Eilmeldung

Eilmeldung

Hanif Kureshi, ein Dichter plädiert für eine neue linke Ideologie

Sie lesen gerade:

Hanif Kureshi, ein Dichter plädiert für eine neue linke Ideologie

Schriftgrösse Aa Aa

Hanif Kureishi – ein Mann mit pakistanischem Namen, aufgewachsen in Großbritannien, der sich selbst einfach nur als Schriftsteller versteht. Von seinen zumeist sozialkritischen Werken erschienen auf deutsch u.a. “Der Buddha aus der Vorstadt”, “Mein wunderbarer Waschsalon”, “Das schwarze Album”. Für die Verfilmung seines Romas “Rastlose Nähe” gab es einen “Goldenen Bären” der Berliner Filmfestspiele. Luca Vitali besuchte den 54jährigen im Westen von London.

euronews: In den meisten ihrer früheren Werke gibt es ein Zusammentreffen zwischen Osten und Westen. Ist das ihr Traum als Künstler oder ist es ihre Hoffnung als Mensch?

Hanif Kureishi: Sicher ist, als ich damit anfing ein Schriftsteller zu werden, hatte ich den Ehrgeiz meine ganz spezielle Situation zu beschreiben, die ich irgendwie für repräsentativ hielt. Mein Vater kam aus Britisch-Indien, dem Teil, der heute Pakistan ist. Meine Mutter ist eine weiße Christin. Und zusammen hatten sie Kinder, die zu Opfern rassistischer Beschimpfungen wurden. Ich sah, diese Situation war nicht nur in Großbritannien üblich, sie wurde es auch anderswo in Europa. Und so wurde Streipunkte wichtig, die mit Rasse zu tun hatten, mit Einwanderung, mit Islam, mit der Art, wie sich die Gesellschaft entwickelt. Aber die Idee, daß es irgendwie meine Aufgabe wäre, Ost und West zusammenzubringen – vergessen sie das-Dafür bin ich nicht kompetent genug.

euronews: In ihrer 2005 erschienen Essay-Sammlung (“The Word and the Bomb”) sagen Sie, der Fundamentalismus bedeute das Scheitern unserer wichtigsten Eigenschaft: unserer Vorstellungskraft. Die komme in der fundamentalistischen Ordnung nur einem zu: GOTT. Die übrigen seien seine Diener. Ist das noch immer ihre Auffassung?

Hanif Kureishi: Darüber sprach ich gestern Abend mit einem Freund, der wie ich viele sogenannte Fundamentalisten schon in der Frühzeit kannte: also seit Mitte der Achtziger Jahre (nach der Fatwa gegen Salman Rushdie). Wir kannten dieselben Leute. Und die Streitgespräche endeten immer in der Sackgasse: Der Koran ist das Wort Gottes, bekamen wir am Ende zu hören, das müsse einfach jeder glauben, denn wie könnte ein menschliches Wesen ein so schönes Buch schreiben! Da gibt es keine Meinungsverschiedenheit, nur Unterwerfung und Gefolgschaft, – und so kommt man dann in den Himmel. Auf dieser Basis kann man nicht diskutieren. Man erreicht da einen Punkt, wo ein Liberaler und ein Fundamentalist oder Verfechter irgendeiner Ideologie nur feststellen können, dass sie nicht übereinstimmen. Der Multikulturalismus bricht da sozusagen zusammen. Denn zwischen diesen Weltanschauungen gibt es keine Kompromisse.

euronews: Können Sie inzwischen besser verstehen, warum sich so viele junge Menschen der Religion zuwenden?

