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André Azoulay über die Mittelmeer-Union

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André Azoulay über die Mittelmeer-Union

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André Azoulay kennt sich aus auf der Bühne der Macht! Er ist Berater des marokkanischen Königs Mohammed des VI. und der Prototyp eines Diplomaten. Als Leiter der euro-mediterranen “Anna-Lindh-Stiftung” hat er den Auftrag den interkulturellen Dialog zwischen den Ländern der EU und den südlichen Mittelmeeranrainerstaaten zu fördern. Als Jude aufgewachsen in einem muslimischen Staat versteht er es Brücken zu bauen. Muss er auch. Ist er doch sowohl am Aufbau eines palästinensischen Staates als auch an der Legitimierung Israels im Nahen Osten interessiert.

Sergio Cantone: Herr Azoulay, welche Strategien sollte die EU Ihrer Meinung nach, hinsichtlich des Mittelmeer-Raumes, für die Zukunft entwickeln?

André Azoulay: Es ist doch ganz logisch, dass zuerst einmal immer das Gleichgewicht im Auge behalten werden muss. Es bringt nichts, wenn sich eine Seite ständig benachteiligt fühlt. Von daher ist es wichtig, dass EU-Politiker Strategien entwickeln, die für alle Menschen dieser Region gleichermassen ideologisch, politisch, kulturell und sozial akzeptabel sind. Dieses Gleichgewicht muss auch zwischen den verschieden Kulturen gewahrt bleiben.

Sergio Cantone: Was Wirtschaft und Handel betrifft, sind die Verhandlungen schon sehr weit fortgeschritten. Kommt momentan nicht die politische Dimension etwa zu kurz?

André Azoulay: Ich sehe das nicht so pessimistisch. Im Gegenteil, ich finde wird sind gerade dabei eine neue Dynamik für den euro-mediterranen Raum zu schaffen. Wir dürfen uns mit dem Erreichten nur nicht zufrieden geben und alles als Selbstverständlichkeit hinnehmen. Es gibt nach wie vor eine Reihe politischer Notwendigkeiten, die für die Menschen des euro-mediterranen Raumes noch umgesetzt werden müssen. Daher ist es eine der wichtigsten Aufgaben für den Mittelmeer-Raum wieder positiven Einfluss auf bestimmte Regionen und Konflikte zu nehmen. Ich denke hier vor allem an den Palästinensrer-Israel-Konflikt, aber auch an den Irak oder Afghanistan. Hier gilt es entstandene Spannungen zwischen den arabischen Staaten mit ihrer muslimischen Kultur und dem Westen mit seinen Christlichen Wurzeln wieder abzubauen.

Sergio Cantone: Sie als ein Befürworter eines eigenen palästinensischen Staates, der neben Israel existieren soll, frage ich Sie: Ist der Zeitpunkt für diese Staatenkonstellation schon reif?

André Azoulay: Die Welt hat auf jeden Fall verstanden, wie wichtig die Bildung eines legitimen, palästinensischen Staates ist – nur niemand tut etwas dafür. Und das nicht, weil es hier einen Streit um Religion gibt, oder weil politische und religiöse Führer die Menschen für ihre jeweiligen Überzeugungen instrumentalisieren. Es passiert nichts, weil wir Geiseln einer Situation geworden sind, inder bestimmte Gruppen es geschafft haben, zuviel Einfluß auf unser persönliches Denken zu nehmen. In unserem Dialog behandeln wir aber alle Gesprächspartner gleich. Egal ob Moslem, Jude oder Christ. Nehmen sie mich als Beispiel. Als Jude bin ich in einer muslimisch geprägten Stadt aufgewachsen. Nachbarschaft bedeute für uns, füreinander dazusein, egal welcher Glaubensrichtung der Nachbar auch angehören mag. Umgekehrt bedeutet es aber auch, so jedenfalls meine persönliche Überzeugung, dass Israelis und Palästinenser sich endlich gegenseitig akzeptieren müssen. Sonst machen alle Verhandlungen keinen Sinn.

Sergio Cantone: Gerde hat Papst Benedikt der 16. seinen Besuch in Frankreich beendet und das Konzept des Säkularismus positiv hervorgehoben. Was Sie gerade erwähnten geht in dieselbe Richtung. Können Sie dem zustimmen?

André Azoulay: Ja, dem kann ich zustimmen! Ich denke aber auch, dass es nicht reicht, seine Wünsche nur theoretisch und rhetorisch zu formulieren. Sie müssen auch Alltagstauglich sein und unser Verantwortungsbewußtsein wiederspiegeln.

Sergio Cantone: Marokko ist als einer der ersten Staaten der Maghreb-Union beigetreten und hat einen Demokratisierung-Prozess begonnen. Wie begegnet Ihre Nation jetzt der wachsenden Unsicherheit verursacht durch Al-Qaeda, die ja ihren Ursprung im Maghreb-Raum und Teilen Afrikas südlich der Sahara hat, die auch in den geologischen Interessenbereichs Marokkos fallen?

André Azoulay: Das heutige Marokko ist dabei sich zu modernisieren, wird aber weiter an seinen Wurzeln und an seiner Identität festhalten. Die von Ihnen angesprochenen Probleme, sind nicht hausgemachte Probleme Marokkos. Es handelt sich vielmehr um multinationale Konflikte, um internationale Konflikte. Sie existieren sicher auch bei uns, sind aber eher ein vorübergehendes, konjunkturelles Phänomen.

Sergio Cantone: Denken Sie, das die Demokratisierung und die gleichzeitige, erfolgreiche Terrorbekämpfung in Marokko funktionieren kann?

André Azoulay: Absolut! Ich gehe sogar noch weiter! Ich denke sogar, dass der Bau einer offenen, demokratischen marokkanischen Gesellschaft weitergehen wird. Jeder weitere Schritt in diese Richtung wird die Demokratisierung Marokkos voranbringen.