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EU-Währungskommissar Alumnia: "Niemand muss Angst um seine Ersparnisse haben"

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EU-Währungskommissar Alumnia: "Niemand muss Angst um seine Ersparnisse haben"

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Es ist nicht einfach, zur Zeit der EU-Wirtschafts- und Währungskommissar zu sein. Die Finanzkrise ist auch ein Test für Europas Wirtschaft. Joaquín Almunia ist in der Brüsseler Kommission für unser Geld verantwortlich. Ein schwieriger Job angesichts der Turbulenzen auf den Finanzmärkten und fallender Aktienkurse.

euronews: Die Zentralbanken einschließlich der EZB und der amerikanischen Federal Reserve haben entschieden, die Leitzinsen zu senken. Was bedeutet das für Europa und die Welt?

Joaquín Almunia: Es soll vermutlich nach den Spannungen für eine Erholung auf den Märkten sorgen. Ich hoffe, die Investoren werden das positiv aufnehmen. Darüber hinaus ist die Koordination unter den wichtigsten Zentralbanken der Welt eine gute Nachricht. Es ist ein gutes Zeichen für den Markt und auch ein gutes Beispiel dafür, dass die Regierungen ihre Abstimmung verbessern.

euronews: Wäre es nicht besser gewesen, Eigeninitiative zu zeigen und Entscheidungen zu treffen, bevor die Krise diesen Punkt erreichte?

Joaquín Almunia: Lassen sie uns darauf schauen, warum es soviel Geld auf dem Markt gab. Die wirklichen Risiken wurden weit unterschätzt. Viele Investoren ließen es darauf ankommen, weil das Leitzinsniveau vor dem Jahre 2007 niedrig war. Heute sollen die Maßnahmen, die von den Zentralbanken beschlossen wurden, für eine Entspannung des Marktes sorgen und die Lage für die Hauptakteure verbessern.

euronews: Ist es eine gute Idee, in Anbetracht der globalen Wirtschaftslage, jetzt den Leitzins zu senken?

Joaquín Almunia: In diesem Stadium ist eine Rekapitalisierung der Finanzinstitute entscheidend, damit die Konzerne genügend Kapital haben, um ihre normalen Kreditgeschäfte wieder aufnehmen zu können. Es ist weiterhin notwendig, das Vertrauen zwischen den Finanzinstituten wiederherzustellen, um ihre Interbank-Geschäfte wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Die Wiederherstellung des Vertrauens wird zu einer Normalisierung der Lage führen.

euronews: Eine Idee war, die Banken zu rekapitalisieren, indem man einen gemeinschaftlichen europäischen Fonds schafft…

Joaquín Almunia: Es gibt Vorschläge, die sich für koordinierte Aktionen zwischen den europäischen Regierungen aussprechen, um Fonds auf nationalem Niveau zu schaffen. Wir haben diese auf dem letzten Ecofin-Treffen diskutiert. Aber niemand hat von einem europäischen Fonds gesprochen.

euronews: Aber es gibt Länder, die vorwärts drängen…

Joaquín Almunia: Es gab ein Gedankenspiel, etwa von den Niederlanden, einen zentralen Fonds in Brüssel zu schaffen. Aber es gab keinen konkreten Vorschlag.

euronews: Wäre die Schaffung eines einzigen europäischen Fonds mit seinen eigenen Befugnissen eine gute Idee?

Joaquín Almunia: Lassen sie uns deutlich sein. Es ist keine Zeit für Utopien. Der realistischste Vorschlag ist, dass jedes Land private oder öffentliche Ressourcen zur Verfügung stellt. Wenn dies in Abstimmung erfolgt, wird das Vertrauen zwischen den Finanzinstituten, die auf dem Binnenmarkt tätig sind, steigen.

euronews: Und Spareinlagen? Was sagen sie denjenigen, die Angst haben, ihre Ersparnisse zu verlieren?

Joaquín Almunia: Niemand wird seine Ersparnisse verlieren. Es gibt Finanzinstitute, die Probleme haben, aber dank der öffentlichen Hand oder Übernahmen durch andere Banken hat niemand seine Einlagen verloren.

euronews: Gibt es genug Geld, um alle Spareinlagen auf nationalem Niveau zu garantieren?

Joaquín Almunia: Es gibt genug Instrumente, die verhindern, dass irgendein Kreditinstitut in solch eine Krise stürzt, wie es bei Lehman Brothers in den USA der Fall war. In Europa wollen wir nicht ein solches Szenario und es wird keinen Lehman-Fall geben. Keine Bank wird bankrott gehen oder verschwinden. Das wird nicht passieren.

euronews: Warum haben die Märkte nicht auf die Maßnahmen, die von Zentralbanken weltweit ergriffen wurden, reagiert?

Joaquín Almunia: Es mangelt an Vertrauen zwischen den Geldinstituten, weil es an Transparenz fehlt. Und jede Bank fürchtet, dass die andere Bank, die von ihr Geld leihen will, in einer schlechteren Situation ist, als sie selbst. Finanzmärkte basieren auf Vertrauen.

euronews: Erwarten sie, dass das Finanzwesen in Zukunft eine geringe Rolle spielen wird, als es jetzt der Fall ist?

Joaquín Almunia: Was wir nicht brauchen, ist, dass die Vorgänge am Finanzmarkt, den Kontakt zur Realität und die Wahrnehmung der Risiken verlieren und dass vergessen wird, was tatsächlich Kapital abwirft, um solche Operationen zu gestatten.

euronews: Gefährden die riesigen Finanzspritzen der Mitgliedsstaaten nicht den europäischen Stabilitätspakt?

Joaquín Almunia: Der Stabilitätspakt ist lebendig und arbeitet und wird dies weiter tun. 2005 wurde der Pakt reformiert. Es wurde mehr Flexibilität im Falle eines wirtschaftlichen Rückgangs eingeführt. Wir rechneten nicht damit, dass wir dann durch eine so schwierige Zeit gehen müssen. Jedoch wird die Flexibilität nützlich sein. Ich weiß, dass einige Haushaltsdefizite steigen werden. In manchen Fällen ist das bereits der Fall. Aber ich kann ihnen sagen, dass es generelle Zustimmung gibt, sich an die Regeln der Haushaltsdisziplin im Rahmen des Stabilitätspaktes zu halten. Dies wurde beim letzten Ecofin-Treffen und auch auf dem Pariser-Treffen von vier Staats-und Regierungschefs vor ein paar Tagen mit
Einstimmigkeit wiederholt.