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Göksin Sipahioglu - als Fotograf im Mai 68 in Paris

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Göksin Sipahioglu - als Fotograf im Mai 68 in Paris

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Göksin Sipahioglu liebt es, in seiner Wahlheimat Paris durch das Quartier Latin zu schlendern. Der 81jàhrige gebürtige Türke gilt als einer der größten Fotoreporter seiner Zeit. Kürzlich veröffentlichte der Gründer der berühmten Bild-Agentur SIPA einen Band mit Aufnahmen aus dem Mai 68 – natürlich aus Paris. 40 Jahre später kehrt er mit EuroNews an die Orte der damaligen Revolte zurück. Der Zeitzeuge erninnert sich.

Sipahioglu: Das ist die Ausgabe vom 12. Mai… der Aufruhr… das kriegten die Leser zum Frühstück. Und hier bin ich, damals Korrespondent der türkischen Zeitung Hurriyet. Das Foto ist von AFP, aber sie haben mich erkannt und geschrieben “unser Korrespondent Göksin Sipahioglu”, …und hier steht “das ist nicht Vietnam, sondern Paris”.

EuroNews: Sie waren damals seit zwei Jahren in Paris, hatten vorher aus dem Nahen Osten, Kuba und Albanien berichtet, praktisch von überall…

Sipahioglu: Ja, aber in Paris hatte ich noch nichts gemacht! Das heißt, Magazin-Beiträge über türkische Maler in Paris … aber das war eher eine Qual für mich. Und dann kam der Mai 68, zum ersten Mal ein großes, ein wirklich großes Ereignis. Niemals zuvor hatte man so etwas gesehen. Die Leute hatten Angst, es könnte eine Revolution geben. Hier (auf diesem Foto) ist die Polizei hinter den Studenten her… hier ist sie angriffsbereit! Das war eine große Attacke… es gab keine größere… Wirklich, die Bullen waren absolut wild … sie schrien, sie sprangen durch die Gegend, schrecklich! Ich stand genau gegenüber von ihnen. Man musste so nah ran gehen als Fotograf, und Gott sei dank war ich da. Über dieses Foto von Cohn-Bendit an der Sorbonne bin ich auch stolz. Es waren natürlich viele Fotografen da, aber niemand hatte die Idee, sich hinter ihn zu stellen und zu fragen: könnten sie mich mal angucken? Er hat mich nur kurz angeschaut, vieleicht fünf Sekunden, aber das hat gereicht. Ich konnte nur ein Foto machen, aber das war gut. Ein anderes Foto, das ich besonders mag, ist das hier… man sieht Kinder, die am nächsten Tag versuchen, zur Schule zu gehen. Ich bin einfach da geblieben bis zum nächsten Morgen, um zu sehen, was passiert. Die Leute betrachten die Schäden usw. Hunderte Polizisten waren da und Gendarmen… und ihnen gegeüber standen Hunderte, wenn nicht Tausende Studenten. Das Aufgebot an Fotografen war natürlich enorm, aber keiner von ihnen traute sich zu nah heran, weil sie das Tränengas vermeiden wollten. Ich bin die ganze Zeit hinter einem Mädchen gewesen und habe mir gesagt: wir müssen das Risiko in Kauf nehmen, schließlich sind wir Journalisten. Und so war ich die ganze Zeit hinter ihr, links und rechts von uns gingen die Tränengasgranaten nieder… Dieses Foto mag ich besonders… Denn es zeigt nur eine Frau, eine einzige Frau… und ihr gegenüber Hunderte Polizisten… eine mutige Frau gegen eine wahre Armee… man hat nie herausgefunden, wer sie war.

EuroNews: Wie hat denn die Türkei den Mai 68 gesehen?

Sipahioglu: Wissen Sie, 68 war auch in der Türkei ein wichtiges Datum … 68, 69, 70 das war die Zeit, in der die anarchistische Linke, die Maoisten und Kommunisten auflebten. Und leider gab es viele, sehr viele negative Ereignisse mit vielen Toten. Viele ihrer Führer kamen ums Leben, wurden umgebracht, erhängt. Das war ein dunkles Kapitel der türkischen Geschichte. Sicherlich waren diese linkspolitischen Bewegungen vom Mai 68 inspiriert worden…

EuroNews: Was ging während dieser Ereignisse damals in ihnen vor? Empfanden Sie 68 als historisch oder als lächerlich?

Sipahioglu: Nein, das war nicht lächerlich, absolut nicht. Man wusste ja nicht, was geschah
und geschehen würde. Es gab Momente, da hatte man wirklich Angst. Aber zum Glück ging der Mai irgendwann vorüber und die Ferien kamen. Und de Gaulle hat es am Ende geschafft. Als er eine Million Menschen zur Demonstration auf die Champs-Elysees brachte, haben alle gesagt, okay, das war´s.

EuroNews: Glauben Sie, es gibt ein 68er Erbe?

Sipahioglu: Oh ja, es gibt natürlich ein Erbe. Also, ich hatte eine Freundin, die sagte: dank 68 können wir in Jeans zur Arbeit gehen. Es gabe viele Freiheiten, auch die sexuelle Freiheit, und das war in Ordnung. Und dann darf man die Arbeiter nicht vergessen. Sie haben viel erreicht, man kann also nicht sagen das 68 umsonst war. Cohn-Bendit hat Recht, wenn er sagt: vergesst 68, wir haben gewonnen!