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EZB-Chef Trichet verlangt in einem Exklusiv-Interview mehr Transparenz

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EZB-Chef Trichet verlangt in einem Exklusiv-Interview mehr Transparenz

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Weltweit suchen Regierungen wie Finanzexperten nach Auswegen aus der Bankenkrise. Welche Strategie verfolgt die Europäische Zentralbank? In einem Exklusiv-Interview mit euronews-Reporter Stefan Grobe erklärt der Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, was aus seiner Sicht getan werden muß.

euronews: Den Zentralbankschefs traut man ja einen 6. oder gar 7. Sinn zu. Wann wurde denn Ihnen klar, daß hier eine wirklich große Sache am Laufen ist?

Jean-Claude Trichet: Unser Urteil stand seit dem vergangenen Jahr, seit dem 9. August des vergangen Jahres. Wir sahen an unserem eigenen Markt total unerwartete Abläufe – und die signalisierten uns, daß etwas Großes auf uns zukommt. Aus diesem Grund haben wir sofort gehandelt. Wir überraschten die Beobachter mit der Entscheidung. Innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums – ich spreche hier von Stunden, von anderthalb Stunden – entschied das Direktorium der EZB, dem Geldmarkt Liquidität zuzuführen, um sicherzustellen, daß er weiter so funktionieren kann, wie es unserer Politik entspricht. Das ist etwas, worauf ich unbedingt hinweisen möchte. Wir haben einen geldpolitischen Standpunkt, der mittelfristig stets Preisstabilität garantieren soll.

euronews: Wer hat Schuld an der weltweiten Kreditkrise: gierige Banker? Hinterlistige Immobilienhändler? die US-Notenbank? Oder alle miteinander? Wer hat Schuld?

Jean-Claude Trichet: Es bringt nichts, jemanden zum Sündenbock zu machen. Das gesamte System muß auf den Prüfstand, und dabei müssen wir vorsichtig sein.
Meiner Meinung nach müssen absolut alle Teile des globalen Finanzsystems verändert werden, ohne dabei irgendjemand oder irgend eine Institution oder ein Instrument zu privilegieren. Eine Reihe von Lektionen haben wir schon gelernt auf der Ebene des Finanzstabilitätsforums FSF, das der vereinbarte Rahmen für solche Lektionen ist. Zusammenfassend würde ich sagen: Wir müssen in besonderem Maße die Transparenz verbessern, die Transparenz der Institutionen, der Instrumente, besonders jener undurchsichtigen Finanzinstrumente, die geradezu giftig gewirkt haben – verbessern müssen wir auch die Transparenz der Märkte.

euronews: Ich spreche jetzt mal nicht von Groß-Investoren – sondern vom einfachen Volk, von den vielen kleinen Anlegern und Sparern. Die sind beunruhigt wegen der faulen Krediten, die Banken jetzt in die Insolvenz stürzen können. Wie sicher sind diese Banken?

Jean-Claude Trichet: Wir haben – ich würde sagen – gleichzeitig gesprochen und gehandelt, wir haben vorzugsweise koordiniert gehandelt, um weltweit die Dollar-Liquidität zu stützen, und zwar in enger Zusammenarbeit mit der US-Notenbank. Sie können selbst sehen, was bisher die Exekutive und ihre Behörden unternommen haben. Ich würde sagen, das spricht für die Aufmerksamkeit, die die Behörden dem Problem widmen. Ich würde sagen, daß das ein Beweis ist für die Wachsamkeit der Behörden, es ist entscheidend für das Vertrauen, für den Aufbau von Vertrauen, daß wir weiterhin so wachsam bleiben.

euronews: Wenn die Banken sicher sind… wie sicher sind die Spareinlagen?

Jean-Claude Trichet: Nochmal – die Behörden helfen, wo sie nur können, und haben bewiesen, daß sie es können. Das ist ganz offensichtlich, ich würde sagen, überall. Aber es ist natürlich auch die Aufgabe der Privatwirtschaft, sich so korrekt wie möglich zu verhalten und ihr Verhalten zu verbessern. Mit diesen Verbesserungen bereiten wir den Weg in die Zukunft. Wir müssen das globale Finanzwesen in sehr entschlossener Weise verbessern.

euronews: Immobilienbesitzer mit einem variablen Hypothekenzins sind sehr pessimistisch. Was sagen sie diesen Leuten?

Jean-Claude Trichet: Und ich würde allen Verbrauchen, allen Haushalten und allen 320 Millionen Mitbürgern in der Eurozone sagen: Ihr könnt euch auf uns verlassen. Wir werden mittelfristige Preisstabilität sichern. Das ist es natürlich, was die Märkte erwarten und damit können wir die bestmöglichen finanziellen Bedingungen schaffen für nachhaltiges Wachstum und nachhaltige Förderung des Arbeitsmarktes.

euronews: Anscheinend sind kommerzielle Banken immer weniger bereit, Kredite zu gewähren. Wird diese finanzielle Krise der Wirtschaft schaden? Werden die Arbeitsplätze noch unsicherer?

Jean-Claude Trichet: Wir sehen auf dieser Seite des Atlantiks, in der Euro-Zone, daß die Kredite für Firmen, Unternehmen, Konzerne nach wie vor dynamisch sind. Das müssen wir feststellen und berücksichtigen, wenn wir ein Urteil abgeben. Wir haben ganz klar eine Dynamik in diesem Teil unseres Finanzwesens – in der Eurozone. Um ihnen nur eine Zahl zu nennen: Die offenen Kredite an Unternehmen, die selbst keine Geldinstitute sind, wachsen nach unseren jüngsten Zahlen etwas mehr als 13 Prozent pro Jahr.

euronews: Um ein totales Desaster zu vermeiden und die geschundenen Märkte zu retten verkündete die US-Regierung vergangene Woche einen nie dagewesenen Rettungsplan, der einen hohen Preis hat. Zuvor hatte die US-Notenbank AIG, Fanny Mae und Freddie Mac übernommen. Könnten sie sich vorstellen, daß die EZB unter irgendwelchen Umständen als Kreditgeber der letzten Instanz in einem so enormen Ausmaß für europäische Institutionen eintreten könnte?

Jean-Claude Trichet: Wir haben eine Verantwortung in Hinblick auf die Bereitstellung von Liquidität, aber wir haben keine Verantwortung im Hinblick auf die Frage der Zahlungsfähigkeit, die hier und da auftauchen könnte. Dies ist also klar: Wir müssen unserer gesamten Verantwortung gewachsen sein und wie alle Zentralbanken weltweit haben wir die Verantwortung für die Liquidität. Die Verantwortung für die Zahlungsfähigkeit liegt bei der Exekutive.

euronews: Blicken wir in die Zukunft. Wenn wir jemals zur Normalität zurückkehren könnten, wie könnte die aussehen?

Jean-Claude Trichet: Es war von Anfang an das Urteil der EZB, daß wir in eine Phase der Marktkorrektur großen Ausmaßes eintreten, mit Episoden höchster Volatilität, mit turbulenten Episoden auf vielen verschieden Märkten, mit zeitweise hektischem verhalten verschiedener Marktteilnehmer und wir fügten hinzu, daß es sich um ein fortdauerndes Phänomen handelte, und das würde ich auch jetzt sagen. Es ist ein fortdauerndes Phänomen, das von allen Regierungen und ganz gewiß von den Zentralbanken ständige Wachsamkeit erfordert.