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Ronit Elkabetz: "Das Kino ist viel weiblicher geworden"

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Ronit Elkabetz: "Das Kino ist viel weiblicher geworden"

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Ronit Elkabetz und ihr Bruder Shlomi sind gerade beim letzten Feinschliff für ihren neuen Film “Sieben Tage”. Die Zeit rennt, das Festival in Cannes rückt näher. Ronit ist die Diva des zeitgenössischen israelischen Films. Sie ist nicht nur Schauspielerin, sondern führte bei “Sieben Tage” auch Regie. Im Tonstudio in Tel Aviv werden die Schritte der Schauspieler ihres “one-shot-movie” nachvertont. Der gesamte Film wurde in einem Haus gedreht. Es ist die Geschichte einer zerrütteten Familie. Während der vergangenen zehn Jahre hat das israelischen Kino nicht nur seine eigenen Wunden gepflegt. Es hat sich weltweit als unumgängliche Quelle von Erzählungen etabliert. Ronit ist international durch ihre Rolle in dem Streifen “Die Band von Nebenan” bekannt geworden. In ihrem Lieblingscafe, le Horace, sprechen wir über die heutige israelische Gesellschaft, 60 Jahre nach Gründung des Staates Israel.

EuroNews: “Sieben Tage”, das ist die Geschichte einer Familie, die sich für eine Woche einschließt. Während dieser Zeit passieren viele Dinge. Leute, die sich anfangen zu streiten, es gibt Konflikte, die Spannungen steigen, dann vielleicht beruhigt sich die Lage etwas. Steht das symbolisch für die israelische Gesellschaft?

Ronit: Es ist ein Land, das vor der Kamera geboren wurde. Das heißt, wir wurden, in Anführungsstrichen, seit der Geburt des Staates bis heute gefilmt. Der Staat Israel ist da, direkt vor der ganzen Welt spielen sich die Konflikte ab, die im Zentrum von allem stehen. Aber die israelische Gesellschaft ist überhaupt nicht bekannt.

EuroNews: Also, wie reflektieren sich die Veränderungen der Gesellschaft im Wandel des israelischen Kinos?

Ronit: Es ist unglaublich, was im Moment auf kultureller Ebene passiert. Es ist eine unwahrscheinliche Wiedergeburt und es passieren außergewöhnliche Dinge. Man hat die politische Sicht in unserer kulturellen Geschichte ein bisschen zur Seite gelegt. Dennoch: Selbst während wir hier sitzen und Cafe trinken, scheint die Umgebung zwar ruhig, aber sie ist es nicht. Es ist Teil der Situation, selbst wenn man einen Film in Israel dreht, der sich um die Beziehung zweier Menschen dreht, die in einem Cafe diskutieren, kann es von einer Minute auf die andere explodieren.

EuroNews: Der israelische Film beginnt seine innere Landschaft zu endecken. Ein Gesicht, das sehr viel stärker von Einzelporträts getragen wird.

Ronit: So ist es absolut. Man kann auch sagen, dass das Kino viel weiblicher geworden ist.

EuroNews: Die Europäische Union unterstützt Kooperationen in der Region, zwischen Israel, der Türkei, Palästina und anderen Ländern in diesen Gebieten. Es gibt finanzielle Unterstützungen und ich frage mich: Ist das nicht etwas gewollt, den oder jenen Regisseur zusammen zu bringen, um einer Kooperation in der Region willen, oder ist das etwas, dass wirklich zum gegenseitigen Verständnis beitragen kann?

Ronit: Ich glaube wirklich, das kann positive Effekte haben. Wirklich. Die Regierung schafft es nicht, das zu realisieren. Das bleibt an uns hängen, an den Menschen auf der Straße, an den Künstlern, die einen wirklichen Austausch schaffen können. Was brauchen wir? Wir müssen reden, nicht mehr als das. Einfach reden. Mit Worten, die der Liebe entstammen, nicht der Angst. Das ist es – um des Friedens willen. Die einfachen Worte. Ein Mann, eine Frau, ein Mann vor einem Mann, zwei Frauen, alle einfach nur zusammen, die mit offenen Augen miteinander reden, um den anderen so zu akzeptieren, wie er ist.”

EuroNews: 60 Jahre nach der Gründung des Staates Israel, frage ich mich, wo wir heute in dieser Gesellschaft stehen? Welche innere Wahrheit können wir durch ihre Filme wieder finden?

Ronit: Es ist sehr, sehr schwierig in einem Land des Krieges geboren und aufgewachsen zu sein. Und auch in einem Land des Krieges älter zu werden. Alles was wir schaffen, entstammt diesem Gemisch, aus weder Frieden, noch Krieg, weder schwarz, noch weiß. Es ist etwas in der Mitte. Es ist eine Art Alptraum, wenn Sie so wollen. Der Alptraum ist dabei, dass es sich immer noch verschlimmert. Der Traum, dass es sich verbessert und der Alptraum, dass sich die Situation verschlimmert, denn es könnte sich
verschlimmern.

EuroNews: Und da stellt sich die Frage gerade für eine Künstlerin: Welche Beziehung haben Politik auf der einen Seite und die Künste auf der anderen?

Ronit: Ich fühle, ich habe eine Verantwortung durch meine Seele, meinen Körper, meinen Geist und mein Wissen der Gesellschaft zu erzählen, wie sie ist. Die ganze politische Situation und das persönliche Leben, das Teil der politischen Situation ist. Wie ich vorher schon sagte: Man kann das nicht mehr voneinander trennen.

EuroNews: Ich habe den Eindruck, dass das israelische Kino sehr vom Dokumentarfilm beeinflusst wird. Ist da ein Risiko enthalten, zu sehr der Wirklichkeit verpflichtet zu sein, der reellen Geschichte?

Ronit: Der Erfolg des israelischen Films begann in dem Moment, als die Menschen anfingen, Dokumentarfilme zu machen, Dinge zu filmen – im Inneren des Landes, was sich auf den Straßen abspielt und in den Menschen. Das bleiben trotzdem intime Geschichten. Aber Europa erzählt auch intime Geschichten…

EuroNews: Ist das vielleicht der gemeinsame Schnittpunkt zwischen dem israelischen und europäischen Film, diese Untersuchungen, das Erforschen der Intimität?

Ronit: Das ist unserer gemeinsamer Schnittpunkt – absolut. In diesem Land leben sechs Millionen Menschen und es handelt sich dabei um 15 oder 20 verschiedene Kulturen, die von überall her kommen, die in einer sehr exzessiven Art zuammenleben – wo jeder mit jedem sehr intim ist. Das bedeutet, in einem einfachen Mietshaus in Tel Aviv kann ich einen Georgier, einen Palästinenser, aber auch von Zeit zu Zeit einen Marokkaner, Polen, Russen, einfach alle Nationalitäten treffen. Das ist ein außergewöhnlicher Reichtum, der es uns erlaubt, die Geschichte, die den Menschen wiederfahren sind, zu erzählen. Es ist eine reiche Kultur.