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Ein Gespräch mit dem früheren Wettbewerbs-Kommissar Mario Monti

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Ein Gespräch mit dem früheren Wettbewerbs-Kommissar Mario Monti

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Der frühere Wettbewerbs-Kommissar Mario Monti ist Präsident der renommierten Bocconi Universität. In einem Gespräch mit EuroNews äußerte sich der Wirtschaftsfachmann über die Möglichkeit einer Großen Koalition in Italien, über die Wachstumrate in Spanien, die stärker ist als in anderen EU-Staaten, über den Fiat-Konzern und über Bill Gates und dessen Frau.

Frage: Kommt es bei der Parlamentswahl zu einer Großen Koalition? Und welches wäre ihre Aufgabe?

Antwort: Unabhängig von dem Sieg des einen oder des anderen Lagers müssen einige Dinge getan werden. Es geht vor allem um Entscheidungen, die Italien wirtschaftlich wettbewerbsfähiger und zugleich sozial gerechter machen. Privilegien, hohe Renten, die zahlreichen Schichten der italienischen Gesellschaft zugute kommen, müssen abgeschafft werden. Diese bremsen die Entwicklung und halten die Jugend von der Arbeit und vom Leben der Gesellschaft fern. Nach meiner Ansicht handelt es sich um große und wichtige Probleme, die – wenn die angesprochen werden -, auf viel Widerstand stoßen. Ich denke, dass Einigkeit in der Politik über einige dieser Probleme von Nutzen wäre. Ob es zu einer Großen Koalition oder nicht kommt, hängt vom Ergebnis der Parlamentswahl und von der politischen Sensibilität ab, die zu jenem Zeitpunkt vorherrschen wird.

Frage: Warum müssen die Regierenden Privilegien und Renten abschaffen und dabei den Konsens aufs Spiel setzen?

Antwort: Der Ministerpräsident Luxemburgs, Jean-Claude Juncker, hat den Wirtschaftsfachleuten vor einigen Jahren gesagt: Wir wissen, welche Politik verfolgt werden muss, um unser Land voranzubringen. Doch ihr müsst uns sagen, wie diese Politik durchgesetzt werden soll und zugleich die Wahlen gewonnen werden können. Ich denke, dass Juncker im Zusammenhang mit dieser Analyse zu pessimistisch war, denn es gab in Europa mehrere Fälle, in denen politische Führer in ihren Ländern mutige wirtschaftliche Reformen durchgeführt und danach auch die Wahlen gewonnen haben. Das trifft auf Blair und auf Aznar zu.

Frage: Stimmt es, dass das Bruttoinlands-Produkt pro Kopf in Spanien doppelt so hoch ist wie in Italien? Wie ist das zu erklären?

Antwort: Es steht außer Frage, dass die wirtschaftliche Entwicklung Spaniens viel schneller vonstatten ging als die Italiens und dass Spanien im internationalen Vergleich auf der Skala gestiegen ist. Im Allgemeinen hat sich gezeigt, dass Spanien gut regiert wurde. Sehr wichtig ist, selbst wenn es keine konkrete Form hat, dass die Spanier optimistischer geworden sind, dass sie mehr Selbstvertrauen haben. Im Vergleich zu anderen Ländern und vor allem zu Italien haben sie auch mehr Vertrauen in die Zukunft. Vielleicht ist das so, weil die Demokratie in Spanien jünger und weil das Land auch demographisch jünger ist.

Frage: Bestimmen in Italien die Sozialpartner die Wirtschaftspolitik?

Antwort: In Italien sind es die Regierung und das Parlament, die über die Wirtschaftspolitik entscheiden. Es stimmt, dass es eine starke Tradition der Abstimmung mit den Sozialpartnern gibt. Die Regierung muss sich mit den Sozialpartnern beraten, sie muss im Rahmen der Möglichkeiten öffentliche Beratungen durchführen, damit sich alle Welt egal zu welchem Gesetzesvorschlag äußern kann. Doch die Regierung darf keinem der Sozialpartner eine Art Vetorecht zugestehen, weder den Gewerkschaften noch den Arbeitgebern.

Frage: Wie kam es, dass Fiat knapp vor dem Aus war und heute erneut ein international führendes Unternehmen ist?

Antwort: Weil es gut geführt wurde und sich auf das Kerngeschäft konzentriert hat. Vielleicht weil das Unternehmen weniger daran dachte, im wirtschaftlichen und politischen System Italiens eine zentrale Rolle zu spielen und weil es sich auf sein eigenes Geschäft konzentriert hat. Vor allem aber weil der Staat während der letzten Krise vor einigen Jahren auf eine finanzielle Hilfe verzichtet hat. Zu anderen Zeiten hat der Staat versucht, das Unternehmen in Turin unter seine Fittiche zu nehmen. So hat der Staat beispielsweise ausländische Unternehmen daran gehindert, Alfa Romeo zu kaufen, was zu einem Wettbewerb auf dem italienischen Markt geführt hätte. Zu jener Zeit ist Fiat dadurch geschwächt worden.

Frage: Ist Flexibilität etwas Negatives? Steht sie für schlecht bezahlte Arbeit? Wie wollen Sie einem jungen Menschen klar machen, dass ein befristeter Arbeitsvertrag eine Chance und nicht das Schwert des Damokles ist?

Antwort: Ich werde einem jungen Menschen sagen, dass ein unbefristeter Vertrag von Vorteil sein kann. Doch die Chancen, einen solchen Vertrag zu bekommen, werden für die kommenden Generationen immer geringer. Dies ist die Ursache dafür, dass nur wenige Vertreter einer künftigen Generation vollkommen geschützt sein werden, während der Großteil davon ausgeschlossen sein wird. Es wäre von Vorteil, über Mechanismen zu verfügen, die Arbeitssuchenden größere Chancen geben, selbst wenn diese Arbeit weniger entsprechen und unsicherer sein sollte. Flexibilität sollte nach meiner Meinung nicht mit weniger Sicherheit einhergehen.

Frage: Eine letzte Frage: Sie sind der Alptraum Bill Gates. Was denken Sie darüber?

Antwort: Das beunruhigt mich nicht. Ich weiß nicht, ob ich sein Alptraum bin. Eines Tages, nachdem die Entscheidung über Microsoft gefallen war, begegnete ich Melinda Gates bei einem Kongress. Ich stellte mich vor, ihr Mann war nicht zugegen. Sie sagte mir sehr freundlich: Ja, ja, bei uns zuhause war viel von Ihnen die Rede.

Herr Monti, wir danken Ihnen für das Gespräch.