europäische Produktionssystem ist also wettbewerbsfähig. Wenn die Bankenkrise noch nicht überwunden ist, und die Unsicherheit und die aktuellen Schwierigkeiten weiterhin bestehen bleiben, dann äussert sich das in einem geringeren Kreditaufkommen. Kredite sind aber Sauerstoff für die Unternehmen.

EuroNews: A propos Währungskrise: Der Euro nähert sich einem Dollar 60, der Ölpreis liegt bei 100 Dollar pro Barrel – welche Konsequenzen hat das für die europäischen Unternehmen?

Seillière: Der unkontrollierte Höhenflug des Euro ist kein Vorteil für Europa, denn er bestraft die Exporte in sensiblen Branchen wie dem Flugzeugbau oder Luxusgütern. Aber seien wir doch deutlich: Die Ölpreisexplosion ist Inflationstreiber und Wirtschaftsproblem, wird aber durch den starken Euro in ihrer Wirkung neutralisiert. Wir würden 40 Prozent mehr für Rohöl bezahlen, hätten wir nicht das Wechselkursgefälle zwischen Euro und Dollar.

EuroNews: Es gibt in Europa Konzerne, die intensiv über Standortverlagerungen nachdenken – wegen des starken Euro. Ist das wirklich die einzig vorstellbare Alternative?

Seillière: Seit das Thema Standortverlagerung vor fünf Jahren im Zusammenhang mit der Globalisierung diskutiert wird, haben wir in Europa neun Millionen Arbeitsplätze geschaffen. Den Unternehmen wird geraten, es mit der Standortverlagerung nicht zu übertreiben, vor allem die Politik spricht diese Warnung aus. Damit wird die öffentliche Meinung angestachelt. Es gibt Produktionsverlagerungen, die sind aus Wettbewerbsgründen in Europa notwendig. Dazu gehören Produktionslinien, die anderswo günstiger sind. Und es gibt Verlagerungen, die mithelfen, ganze Industriezweige in Europa zu halten. Wir müssen also auch über die Wachstumskraft der aufstrebenden Länder froh sein, denn wir profitieren davon auch.

EuroNews: Europaweit wollen die Arbeitnehmer stärker an den Unternehmensgewinnen beteiligt werden. Gleichzeitig klagen die Arbeitgeber über zu hohe Lohnnebenkosten. Wo genau liegt denn der Widersrpuch zwischen dem sozialen und dem wirtschaftlichen Europa?

Seillière: Wir sind sehr stolz auf das europäische Sozialsystem, das wir wie folgt interpretieren können: In Wachstumsperioden wird ein Teil des erzielten Mehrwerts zur sozialen Sicherung eingesetzt. Die nordischen Staaten haben uns hier ein Beispiel gegeben. Von ihnen kennen wir auch das Prinzip der Flexi-Sicherheit – das Wort ist zwar nicht sehr schön, aber es es sagt, was es meint: Nicht der Arbeitsplatz wird geschützt, sondern der Arbeitnehmer. Und zwar so, dass er rasch einen neuen Arbeitsplatz findet, wenn möglich – nach einer Zusatzqualifikation – sogar einen besseren.

EuroNews: Glauben Sie, dass in Europa die Haushaltsdisziplin zu Gunsten einer wachstumsorientierten Konjunkturpolitik geopfert werden muss?

Seillière: Die Unternehmen haben dazu eine kategorische Haltung: Mit einer Erhöhung der öffentlichen Defizite ist absolut nichts zu erreichen. Als Unternehmen sind wir radikal gegen eine Aufweichung des Stabilitätspakts und gegen alle scheinbar einfachen Lösungen, die verhindern, dass wir es besser machen könnten.

EuroNews: Sie standen an der Spitze des französischen Arbeitgeberverbands, der gerade in einer moralischen Krise ist. Dürfen Arbeitgeber um des sozialen Friedens willen die Gewerkschaften bezahlen?

Seillière: Natürlich nicht. Das entsprechende Verhalten einer Mitgliedsorganisation unseres Verbandes ist archaisch und verurteilenswert gewesen. Die Affäre war ein Schock für die Arbeitgeber und für die Öffentlichkeit. Ich begrüße die vernünftige und schnelle Reaktion des Verbandes, der nun ein modernes System der Transparenz einführen wird. Ich denke, dass diese Sache nun hinter uns liegt. Stattdessen sehen wir einige lobenswerte Initiativen. Und für mich, der ein wenig zu den Gründern des französischen Arbeitgeberverbandes gehört, ist es derzeit befriedigend zu sehen, dass der Verband gestärkt aus dieser Krise hervor geht.