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Cossiga im Gespräch: 30 Jahre nach Moros Tod

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Cossiga im Gespräch: 30 Jahre nach Moros Tod

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Vor 30 Jahren, am 9 Mai 1978, erschoss die italienische Terrorgruppe “Rote Brigaden” den Vorsitzenden der italienischen Christdemokraten, Aldo Moro – nach 55 Tagen Geiselhaft, und etwa acht Monate nachdem die RAF in Deutschland den Arbeitgeberpräsidenten Hans Martin Schleyer getötet hatte. Aldo Moro arbeitete an einem Solidaritätspakt seiner Partei mit der Kommunistischen Partei, der in Italien “Historischer Kompromiss” genannt wurde: für die “Roten Brigaden” ein Verrat und für viele Konservative auch. Der spätere Staatschef Francesco Cossiga war damals Innenminister: er war ein Verfechter der “harten Linie”: “Mit den Terroristen wird nicht verhandelt!” Erinnerungen nach mehreren Jahrzehnten:

Euronews: “Nach der Ermordung Aldo Moros wurden sie oft wegen ihrer harten Linie kritisiert: viele sagen sogar, sie hätten seinen Tod gewollt!”

Francesco Cossiga: “Warum soll ich das gewollt haben? Ohne die harte Linie wäre der Staat zusammengebrochen! Es hätte eine endlose Krise gegeben. Und außerdem: Wer war ich schon?… im Vergleich zu Aldo Moro!”

Euronews: “Es gibt Leute, die sagen, solange Sie und der damalige Regierungschef Giulio Androtti leben, wird der Fall Aldo Moro im Dunkeln bleiben.”

Cossiga: “Es gibt auch Leute, die nicht akzeptieren wollen, dass Moro von den Roten Brigaden umgebracht wurde! der linke Flügel der Christdemokraten hat ihn zu einer Ikone gemacht: Er sei eigentlich ein Linker gewesen, ein Feind Amerikas, und so weiter… Diese Leute wollen nicht einsehen, dass Linke ihn getötet haben! Denen zufolge muss die Rechte dahinter gesteckt haben, oder die Amerikaner, die CIA – sonst können sie das nicht annehmen.”

Euronews: “Sie glaubten nie, dass der spätere Regierungschef Romano Prodi damals ein Hinweis auf das Rote-Brigaden Hauptquartier während einer spiritistischen Sitzung erhalten hatte!”

Cossiga: “Wahrscheinlich hat er nicht einmal gelogen! Selbst wenn er heute den Namen seines Informanten preisgeben würde, wüsste ich nicht, wie lange der dann noch leben würde! Prodi und andere wollten eine Information weitergeben, ohne ihren Informanten in Gefahr zu bringen!”

Euronews: “Eine Frage zum amerikanischen Berater Steve Pieczenik, den sie damals nach Italien holten: Dieser hat später geschrieben, sie wollten die Reaktion der italienische Öffentlichkeit auf Aldo Moros Tod testen. Er habe damals – noch bevor es soweit war – mit ihrer Zustimmung eine Falschmeldung über seinen Tod herausgegeben, und darin sogar den Ort beschrieben, wo seine angeblich Leiche gefunden werden könne.”

Cossiga: “Sie müssen verstehen, dass nach dieser Meldung die harte Linie weitgehend abgeschwächt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte auch mein Parteikollege Amintore Fanfani seine Meinung geändert, mit dem ich zuvor diese Linie beschlossen hatte. Und damals begannen auch die Sozialisten mit eigenen Verhandlungen: Sie vertrauten uns nicht; wenn sie uns gesagt hätten, mit wem sie Kontakt hatten… wahrscheinlich hätten wir dann das Versteck der Terroristen gefunden.”

Euronews: “Frankreich hat damals italienischen Terroristen, die der Gewalt abgeschworen haben, ein Bleiberecht garantiert. Nun scheint diese “Mitterand-Doktrin” nicht mehr zu gelten, ist das gerecht?”

Cossiga: “Es ist soviel Zeit vergangen! Ich bin damals beschimpft worden. “Cossiga: SS!”, hieß es, oder “Cossiga-Folterknecht”. “Cossiga: Mörder…”, und so weiter… Ich war immer Verfechter einer Amnestie, aber ich war gegen Straferlasse! Wir lebten damals in einer Art Bürgerkrieg!”

Euronews: “Einer derer, die Frankreich ausliefern wollte ist der Schriftsteller Cesare Battisti. Ist er auch ein Mörder?”

Cossiga: “Beides: das schließt sich nicht aus! Es ist, als wenn sie mich fragten, ob Caravaggio ein großer Maler war, oder ein gewalttätiger Mann, der in einem Streit einen Menschen umgebracht hat! Er ist natürlich beides gewesen!”

Euronews: “Der erneute Wahlsieg Berlusconis hat in vielen Ländern für ironische und sogar herablassende Reaktionen gesorgt. Sind die anderen alle hochmütig – oder ist Italien wirklich ein “un-normales” Land?”

Cossiga: “Der erste, der Berlusconi gratulierte, war der spanische Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero. Der zweite war Wilfried Martens, der Präsident der europäischen Volkspartei. Tony Blair, der zu dem Zeitpunkt in Rom war, hat die unterlegenen Linken besucht: D’Alema, Veltroni, Rutelli… – aber bei wem hat er zu Abend gegessen? Bei Herrn Berlusconi! Ich selbst habe ihn nicht mal gewählt! Aber die Engländer kenne ich gut: Sie sind die größten Snobs!”

Euronews: “Sie sagten, die Wahlniederlage der Linksradikalen, die nun nicht mehr im Parlament vertreten sind, könne ein Wiederaufflammen des Terrorismus verursachen. Gibt es dafür Zeichen?”

Cossiga: “Die linksradikalen Parteien waren ein Bezugspunkt für die linksextremistischen Bewegungen! Ich weiß noch, als es in Genua eine Demonstration zum Andenken an Carlo Giuliani gab – das war der Demonstrant, der ein Jahr zuvor während des dortigen G8-Gipfels getötet worden war. Der Kommunist Fausto Bertinotti hielt damals eine sehr aggressive Rede, die viel Applaus bekam. Und am Ende sagte er: jetzt, bitte, geht alle ruhig nach Hause! Und es gab keinerlei Ausschreitungen! Und jetzt? Wer könnte jetzt so etwas sagen? Veltroni, der als Amerika-Freund gilt? Oder Rutelli, der der Bischofskonferenz nahe steht? Glauben sie, dass die Linksextremisten auf die beiden hören würden? Nicht einmal im Traum!”