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Interview zum "Karfreitagsabkommen" mit David Trimble

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Interview zum "Karfreitagsabkommen" mit David Trimble

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Die EuroNews-Reporterin in Belfast auf dem Weg zu einem Mann, der Geschichte geschrieben hat. Am 10. April vor zehn Jahren mit seiner Unterschrift unter dem “Karfreitags-Abkommen” von Nordirland. William David Baron Trimble, Parteiführer der protestantischen Ulster Unionist Party, wurde danach der erste “First Minister” der Regionalregierung von Nordirland. Gemeinsam mit John Hume, einem anderen protestantischen Politiker, wurde er für seinen Beitrag zu einer Friedenslösung in Nordirland mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

EuroNews: Mister Trimble, ich möchte unser Gespräch beginnen mit einem ebenso einfachen wie schwierigen Datum: Am 10. April 1998 wurde das Karfreitags-Abkommen unterschrieben. Wie sind ihre Erinnerungen an diesen Tag?

David Trimble: Es war ein langer Tag, weil wir als Partei eine schwierige Entscheidung zu treffen hatten. Jede Einigung, die Verfassungsaspekte enthält, Absprachen zur künftigen Regierung von Nordirland, ist kompliziert und enthält viele Kompromisse. Die Verhandlungen hatten sich über eine lange Zeit hingezogen – aber entscheidend war wirklich die letzte Woche.

EuroNews: Sie und John Hume, der Führer der Social Democratic and Labour Party, wurden für ihre Anstrengungen mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Gleichzeitig aber wurden sie von den hardlinern beiseite geschoben.

David Trimble: Das Abkommen selbst war nicht die Schlussetappe. Seine Umsetzung brachte umfachreiche Schwierigkeiten mit sich. Die größte Schwierigkeit hatten wir mit jenen politischen Parteien, zu denen paramilitärische Gruppen gehörten. Tatsächlich zog sich die Entwaffnung der größten paramilitärischen Organisation über neun Jahre hin – und zwar deshalb so lange, weil das Vertrauen in das Abkommen bei der Wählerschaft der Unionisten mit der Länge der Zeit immer mehr abnahm. Und das führte dazu, dass meine eigene Partei von Doktor Paisley’s Democratic Unionist Party ersetzt wurde. Und gleichzeitig erlebten wir, wie aus verschiedenen Gründen John Hume’s Partei von einer politischen Partei mit einer paramilitärischen Organisation in den Hintergrund gedrängt wurde, nämlich Sinn Fein.

EuroNews: Sie waren der erste “First Minister” in dieser Regierung der Gewaltenteilung, aber sie traten schon bald zurück. Bedauern sie das?

David Trimble: Ich würde nicht anders handeln, weil das Abkommen wichtig war. In der Hauptsache ging es um die Beendigung der Gewalt und für die Parteien darum, komplett ohne Gewalt und Terrorismus ihre Ziele anzusteuern. Die Schwierigkeit war eine kurzfristige im Hinblick darauf, dass die politischen Parteien dazu übergingen, ausschließlich mit friedlichen und demokratischen Mitteln zu operieren. Die republikanische Organisation, die Sinn Fein umfasste und die IRA als deren militärischen Arm, liess sich sehr viel Zeit, ehe sie sich umfassend zu friedlichen und demokratischen Mitteln verpflichtete. Jetzt hat sie es getan, hat die Waffen abgegeben.

EuroNews: Nordirland wird als Model für eine Konfliktlösung angesehen. Kann man das auch anderswo anwenden, in Spanien zum Beispiel?

David Trimble: Jede Situation hat ihre eigenen Merkmale. Ich denke, es ist ein Fehler, auf das Beispiel Nordirland zu schauen und zu sagen “ weil sie das in Nordirland so gemacht haben sollte man es in Spanien auch tun”. Ich möchte nicht die spanische Regierung kritisieren.Die Regionalisierung im Baskenland ist so umfassend, dass man sich wundern muss, warum der Terrorismus weitergeht. Ich vermag nicht zu erkennen, wofür die ETA kämpft. Ich verstehe nicht, was die ETA erreichen will, weil ich nicht denke, dass eine komplette Unabhängigkeit machbar ist.

EuroNews: Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair hat für den Frieden in Nordirland eine wichtige Rolle gespielt. Jetzt engagiert er sich in anderen Konfliktgebieten, besonders im Nahen Osten. Meinen sie, seine Erfahrung ist dabei von Nutzen?

David Trimble: Hier in Nordirland hatten wir eine Situation erreicht, in der die Parteien auf Verhandlung und Kompromiß vorbereitet waren. Wenn sie sich die Lage im Nahen Osten ansehen, wird der Unterschied sehr klar. Dort haben wir einige Parteien, deren Ziel es ist, die Existenz von Israel zu beenden. Das ist eine völlig andere Situation. Ich denke, man muss an den Nahen Osten völlig anders herangehen. In der Konsequenz muss man die dort vorhandenen Bedingungen sehen und es erscheint mir als eine sehr viel schwierigere Situation .

EuroNews: Lassen sie uns zu NordIrland zurückkommen, NordIrland und Europa. Glauben sie, die EU hat genug getan, sollte sie sich mehr engagieren?

David Trimble: Der Haupteffet der Europäischen Union hängt nicht mit der EU als Institution zusammen. Der Haupteffekt ist ihre Existenz und der Wert der Veränderungen, für die die Europäische Union steht. Er besteht wohl darin, dass das gesamte nationale Denken in Westeuropa sich heute sehr von dem unterscheidet, wie noch die Generation vor uns dachte. Das ändert auch den Zusammenhang, unter dem wir ein Problem sehen. Da gibt es viele Hinterlassenschaften. Solche unter Berücksichtigung der Opfer – ich meine Hinterlassenschaften von Wirren, von Jahren des Terrorismus – die mit Opfern zu tun haben, mit Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft, für deren Lösung es Zeit braucht. Und es wird noch einige Zeit vergehen, ehe wir uns von den Widersprüchen und Spannungen freimachen können, die hier in Nordirland innerhalb der Gemeinschaften existieren. Die verfassungsmäßige Instabilität und die Gewalt konnten wir beenden.
Diese Dinge sind vorbei und ich denke nicht, dass sie wiederkommen.

EuroNews: Republikaner und Unionisten bleiben in einem Punkt unterschiedlicher Meinung – in der Frage einer möglichen Wiedervereinigung mit der Republik Irland. Halten sie das für möglich oder ist die Frage erledigt?

David Trimble: Ich persönlich denke nicht, dass das jemals kommt. Ich denke auch nicht, dass das in einigen Jahren zur Debatte stehen wird. Weil sich im Laufe der vergangenen zehn Jahre engere Beziehungen zwischen der Republik Irland und dem Vereinigten Königreich entwickelt haben. Darum sehe ich das auch für die zukunft nicht als Problem.

EuroNews: “Die Hand der Geschichte”, wie Tony Blair sagte, hat diese Seite für Nordirland umgeblättert.

David Trimble: Ja, wir sind über den Berg.