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Jacques-René Rabier, einstiger Weggefährte Jean Monnets: "Ich bin gegen opting outs"

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Jacques-René Rabier, einstiger Weggefährte Jean Monnets: "Ich bin gegen opting outs"

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Er nennt sich selbst einen Dinosaurier des vereinten Europas. Jacques-René Rabier hat dessen Entstehung von Anfang an persönlich miterlebt. Heute ist der ehemals enge Mitarbeiter von Jean Monnet, dem “Vater Europas”, 89. Vor fast 60 Jahren wirkte Rabier an der Gründung der Montanunion, des Vorläufers der Europäischen Union, mit. Gerne erinnert er sich daran zurück, wie ihn Jean Monnet einst einstellte.

Rabier: “Eines Abends rief mich Jean Monnet an, den ich bis dahin vielleicht ein oder zwei Mal gesehen hatte, gegen sechs Uhr. Ich hatte grossen Respekt, muss ich sagen. Er rief mich also an und sagte: Monsieur Rabier, ich brauche einen neuen Privatsekretär.

Da war der junge Rabier natürlich eingeschüchtert und verlegen. Das Einzige annähernd Intelligente was ich herausbrachte war: Monsieur, trauen Sie mir das wirklich zu?

Monnet sagte: ich würde das mit Bravour meistern. Sollte ich der Aufgabe nicht gewachsen sein, würde er mir es sagen, aber das hat er dann nie getan.”

Ich war im Salon de l’Horloge am 9.Mai um 18 Uhr als Schuman seine Erklärung abgab, die von Monnets Leuten mitgestaltet worden war. Ich sage oft Schuman ohne Monnet, das hätte bedeutet, dass es keinen Schuman-Plan gegeben hätte. Monnet ohne Schuman allerdings hätte bedeuten können, dass wir heute womöglich nur ein Dokument hätten, das in den Archiven des Quai d’Orsay verstauben würde.”

euronews: Sie haben damals einen Informationsdienst gegründet, mit dem Ziel, die Bürger am europäischen Integrationsprozess teilhaben zu lassen.

Sie sind es auch, der 1973 die öffentliche Meinungsumfrage “Eurobarometer” ins Leben gerufen hat…

Rabier: “Den Informationsdienst habe ich in Luxemburg gegründet damals noch im Rahmen der Montanunion und unter der ägide Jean Monnets. Er war ein Mann der Diskretion. Es galt, absolutes Stillschweigen zu bewahren, solange eine Entscheidung noch nicht gefällt war. Wenn sie aber gefällt war, galt es die Leute zu informieren.

Monnet war sehr darauf bedacht, zu informieren. Als er mir die Leitung seines Büros in Luxemburg anvertraute, war meine Aufgabe nicht nur Presseerklärungen zu entwerfen und an die Medien weiterzugeben, sondern auch einen Informationsdienst einzurichten.

Zuerst nur in Luxemburg, aber sehr bald haben wir damit angefangen, unsere Leute in die Hauptstädte der Montanunion zu entsenden, um die Öffentlichkeit zu informieren.”

euronews: Diese Öffentlichkeit sieht Europa heute Meinungs-umfragen zufolge tendenziell wohlwollend. Aber reicht das?

Rabier: “Offen feindselig stehen die Leute Europa kaum gegenüber, aber es herrscht allgemein eine grosse Gleichgültigkeit, wenn ich so sagen darf. Nehmen sie die jüngeren Generationen. Ich habe mehrere Kinder, Enkel und sogar Urenkel. Ich kann mir also ein Urteil über verschiedene Generationen erlauben. Viele glauben, Europa ist schon Realität. Sie studieren in einem ERASMUS-Programm, sie besuchen ihre Freunde in Deutschland, Italien oder Spanien. Sie haben Euros in der Tasche – ob viel oder wenig sei jetzt dahin gestellt- und sie glauben, der Prozess ist abgeschlossen. Vielleicht braucht es Ereignisse wie jetzt zur Zeit, schwere Finanz- und Wirtschaftskrisen, damti die jüngeren Generationen realisieren, dass noch viel Arbeit vor uns liegt.”

euronews: Ausdruck dieser Gleichgültigkeit sind die Europawahlen mit geringer Wahlbeteiligung. Wie kann man die Menschen zur Stimmabgabe motivieren?

Rabier: “Solange die Länder nationale Anliegen in den Wahlen zum Thema machen, dann kann die Europawahl überhaupt kein Erfolg werden. Das sind keine nationalen Wahlen, sondern Europawahlen.

Mein persönlicher Wunsch ist es, dass die Parteien gesamteuropäische Themen besetzen, seien es die Sozialdemokraten, die Christdemokraten oder die Liberalen. Ich besitze kein Parteibuch, ich spreche hier also nur für mich selbst. Ich wünsche mir, dass die europäischen Parteien gemeinsame Strategien entwickeln.”

euronews: Auch ungewiss ist die Zukunft des Lissaboner Vertrages. Die Iren haben ihn vergangenen Juni per Referendum abgelehnt…

Rabier: “Ich persönlich bin gegen opting outs und glaube gleichzeitig, dass wir eine Avant-Garde brauchen. Eine Avant-Garde, die voran schreitet, wenn es um den Lissaboner Vertrag geht. Wenn zwölf, Fünfzehen, vielleicht bald schon siebzehn Länder den Weg weisen wollen, um monetäre, finanzielle und wirtschaftliche Probleme zu lösen, dann sollen sie das tun.

In einem Konvoi ist es dasselbe, man kann sich nicht der Geschwindigkeit des Langsamsten anpassen. