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Ungarn ehrt Imre Nagy

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Ungarn ehrt Imre Nagy

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Budapest – 50 Jahre danach.
In der ungarischen Hauptstadt ehrten am Grabe von Imre Nagy Politiker und Familienangehörige den am 16. Juni 1958 hingerichteten Reform-Politiker.
Seine Enkelin legte Blumen auf´s Grab des Mannes, der sich im ersten Weltkrieg in russischer Gefangenschaft der kommunistischen Partei angeschlossen hatte.

In den vergangenen Tagen hatten sich viele Bürger in den Räumen des ungarischen Staatsarchivs eingefunden, wo vom 9. bis 15. Juni jeweils die auf den Tag genau vor 50 Jahren aufgenommenen Tonbandmitschnitte des Geheimprozesses vorgespielt wurden.
Denn anders als bei den stalinistischen Schauprozessen der 40er und 50er Jahre, wurden im Falle Nagy und Genossen die Todesurteile im Geheimen gefällt und vollstreckt.

Imre Nagy hatte nach Stalins Tod 1953 versucht, Ungarn auf einen Reformkurs zu führen.
Die Stalinisten in den eigenen Reihen waren zunächst noch stärker und entließen ihn.
Nach Chruschtschows Geheimrede zu Stalins Verbrechen im Februar 1956 fassten die ungarischen Reformer neue Hoffnung.
Vom Volksaufstand im Oktober wurden sie aber überrascht. Die in Panik geratenen Kommunisten holten Nagy als Ministerpräsidenten zurück.
Der öffnete sein Kabinett den neu entstandenen bürgerlichen Parteien, nahm die bewaffneten Rebellen in die neu gegründete Nationalgarde auf und verkündete Ungarns Austritt aus dem “Warschauer Vertrag”.
Diese Entscheidung brachte das Faß zum Überlaufen.
Damit sah der Kreml sein ganzes Imperium in Gefahr – und liess sowjetische Panzer rollen.
Eine Austrittsklausel war im “Warschauer Vertrag”, dem Militärbündnis unter Moskauer Führung, schließlich nicht vorgesehen.

Nagy floh mit einigen Getreuen zunächst in die jugoslawische Botschaft.
Mit dem Versprechen auf freies Geleit wurden sie herausgelockt – und verhaftet. Es folgten Monate der Haft an einem geheim gehaltenen Ort in Rumänien. Das zeigt, wie unsicher die neue Führung mit dem in letzter Minute von Nagy auf die Sowjetseite übergelaufenen Janos Kadar im Umgang mit dem eigenen Volk war.
Sie wagte nicht einmal, ihre Gegner im eigenen Land einzusperren.

Derweil flohen ungarische Bürger zu Tausenden über die Grenzen nach Österreich und Jugoslawien.

Am 9. Juni 1958 begann dann in Budapest der Geheimprozeß gegen Imre Nagy, Ex-Verteidigungminister Pal Maleter und den Journalisten Miklos Gimes. –

Die Leichen wurden verscharrt.
Erst am 16. Juni 1989 wurde ihnen späte historische Gerechtigkeit zuteil.
Diese Zeremonie gilt als der Moment des Aufbruchs der Völker Ost-Europas zu ihren friedlichen Revolutionen, mit denen sie die kommunistische Epoche beendeten.