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Mario Monicelli: "Ich mache keine Filme mehr"

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Mario Monicelli: "Ich mache keine Filme mehr"

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“Guardi e lardi” Filmausschnitt Wer diese Szenen wiedererkennt ist wohl schon etwas älter oder ausgemachter Fan des italienischen Kinos der 50er Jahre – oder beides. “Räuber und Gendarm” drehte Regiesseur Mario Monicelli 1952. In Deutschland – übrigends auf beiden Seiten – standen die Kinogänger gut 10 Jahre später Schlange nach “Boccaccio 70”.
Inzwischen ist der Meister 93 Jahre alt. In seinem Arbeitszimmer im Rom stehen zwischen Familienfotos diverse Trophäen eines Filmemacherlebens – 2 “Goldene Löwen” aus Venedig, 3 “Silberne Bären” aus Berlin, auch für den “Oscar” war er einmal nominiert. Er liebte es, den Italienern die eigenen Fehler in komischer Form vor Augen zu führen.

Euronews: Mario Monicelli, vor den Parlamentswahlen im April haben Sie zusammen mit anderen Intellektuellen eine Petition zur Unterstützung der Linken unterschrieben. Genützt hat es nichts. Verstehen Sie sich jetzt als einen “außerparlamentarischen Linken?”

Mario Monicelli: Tja…sagen wir es mal so – unter dem Strich betrachtet war ich wohl immer ein “außerparlamentarischer Linker”. Das jetzt kommt nicht völlig unerwartet. Vielleicht der Form nach, wie die Sache ablief, insgesamt aber nicht unerwartet.

EuroNews: Die neue Berlusconi-Regierung hat Sicherheit und illegale Einwanderung auf ihre Prioritätenliste gesetzt. Gleichzeitig spricht man von einer Politik des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit. Ist das ein übertriebener Vorwurf?

Mario Monicelli: Tjaa….. im Sinne der Vorwürfe…… Also, die Wahrheit ist nun mal, dass wenn ein Land, eine Gesellschaft in der Krise steckt, verwirrt ist, durcheinander, dann findet sich schnell ein Sündenbock, dem man das aufladen kann. Und gerade jetzt erlebt man das mit den Roma, den Einwanderern, der Sicherheit – um all das gibt es viel Lärm. Eine normale Reaktion. Die Gesellschaft ist in der Krise und desorientiert. Das ist die Wahrheit.

EuroNews: Bei der Parlamentswahl hatte die “Lega Nord” enormen Erfolg. In einem Wahlspot schlug Umberto Bossi vor: Zitat:“Werfen wir aus unserem Land alle Lumpen und Verbrecher raus”. Gab es denn bisher unter uns Italienern keine Lumpen und Verbrecher?

Mario Monicelli: Ja, natürlich gab es die. Aber das wird schnell vergessen. Sofort. Wenn man andererseits unsere Auswanderung in die USA betrachtet – da wurden wir genauso angesehen, als Verbrecheer. Die Verurteilung von Sacco und Vanzetti zum Beispiel . Wir waren die Sündenböcke für eine bestimmte Gesellschaft. Wir sehen, wie sich hier in der Geschichte die gleichen Phenomäne wiederholen. Wenn diejenigen, die immer unten waren ihr Leben lang dann nach ober kommen, dann werden sie genauso bösartig wie die anderen. Das ist normal.

EuroNews: 1958 drehten Sie die Komödie “Diebe haben´s schwer”. Lebt diese Art Kino in anderen Formen weiter?

Mario Monicelli: Diese Art der italienischen Komödie entstand nicht erst in den fünfziger Jahren, wurde nicht von einer bestimmten Person geschaffen. Diese Art Komödie gab es in Italien schon immer. Sie verkörpert unsere Wahrheit, unsere Gesellschaft, unsere Wünsche, unsere Schandtaten, unsere Enttäuschungen – und alles das vermischt sich zur Komik, zur Posse – samt Unglück, Tod und Krankheit . Zur “Commedia dell´arte” gehören Figuren wie Pulcinella, wie Arlecchino. Das sind Diener, die auf ihre Art versuchen, sich vor dem Unglück zu schützen, vor den Herren, die sie quälen. Filmausschnitt: Der Gendarm schreit: “fermati che questo e americano”

EuroNews: “Räuber und Gendarm” entstand 1951. Es geht um einen betrogenen Amerikaner und einen Gendarmen, der den Betrüger verfolgt. Der Gendarm schreit den Betrüger an: “Spinnst du? Das ist ein Amerikaner! Wofür soll man uns im Ausland halten!!!” Und wofür hält man uns heute?

Mario Monicelli: Wir liefern ein genauso schlechtes Bild von unserem Land wie schon immer. Mit Ausnahme der Zeit, in der wir Filme machten. Damals begann Italien sich ein neues Bild von sich selbst zu schaffen. In unserer Wirtschaft gab es Wachstumsphasen, wir waren dabei, das Land nach den langen Jahren der Diktatur wieder aufzubauen, nach dem so schändlich verlorenen Krieg. Der Wiederaufbau – das war eine wirklich gute Zeit für Italien. Und in unseren Komödie steckte dieser Grundton: “ Passt auf, welches Bild wir abgeben”.
Von dem Bild, das wir heute bieten, kann man sich nicht freikaufen.

EuroNews: “I compagni” . 1963. Mastroiani warb für die Rechte der Arbeiter. Heute wird den Gewerkschaften vorgeworfen, sie würden den Wirtschaftsaufschwung stören. Hat das Land von damals mit dem von heute eigentlich noch etwas gemein?

Mario Monicelli: Aber ja. Es gibt immer noch Klassenkampf. Auch wenn im Augenlick alle Welt feststellt – die aktuelle Regierung voran – es gebe keinen mehr. Im Gegenteil – Klassenkampf gibt es immer. Vielleicht nicht so vordergründig. Auch wenn die Arbeiter rechts wählen, wie im Falle der “Lega Nord”, die gar keine richtige Rechtspartei ist.

EuroNews: 2004 stand das Festival von Cannes im zeichen von Michael Moore. Diesmal hat Jury-Präsident Sean Penn öffentlich George Bush kritisiert. Wird das Festival politischer?

Mario Moricelli: Aber ja, da kann ich zustimmen. Ich habe die Wettbewerbsfilme nicht gesehen. Nach dem, was über die Filme bisher bekannt ist, würde ich zustimmen. Vor allem was die italienischen Filme anbelangt. Italien – das ist ein Markenzeichen für “politisch”. Das italienische Kino, jenes das zählt, hatte immer seine Qualität im Politischen. Ich glaube, mehr als andere.

EuroNews: Und Ihr nächster Film ….?

Mario Moricelli: Ich mache keine Filme mehr. Damit ist Schluß, es war genug. Bei 65 Filmen glaube ich, das reicht.