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Zizek: Karadzics politischer Plan ging auf

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Zizek: Karadzics politischer Plan ging auf

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Was haben Lenin, Alfred Hitchcock und der Cyberspace gemeinsam? Sie werden von Slavoj Zizek in Büchern behandelt. Der Slovene, Jahrgang 1949, ist einer der bedeutendsten europäischen Philosophen. Mit seinen Arbeiten im Grenzbereich zwischen Philosophie und Psychoanalyse erlangte er viel internationale Aufmerksamkeit. Euronews traf Zizek am Rande des Filmfestivals in Sarajevo. Für die Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina spielt diese Kulturereignis eine wichtige Rolle bei der Aufgabe, den Menschen dort wieder Selbstvertrauen zu geben.

euronews: Herr Zizek, Sie sind Gast beim Sarajevo Film Festival – was kann Kino, was kann Film gesellschaftlich bewirken?

Zizek: Zunächst einmal bin ich als altmodischer Marxist der Meinung, dass das Kino heute den ideologischen Kampf führt. Dieser Kampf geht weiter, und man kann dies erst recht mit Blick auf den schrecklichen Krieg im ehemaligen Jugoslawien feststellen. Einige Filme des Festivals sind authentisch, die größten Erfolgstreifen des Wettbewerbs leider nicht. Damit meine ich etwa Eric Kusturicas “Underground”, dieser Film ist fast schon eine Tragödie – keine mißverständliche Geschichtsklitterung. Welches Bild aus Ex-Jugoslawien zeigt dieser Film: einen verrückten Teil der Welt, in dem ständig herumgehurt, getrunken und gekämpft wird. Kusturica inszeniert einen bestimmten Mythos, und zwar was der Westen im Balkan sehen will. Dieser Mythos existiert bereits seit langer Zeit.

euronews: Wie erklären Sie dieses Phänomen?

Zizek: Zunächst einmal könnte man ironisch sagen, dass der Balkan psychoanalytisch “Das Unbewusste Europas” ist. Europa entwirft im Balkan alle seine schmutzigen Geheimnisse, Unzüchtigkeiten und so weiter. Es stimmt aber nicht, dass der Balkan in seinen alten Träumen gefangen wäre oder nicht mit der post-modernen Wirklichkeit umgehen könne. Nein, ich würde sagen der Balkan ist in Träumen gefangen, aber nicht in seinen eigenen europäischen Träumen. Der französische Philosoph Gilles Deleuze hat ein wundervolles Wort geprägt: “Si vous êtes pris dans le rêve de l’autre, vous êtes foutu.” – Wenn Sie im Traum eines anderen gefangen sind, sind Sie verloren. Das Kino sollte genau zeigen dass exzentrische Folklore existiert – wir sind alle Teil einer globalen Welt.

euronews: Sarajevo, ein Symbol für Multikulturalismuns – aber Sie haben eine ganz eigene Meinung zu multikultureller Toleranz…

Zizek: Ich denke, wir haben von dieser multikulturellen Ideologie genug gehabt, die für mich oft nur eine Form von Rassismus ist. Wenn zum Beispiel Leute hierher kommen, typische Multikulturalisten, und Ihnen sagen: O, ich will verstehen, inwieweit Sie verschieden sind. Was diese Leute verstehen müssen, ist, dass die Menschen hier eben nicht verschieden sind. Den Menschen hier sind eben nur andere Dinge geschehen. Aus lauter Freude, dass es im Westen keinen Krieg gab, erfanden die Multikulturalisten eben die Andersartigkeit auf dem Balkan. Wir brauchen heute einen Kodex des Ermessens und nicht noch mehr Verständnis. Wir sollten die liberale Erpressung ablehnen, nach der wir uns alle gegenseitig verstehen müssen. Dafür ist die Welt viel zu komplex. Ich will auch Menschen und ihre Lebensart nicht verstehen können.

euronews: Warum ist in Bosnien nach der Festnahme von Radovan Karadzic trotz allem auch Entäuschung zu spüren?

Zizek: Die traurige Wahrheit ist, dass Karadzic im Wesentlichen Erfolg hatte. Sein Grundprogramm war, dass ein großer Teil Bosniens ethnisch gesäubert für die Serben reserviert werden sollte. Und das ist ja auch geschehen. Die Republika Srpska hält 51 Prozent des Staatsgebiets und nur zehn Prozent der Bevölkerung sind Nicht-Serben. Das hat Karadzic gewollt. Und das ist eben die Ironie und die Heuchelei: Der Mann wird verurteilt, aber sein Projekt war erfolgreich.