Eilmeldung

Eilmeldung

Todorov: "...nichts rechtfertigt Folter."

Sie lesen gerade:

Todorov: "...nichts rechtfertigt Folter."

Schriftgrösse Aa Aa

Der Schriftsteller und Wissenschaftler Tzvetan Todorov bekommt den diesjährigen “Prinz-von-Asturien”-Preis für Sozialwissenschaften: Er widerspricht zum Beipiel der These von Machiavelli, wonach der Mensch die Gemeinschaft nur als notwendiges Übel ansähe. In seinem Werk “Die Eroberung Amerikas. Das Problem der Anderen” untersucht er das Zusammenrücken fremdartiger Kulturen. Sein eigenes Leben ist ein Beispiel dafür. Julja Pouchli traf ihn in Paris.

euronews: Sie sind in Bulgarien geboren, leben seit 45 Jahren in Frankreich und haben alle ihre Bücher auf französisch geschrieben. Sehen sie sich damit als Ausnahme ?

Tzvetan Todorov: Ich fühle mich nicht als Ausnahme, weil es in der Realität sehr viele Individuen gibt, die das Land wechseln. Ich würde sagen, daß man aus dieser Bedingung Nutzen ziehen kann. Dieser Nutzen liegt in der etwas andersartigen Sichtweise, in der Sicht eines befremdeten Menschen, denn wir sind immer in einer Tradition aufgewachsen. Und auf Grund dessen glauben wir an das, was wir mit der Muttermilch aufgesogen und in der Schule gelernt haben. Das ist die Norm, das ist auch die Natur. Die Kraft, sich ein wenig fortzubewegen, die Kraft, sich mit den Augen der anderen zu sehen, erlaubt es einem, sich von dieser Illusion zu lösen….. Ich glaube, daß die Europäische Union die besten Voraussetzungen bietet, um dieses Ideal zu erfüllen.

euronews: In ihren Büchern ist von der Idee der “ ruhigen Kraft” die Rede, die die Europäische Union verkörpern muß. Was verstehen sie darunter?

Tzvetan Todorov: Ich bin absolut kein Pazifist, ich meine nicht, daß man der militärischen Gewalt abschwören sollte.. Die Europäische Union wird durch die NATO geschützt, die ihrerseits von der amerikanischen Regierung dominiert wird. Wenn wir wünschten, daß Europa seine eigene Politik hätte, dann müsste Europa dafür sein eigenes seperates Militärkommando haben. Ich nenne das “ die ruhige Kraft”, um anzudeuten, daß es nicht darum geht, fremden Boden zu besetzen – sondern um die Fähigkeit, sich gegen Angriffe aller Art zu verteidigen, ob sie nun auf konventionellem Wege erfolgen oder ob es sich um terroristische Akte handelt.

euronews: Sie traten gegen die NATO-Bombenangriffe auf Ex-Jugoslawien ein mit den Worten, statt zu bomben sollten Europa und die USA investieren. Geht die selbsterklärte Unabhängigkeit des Kosovo in die Richtung, die sie meinen?

Tzvetan Todorov: Das Kosovo ist zum Problem geworden, wie mir scheint, bei dem man schlecht erkennen kann, wie man etwas verändern könnte unter der Maßgabe, daß das Territorium des Kosovo, das jetzt von mehreren europäischen Staaten anerkannt wird, zu klein und zu schwach ist. Es hängt am Tropf der UNO und wird gerade weitergereicht an die Europäische Union. Ich denke, es kann nicht Ziel der Europäischen Union sein, daß ihr solch ein “Nicht-Staat” auf der Tasche liegt. Ich denke, daß Martti Ahtisaari, der für diesen seinen Einsatz den Friedensnobelpreis erhalten hat, versuchte, für diese Situation die am wenigsten schlechte Lösung zu finden. Ich denke, nach den Bombadements war klar zu ersehen, daß diese beiden Bevölkerungsgruppen nicht mehr im gleichen Staat zusammenleben können. Möglicherweise wird man eines Tages auch das Recht auf ein serbisches Territorium im Kosovo anerkennen müssen, das sich dem übrigen serbischen Gebiet anschließen will – nach dem gleichen Prinzip der ethnischen Säuberung, das man eigentlich mit den Bombardierungen bekämpft hat.

euronews: Sie schreiben, daß die Türkei sich der Europäischen Union anschließen könnte, weil dabei ein laizistischer Staat zu einer laizistischen Union käme – daß Russland sich aber wegen der Größe von Land und Bevölkerung nicht anschließen könnte. Wo sollten ihrer Meinung nach die Grenzen einer erweiterten Union verlaufen?

Tzvetan Todorov: Ich kann mir die Europäische Union nicht als nach allen Seiten offen vorstellen. Ich denke, das wäre dann eine neue Gemeinschaft von Nationen und nicht mehr ein europäisches Projekt. In der Tat ist Russland, das von Smolensk bis Wladiwostok reicht, viel zu groß, als daß man es sich eines Tages als Teil der Europäischen Union vorstellen könnte. Selbst wenn die russische Kultur tief und innig mit der west-europäischen Kultur verbunden ist. Allerdings stellt die Türkei von ihrer Größer her ein Problem dar, wenn sie Teil der europäischen Union werden sollte – dann hätte die Europäischen Union Grenzen mit dem Iran, dem Irak und Syrien. Ich glaube, daß die durch Staatsstreiche an die Macht gekommenen Regime ebenso wie die Bevölkerung dort sich zu sehr von der Europäischen Union unterscheiden, als daß man so eine große Nähe ins Auge fassen könnte. Ich würde annehmen, daß zunächst einmal gute Nachbarschaft im Interesse der Europäer liegen dürfte. Und die besten Nachbarn sind Staaten, die Europa nah sind – aber nicht Teil von ihm.

euronews: In ihrem jüngsten Werk schreiben sie, in der Angst vor den Barbaren liege unser Risiko, selbst zu Barbaren zu werden. Ist der Begriff “Schock der Zivilisationen” einfach nur oberflächlich oder sogar schädlich?

Tzvetan Todorov: Der Begriff “Schock der Zivilisationen” ist zunächst aus wissenschaftlicher Sicht zu kritisieren, weil die Zivilisationen nicht mit den Blöcken übereinstimmen, nicht mit den undurchlässigen Einheiten, von denen der Schöpfer des Begriffs spricht. Der Schock entsteht nicht zwischen Zivilisationen sondern zwischen Staaten und Staatengruppen. Die heutigen Konflikte sind nicht religiöser Natur, wie einige Leute sagen, sondern politischer Natur. Es gibt nicht das Islamproblem. Es gibt Probleme mit einer Reihe von Ländern – und mit anderen eben nicht. Nehmen wir ein besonders beredsames Beispiel: Es gibt heute zwei theokratische Ländern. Das sind der Iran und Saudi Arabien, die gleichzeitig schlimmster Feind und bester Freund Vereinigten Staaten sind. “Angst vor den Barbaren” deshalb, weil Angst zu unzulässigen Handlungen führt. Ob es sich um abstrakte Bedrohungen handelt, oder um wirklich vorhandene, nichts rechtfertigt die systematische Folter unter dem Dach der Armee, einschließlich der NATO-Basen, auf denen die europäischen Soldaten ihr Leben riskieren, damit die Folter weitergeht.