Hanif Kureshi: Mich überrascht, dass es nicht noch mehr sind. Denn religiöse Gesellschaften sind sehr attraktiv, aus vielen verschiedenen und sehr komplexen Gründen. Die säkulare Gesellschaft ist ein merkwürdiges Phänomen der Menschheitsgeschichte. Denn es ist viel schwerer, ohne Gott zu leben, als mit Gott. Religionen geben Sicherheit: Sie ziehen Grenzen und verhängen Verbote, ganz so wie früher Papa und Mama zu Hause. Es ist viel schwerer, in einer säkularen Gesellschaft zu leben. Es gibt viel mehr Wahlmöglichkeiten. Und eine Art moralisches Schwindelgefühl – das ist ein Alptraum! Aber ich bin Säkularist und Atheist.

euronews: Wie sehen Sie die gegenwärtige Finanzkrise? Glauben Sie, es ist der soundsovielte perverse Effect des Kapitalismus?

Hanif Kureishi: Eine der Entwicklungen seit der Thatcher-Ära ist, das alles dereguliert wurde. Und – was Thatcher selbst wollte: einige Männer wurden sehr reich. Thatcher mochte Reichtum, sie mochte Männer, und ganz besonders mochte sie reiche Männer. Thatcher machte aus dem Reichtum einen Fetisch – was niemand vor ihr gemacht hatte, seit dem Kriegsende: Ich bin noch in einem sehr kargen Großbritannien aufgewachsen. Wir mussten sparsam sein, aus Mangel. Aber Thatcher war wie ein Lotto-Gewinner. Sie mochte Geld – und das Geldausgeben. Wir lebten unter Thatchers Bann der Deregulierung. Manche Leute wurden dadurch immer reicher, oft auf Kosten anderer Leute. Und nun haben sich gewisse Leute in diesem System so bereichert, dass das System selbst mehr oder weniger zusammengebrochen ist. Marx hat immer gesagt: der Kapitalismus werde aufsteigen und dann zusammenbrechen, und dies werde ein kontinuierlicher Vorgang sein. Und genau das ist passiert. Da kann man nur lachen. Es war eine unausweichliche Tragödie.

euronews: Identifizieren Sie also Thatcher als die Degeneration des Kapitalismus?

Hanif Kureshi: Es geschah um 1989: Der Marxismus brach zusammen, eine Ideologie der Gleichheit und Brüderlichkeit. Und: (Ajatollah Khomeini verhängte) die Fatwa gegen Salman Rushdie. Der Fundamentalismus kam als eine alternative Ideologie in die Welt. Damals kam es zu einem plötzlichen Wandel. Und die Anhäufung von Reichtum um seiner selbst willen galt nicht mehr als moralisch unannehmbar. Der Traum im größten Teil meines Lebens – in den 50ern, 60ern und 70ern – war die Gleichheit: dass die Kluft zwischen den Kindern der Reichen und der Armen nicht mehr so groß sein würde,
dass die Kinder der Armen nicht weniger Lebensmöglichkeiten haben würden, dass sie nicht erniedrigt würden. Dieser Traum explodierte geradezu mit dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989. Deshalb finde ich, dass wir eine alternative linke Ideologie schaffen müssen. Ich weiß zwar nicht wie – und wer das tun wird, aber es ist notwendig für die Zukunft Europas, denke ich, denn der ungehemmte Kapitalismus führt nur in den vulgärsten Konsumismus – und zu der finanziellen Explosion, die wir jetzt haben.

euronews: Sie schrieben einmal, der Multikulturalismus sei nicht ein oberflächlicher Austausch von Festtagen und Speisen, sondern der ernsthafte und entschlossene Austausch von Ideen, und dieser Konflikt sei lohnender als ein Krieg. Könnten Sie das noch etwas erläutern.

Hanif Kureshi: Die Komplexität der heutigen Welt ist geradezu überwältigend, aber das hat auch eine wunderbare Seite, die sich in den 80ern zeigte: das sind die Hybridformen, also Mischgebilde. Für manche Leute gibt es nichts schrecklicheres als Mischung. Einige Versionen des Islam sind Reinheitslehren, in denen die Welt entmischt wird. Aber eine ungemischte Welt, eine in diesem Sinne reine Welt, führt – wie wir wissen – in den Faschismus.