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Cristian Mungiu: Die Kommunikation ist das Wunderbare am Kino

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Cristian Mungiu: Die Kommunikation ist das Wunderbare am Kino

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Große Überraschung vor einem Jahr in Cannes: Der Film des Rumänen Cristian Mungiu gewinnt die Goldene Palme. Der rein rumänische Streifen, finanziert mit einem Mini-Budget, erzählt die Geschichte einer Frau, die abtreiben will. Ein Jahr später kehrt Mungiu nach Cannes zurück – als Vorsitzender des sechsten Europa-Tages, zu dem die EU-Kulturminister an die Croisette gekommen waren. Thema: Die Zukunft des europäischen Kinos. Dafür interessiert sich auch Cristian Mungiu – und für die Lage des Kinos in seinem Heimatland Rumänien. Denn die ist alles andere als rosig. Der Erfolg in Cannes konnte da schon einiges bewirken.

EuroNews: Letztes Jahr haben Sie die Goldene Palme gewonnen. War das der Beginn einer langen Geschichte für Ihren Film?

Cristian Mungiu: Wegen der Goldenen Palme kam der Film in vielen Ländern überhaupt in die Kinos. Und der Film war so erfolgreich in Cannes, weil er vorher so ein enormes Presseecho hatte. Das öffnete mir an ganz vielen Orten die Türen. Dabei habe ich überhaupt erst festgestellt, welches große Renommé die Goldene Palme von Cannes auf der Welt hat. Es ist unglaublich, wie dann auch das Interesse an meiner Person wuchs. Das wirkliche Problem aber sind die Filme, die nicht das Glück haben, mit einem berühmten Preis ausgezeichnet zu werden. Für diese Filme müssen wir etwas tun, etwa die Distributionsmöglichkeiten erhöhen. Denn es gibt ein Publikum für europäische Filme und für Autorenfilme. Das sind keine Massenfilme für ein Multiplex-Kino, aber diese Produktionen haben ihr Publikum. Wir müssen diese Filmemacher unterstützen, um die kulturelle Vielfalt, von der wir immer sprechen, noch populärer zu machen.

EuroNews: Was halten Sie denn von der Vielfalt des europäischen Films? Sehen Sie irgendwelche Standards oder ist das nur die Summe der nationalen Flilmkulturen?

Mungiu: Man kann nicht wirklich von Standards sprechen. Was heisst in der Kunst schon Standard? Die einzige Sache, die europäische Filmkunst definiert ist, das sie nicht amerikanisch und nicht mainstream ist. Und das war´s auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Es gibt viele Unterschiede zwischen den Länder, den Regisseuren, selbst innerhalb eines Staates. Wir reden also von Vielfalt, die eine Alternative bietet. Wir müssen den Mainstream nicht bekämpfen, den wird es immer geben. Aber viele Leute hätten gerne eine Alternative, und da kommen wir her.

EuroNews: Die Medien haben eine neue Generation von Filmemachern in Osteuropa ausgemacht. Stimmt das?

Mungiu: Also, sehr oft stammen die interessantesten Filme von Regisseuren, die ihre erste oder zweite Arbeit gemacht haben. Die sind noch voll neuer Ideen und haben persönliche Geschichten zu erzählen. Und das System der Filmfinanzierung in Osteuropa erlaubt es gerade solchen Regisseuren, ihr Debüt zu geben. Deswegen sieht man derzeit viel Neues aus Osteuropa, gerade von Filmemachern unter 40.

EuroNews: Ist es heute schwieriger, die Produktionskosten für einen Film zu bekommen oder einen Verleih zu finden?

Mungiu: Ehrlich gesagt, ist es nicht schwierig, das Budget für einen Film zu bekommen, der weniger als eine Million Euro kostet. Ebenso leicht ist es, mit einem großen Star zu arbeiten UND mit einem Riesenbudget. Aber es ist schwierig, Filme zu machen die dazwischen angesiedelt sind. Ich glaube, dass es heute schwieriger ist, einen europäischen Film in ausländische Kinos zu bringen als ihn als Koproduktion herzustellen.

EuroNews: Was sind denn die größten Herausforderungen für europäische Filme, um im Ausland erfolgreich zu sein?

Cristian Mungiu: Das Wichtigste ist, dass sich die europäischen Autoren stets daran erinnern, dass es für ihre Filme ein Publikum gibt. Und für dieses Publikum arbeiten sie. Wir sollten nicht so selbstsüchtig sein und sagen, wir machen unsere Filme für uns. Stattdessen müssen wir den Menschen weltweit beibringen, solche Filme zu verstehen und zu sehen. Denn manchmal sind solche Filme nicht einfach zu sehen, sie sind nicht unbedingt Unterhaltungsfilme. Europäisches Kino heißt auch, dass sie bereit sind, einer Geschichte zuzuhören, die von Problemen anderer Menschen handelt. Und das hilft einem dann, seine eigenen Probleme zu lösen. Aber das zu verstehen, ist eben nicht leicht.

EuroNews: Glauben Sie, dass das Kino heute noch einen politischen Einfluss ausübt?

Mungiu: Ich denke schon. Aber ich glaube nicht, dass die Welt durch Filme geändert werden kann. Vielmehr halte ich es für möglich, dass man Menschen aber erziehen und irgendwie zusammenbringen kann. Und dass man ihnen klarmachen kann, dass selbst wenn sie in Südafrika, Taiwan oder sonstwo leben, wir uns letzten Endes nicht sonderlich voneinander unterscheiden. Es ist also möglich, durch Filme miteinander zu kommunizieren. Das ist genau das Wunderbare am Kino.

EuroNews: In einigen Ländern Europas gibt es immer weniger Kinos – wie sieht es in Rumänien aus?

Mungiu: Ehrlich gesagt, sieht es nicht gut aus. Und genau deswegen habe ich mich im vorigen Jahr nach Cannes entschlossen, dagegen zu kämpfen. Wir haben in Rumänien weniger als 50 Kino, einem Land von 20 Millionen Einwohnern. Da es unmöglich war, unter diesen Bedingungen ein großes Publikum zu erreichen, habe ich etwas sehr Romantisches getan. Ich habe einen großen Wohnwagen organisiert, der einen Monat lang durch Rumänien fuhr und mit einem Großprojektor den Film zeigte. Selbst in Großstädten gibt es keine Kinos mehr, und dort war das Ergebnis einfach unglaublich.