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Sali Berisha: Nichts ist fundamentaler als die transatlantische Allianz

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Sali Berisha: Nichts ist fundamentaler als die transatlantische Allianz

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Sali Berisha ist “Mister Albanien”. Wie kaum ein anderer verkörpert er das Land der Skipetaren, den letzten weißen Fleck Europas. In den 90er Jahren war er Staatspräsident, seit drei Jahren ist er Regierungschef. Heute will er Albanien auf NATO- und EU-Kurs bringen. Keine leichte Sache, zumal er und seine Landsleute mit den strengsten Visa-Bestimmungen Europas leben müssen.

EuroNews: Herr Ministerpräsident, fühlen Sie sich eigentlich diskriminiert, weil Sie bei der Einreise in die EU immer noch hohe Hürden zu überwinden haben?

Berisha: Die Auffassung, dass Serbien, was Visafragen angeht, sicherer sein soll als Albanien, ist absolut wirklichkeitsfremd. Wir hoffen, den Prozess der Visa-Liberalisierung beschleunigen zu können.

EuroNews: Glauben Sie, dass Serbien gefährlicher ist als Albanien?

Berisha: Vergleichen Sie selbst, in meinem Land gab es niemals grausame Kriegsverbrecher, die unvorstellbare Taten begangen hätten, wie anderswo auf dem Balkan.

EuroNews: Kann man Kriegsverbrechen mit dem organisierten Verbrechen vergleichen?

Berisha: Niemand soll der Illusion anhängen, dass diejenigen, die die schlimmsten Kriegsverbrechen begangen haben – und es waren sehr viele -, sich zu Engeln wandeln. Sie sind das Rückgrat des organisierten Verbrechens, ganz gleich, wo sie sich aufhalten. Das organiserte Verbrechen war überall auf dem Balkan in einer Symbiose mit der politischen Macht. Aus politischen Gründen und um Profite zu machen.

EuroNews: Ist das organisierte Verbrechen auf dem Balkan durch den Konflikt der 90er Jahre entstanden?

Berisha: Der Konflikt hat das organisierte Verbrechen sehr stark gefördert. Begünstigt durch den enormen Schmuggel von Waffen und anderen Artikeln, zweifellos.

EuroNews: Die Europäische Union fürchtet die Risiken, die durch das organisierte Verbrechen entstehen, etwa Menschenhandel oder Drogenschmuggel.

Berisha: Natürlich, heute gibt es keine Kriegsverbrechen mehr, aber der Menschenhandel ist eine große Sorge. Aber was hat mein Land getan? Fragen Sie die italienische Regierung. Gibt es dort mehr illegale Einwanderer? Nein, nahezu null. Warum? Weil wir die Schnellbote in unseren Gewässern verboten haben.

EuroNews: Glauben Sie, dass Korruption eines der größten Hindernisse im Kampf gegen das organisierte Verbrechen ist?

Berisha: Noch vor zweieinhalb Jahren hatte in meinem Land Korruption System. Aber dann trafen wir eine Reihe von sehr harten Gegenmaßnahmen. Zum einen wurde jeder einzelne Beamte auf mögliche Interessenkonflikte überprüft. Gab es einen, musste er die Verwaltung verlassen.

Dann wurde jedem Beamten die Möglichkeit genommen, öffentliche Mittel für private Zwecke zu nutzen. Schließlich haben wir Anzeigen begünstigt. Jeder, der Korruption bei den Behörden meldet, bekommt sechs Prozent des Wertes, der bei der Denunzierung sichergestellt wird. Diese Zeugen beschützen wir, als hätten sie ein Kapitalverbrechen beobachtet.

EuroNews: Befürchten Sie, dass die Kosovo-Mafia auch wieder Albanien vergiften könnte?

Berisha: Es gibt organisiertes Verbrechen im Kosovo. Aber dort gibt es nun auch eine unabhängige Regierung, mit der wir erfolgreich das organisierte Verbrechen bekämpfen werden, in Albanien, im Kosovo und überall sonst. Die Unabhängigkeit des Kosovo ist dabei ein entscheidender positiver Faktor im Kampf gegen die organisierte Kriminalität.

EuroNews: Selbst wenn das Kosovo noch kein wirtschaftlich tragfähiger Staat ist?

Berisha: Das Kosovo verfügt über sehr reiche Bodenschätze, wie kaum sonst in Europa.

EuroNews: Glauben Sie, dass diese Bodenschätze mit ein Grund für die internationale Gemeinschaft waren, die Unabhängigkeit des Kosovo zu unterstützen?

Berisha: Nein, nein, nein, überhaupt nicht.

EuroNews: Zu reich, um bei Serbien zu bleiben…

Berisha: Nein, die internationale Gemeinschaft war niemals für eine Bestrafung Serbiens. Die gesamte Entwicklung wurde der internationalen Gemeinschaft von Serbien quasi aufgedrängt.

EuroNews: Glauben Sie, dass die NATO bei ihrer Erweiterung schneller vorankommt als die EU – gegenüber Albanien?

Berisha: Nach meiner Meinung gibt es nichts was in unserer Zivilisation fundamentaler wäre als die transatlantische Allianz. Es gibt keine größere…

EuroNews: …fundamentaler als die EU?

Berisha: Nein, aber die Zivilisation ist die Zivilisation und nicht die EU-Zivilisation.

EuroNews: Wie sieht denn der westliche Balkan die Rolle Russlands?

Berisha: Es spielt nicht die Rolle für die Stabilität in der Region, die diesem großen Land zukäme. Russland muss realistischer werden und könnte eine bessere Rolle spielen, wenn es sich auf die neuen Verhältnisse einstellen würde. Ist Russland etwa eine Hilfe für Belgrad? Moskau löste einige sehr schwierige Entscheidungen in Belgrad aus, indem es die Unabhängigkeit des Kosovo ablehnte.