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"Wir müssen lernen, zusammen in Frieden zu leben" / die bei einem Attentat schwer verletzte libanesische Journalistin May Chidiac spricht über ihr Land

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"Wir müssen lernen, zusammen in Frieden zu leben" / die bei einem Attentat schwer verletzte libanesische Journalistin May Chidiac spricht über ihr Land

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May Chidiac:
“Sie haben getötet., ja , sie haben mich getötet.
Soll heißen, können sie sich eine Frau vorstellen, die nur noch ihren halben Körper hat?
Und das mir! Der unabhängigen Frau!
Man hat mich mit einem verletzten Schmetterling verglichen, weil ich mich nicht mehr richtig bewegen kann, nicht mehr schnell genug!
Ich war immer unter Druck.
Ich habe viermal die Woche ein politisches Morgenjournal gemacht, habe die Nachrichtensendung moderiert, habe an der Universität unterrichtet, habe weiter an meiner Doktorarbeit geschrieben….
Dazu mein sehr aktives soziales Leben.
Ich lebe mein Leben in vollen Zügen…
Sie haben mich geschwächt .
Sie haben mich wirklich töten wollen.”

Nach dem Anschlag hat sie ein Buch geschrieben mit dem Titel “ Der Himmel erwartet mich”.
Vor 3 Jahren explodierte in ihrem Auto eine Bombe. Seither mußte sie 29 Operationen über sich ergehen, einen Arm und ein Bein amputieren lassen. Ihren Arbeitswillen konnte das nicht brechen.
Zwischen einer Reise nach Europa und ihrer nächsten Sendung erklärt sie uns in Beirut ihre Sicht auf die Entwicklung im Libanon.

May Chidiac:
“Ich bin ein Kriegskind.
Als der Krieg begann war ich knapp zehn.
Seither habe ich immer mit dem Krieg gelebt.
Ich bin vom Krieg gezeichnet.
Überlebt habe ich zwischen den Demarkationslinien.
Auf der Ostseite, bei den Christen von Beirut.
Für mich geht es auch um das Weiterleben der Christen im Libanon.
Aus meiner Sicht war und ist die erste, wichtigste Sache die Souveränität, die Unabhängigkeit, die Freiheit des Libanon…

Für das Journalistik-Studium habe ich mich nicht aus rein politischen Gründen entschieden!
Sondern weil die das Fernsehen liebte.
Ich habe immer zu meiner Mutter gesagt:” Ich möchte nicht im Hintergrund arbeiten, wo mich keiner sieht.
Damals habe ich natürlich nicht voraussehen können, was mir dabei passieren würde. Das heißt, dieses internationale Renommee, nachdem ich Opfer eines Attentates geworden war.”

Am 29. September 2005 flog ihr Auto in die Luft – sie aber wich nicht ab von ihrer Position und wurde so zum Symbol der
“Bewegung des 14. März”.
Der Name steht für das Datum der großen Demonstration der Libanesen einen Monat nach dem Mord am syrien-kritischen
Ex-Premier Rafik Hariri .
Die Bewegung hat ihr Ziel erreicht.
Noch im gleichen Jahr 2005 mußten die syrischen Truppen aus dem Libabon abziehen.

Knapp ein Jahr später war wieder Krieg.
Israelische Bomben, sich bekämpfende Bevölkerungsgruppen innerhalb des Libanon…
Vielleicht ein Hoffnungsschimmer mit einer “Regierung der nationalen Einheit” …

May Chidiac:
“Bedauerlicherweise ging es bisher immer wieder einen Schritt zurück, wenn man glaubte, da sei Licht am Ende des Tunnels.

Am Anfang habe ich gehofft, geträumt –
von Unabhängigkeit – bis zu dem Moment, als die Syrer wieder da waren…
… nicht unbedingt mit ihrer Waffengewalt, dafür aber mit ihren Agenten im Libanon.
Die Politiker hier stehen im Sold der Syrer und der pro-iranischen Kräfte…

Letztendlich könnte man sagen, daß diese Revolutuion nicht stattgefunden hat.
Deshalb bin ich jetzt so wütend.

