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Sarkissjan: Der NATO-Beitritt Armeniens steht nicht auf der Tagesordnung

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Sarkissjan: Der NATO-Beitritt Armeniens steht nicht auf der Tagesordnung

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Sersch Sarkissjan ist Präsident der Republik Armenien seit vergangenem April. Am Rande des EU-Gipfels in Brüssel Anfang November konnte euronews mit dem neuen Staatsoberhaupt sprechen. Der einstige Militärchef im umstrittenen Berg-Karabach will heute den Weg der Versöhnung gehen – mit Aserbeidschan im Osten und der Türkei im Westen. Und so gibt es im unruhigen Kauskasusgebiet auch hoffnungsvolle Ansätze.

euronews: Herr Präsident, welche Folgen hatte der russisch-georgische Konflikt für Armenien, und welche Auswirkungen gibt es noch immer?

Sarkissjan: Gleich zu Beginn dieser Krise wurde die armenische Wirtschaft schwer in Mitleidenschaft gezogen, denn 70 Prozent des armenischen Außenhandels erfolgt über Georgien. Wir sind seit Jahrhunderten Nachbarn, und das bedeutet auch eine gewisse Verantwortung. Ich bin froh, dass diese Krise unsere Beziehungen nicht belastet hat. Wir sind natürlich auch strategische Partner Russlands, und auch daraus ergibt sich eine Verantwortung, ergeben sich Pflichten. Aber die Veranwortlichkeiten zwischen Nachbarn sind anderer Art. Und schließlich gibt es natürlich auch noch das nationale Interesse.

euronews: Sind Sie der Auffassung , dass die NATO im Kaukasus eine Rolle spielen sollte?

Sarkissjan: Ja. Und deshalb haben wir, Armenien, ein Programm der Zusammenarbeit mit der NATO. Deshalb nimmt Armenien an Manövern und weiteren Aktivitäten der NATO teil. Wir betrachten die Zusammenarbeit mit der NATO als integralen Bestandteil unserer eigenen Sicherheit.

euronews: Aber wird Armenien eines Tages mehr als nur eine Zusammenarbeit mit der NATO beantragen?

Sarkissjan: Gegenwärtig steht diese Frage nicht auf der Tagesordnung. Es gibt viele Länder, sogar EU-Mitglieder, die nicht Mitglieder der NATO sind.

euronews: Wie sollen die Beziehungen zwischen Armenien und der EU in Zukunft aussehen?

Sarkissjan: Die Armenier sind Europäer, auch wenn die Europäer Armenien nicht als europäisches land ansehen, fühlen sich die Armenier doch zutiefst als Europäer. Wir nehmen an der Ausarbeitung der europäischen Nachbarschaftspolitik aktiv teil. Gegenwärtig versuchen wir, bessere Bedingungen für Kontakte zu erhalten, durch Visaerleichterungen, damit die Menschen sich leichter begegnen können. Und wir streben nach besseren Handelsbedingungen. Wir wollen gute Beziehungen zu unseren Nachbarn herstellen, und dabei hätten wir gern die Unterstützung der Europäischen Union und europäischer Staaten.

euronews: Kommen wir zur den türkisch-armenischen Beziehungen. Gespräche über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen haben begonnen. Was sind die nächsten Schritte?

Sarkissjan: Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen, die Öffnung der Grenzen und die Zusammenarbeit zwischen Nachbarn, – wie es viele Länder tun. Natürlich haben wir eine schwierige Geschichte im Hinblick auf die Türkei: Es gab den Völkermord von 1915. Aber die Anerkennung des Genozids durch die Türkei ist für uns keine Vorbedingung für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen.

euronews: Und wer ist bei dieser Annäherung die treibende Kraft: Die Türkei? Armenien? Oder beide?

Sarkissjan: Ich denke, die Aufnahme diplomatischer Beziehungen liegt im Interesse Armeniens und der Türkei. Und dabei ist es nicht wirklich wichtig, zu wissen, von welcher Seite die Initiativen kommen. Wesentlich ist, dass wir diplomatische Beziehungen aufnehmen können, ohne Vorbedingungen.

euronews: Wann sollen die nächsten Treffen stattfinden zwischen dem türkischen Präsident Gül und Ihnen?

Sarkissjan: Das einzige, was derzeit feststeht, ist eine Begegnung bei dem zweiten Fußballspiel zwischen Armenien und der Türkei in Istanbul im Oktober 2009, also in einem Jahr. Aber ich glaube nicht, dass wir das Jahr verstreichen lassen, ohne uns zu treffen. Denn die Verhandlungen, die jetzt im Gange sind, geben uns die Hoffnung, dass wir uns schon früher treffen können. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir zu einer gemeinsamen Entscheidung gelangen.

euronews: Die Region Berg-Karabach ist zwischen Armenien und Aserbeidschan seit langem umstritten. Wodurch wird eine Lösung dieses eingefrorenen Konflikts jetzt möglich?

Sarkissjan: Eine solche Formulierung würde ich nicht verwenden, denn die Region Berg-Karabach selbst strebt nach Selbstbestimmung. Das Volk von Berg-Karabach hat den Willen bekundet, sich entweder Armenien anzuschließen oder einen unabhängigen Staat außerhalb von Aserbeidschan zu bilden. Ich bin der Auffassung, dass die Erklärung, die vor einigen Tagen mit den Präsidenten Medwedew und Alijew unterzeichnet wurde, sehr gute Möglichkeiten eröffnet, um dieses Problem zu lösen. Es handelt sich zwar nur um eine Erklärung, nicht um ein Abkommen, aber immerhin wird darin festgelegt, dass nur eine politische Lösung in Frage kommt; der militärische Weg wird ausgeschlossen.

euronews: Wollen Sie auch in den Beziehungen mit Aserbeidschan den Fußball als Mittel der Diplomatie einsetzen – wie mit der Türkei?

Sarkissjan: Fußball ist ein sehr schönes Spiel, und die Fußball-Diplomatie könnte sich als fruchtbar erweisen. Aber mit Aserbeidschan verhandeln wir schon seit vierzehn oder fünfzehn Jahren. Und ich glaube, dass wir mit Hilfe der Gruppe von Minsk unter Vorsitz Russlands, der USA und Frankreichs bei diesen Verhandlungen ein Ergebnis erreichen werden, so dass wir nicht auf besonders schlaue Mittel der Diplomatie zurückgreifen müssen.