Und wer hat im Libanon die Waffen?
Das sind die syrischen Agenten!
Wie und wo kommen die Waffen ins Land?
Über die libanesisch-syrische Grenze.
Der Iran schafft die Waffen nach Syrien und von da übernimmt Syrien den Weitertransport in den Libanon, so läuft das mit den Waffen.

Und jetzt, was macht I H R jetzt?
I H R seid dabei, Syrien mit offenen Armen zu empfangen, so als sei nicht geschehen?

Bloß um um auf einem Gipfel die “Mittelmeerunion” zustande zu bringen?
Warum sollen die an den Feiern zum 14. Juli in Paris teilnehmen?
Der syrische Präsident kann an Beratungen teilnehmen. Dagegen habe ich nichts.

Aber ihn an der Zeremonie zum 14. Juli teilnehmen lassen – das heißt für mich:
ihn hundertprozentig reinzuwaschen,
heißt, dieses Regime steht nicht für Terror und Mord!

Wenn jemand wirklich für die Unabhängigkeit dieses kleinen Landes eintritt, dann muß er sich ein wenig gedulden, bevor er jene reinwäscht,
die dieses Land so lange besetzt hielten,
jene, die die Wiederherstellung dieses Landes hintertrieben haben.”

Ihre Sendung heißt “mit Mut”. Das ist das Motto, unter dem sie jede Woche zur offenen Diskussion läd. Trotz aller Morddrohungen, die sie weiterhin regelmäßig erhält.
Von ihrer Meinungsfreiheit macht sie keine Abstriche.

May Chidiac:
“Ich bin eine Frau, die in all den Kriegsjahren wirklich gelitten hat.
Ich will Frieden.
Ich habe mein persönliches Leben und meine Arbeit wohl auch meinen Neffen gewidmet.
Ich habe acht Neffen, und ich will nicht, daß sie im Ausland bleiben müssen. Ich will, daß sie in den Libanon zurückkommen. Ich will, daß sie in einem glücklichen Libanon leben können.
Und der Libanon ist es wert, auf seine Weise glücklich zu werden, ein Land, in dem alle Gemeinschaften einander respektieren können.
Am Ende könnte man vielleicht die Ideologie der anderen respektieren! Wenn man zu dieser Art zu denken finden würde, dann könnte es bei uns gehen. Aber man möge mir das nicht aufzwingen.

Ich will nicht weiter gegen Israel Krieg führen bis ans Ende aller Zeiten!
Wenn mein Land befreit ist, dann kann ich mir diplomatische Formen vorstellen, um die Probleme um die Scheba-Farmen zu lösen…
Israel ist der Feind, das leugne ich nicht.
Israel hat immer für seine eigenen Interessen gearbeitet. Aber – ich will Israel nicht provozieren!

Ich will Israel nicht provozieren, damit es mir nicht den Krieg erklärt! Damit Israel nicht kommt und unsere Brücken zerstört! Wo wir doch gerade mal wieder die ganze Infrastruktur neu aufbauen mußten. Das ist vorbei! Der Krieg ist vorbei!

Ich will in einem freien Land leben, wo man vielleicht wie in jedem anderen demokratischen Land seine Schlachten schlägt – aber politische Schlachten! Nicht mit Waffen !

Die Hisbollah kann Libanon nicht mit Waffengewalt einnehmen. Auf lange Sicht funktioniert das nicht.
Weil dann immer wieder eine Intifade dagegen entsteht, so wie die, die Widerstand leistet gegen Israel. Die Sunniten werden das nicht akzeptieren, die Drusen auch nicht und nicht die Christen.

Wir müssen lernen, zusammen in Frieden zu leben.
Vom Krieg führen haben wir genug.”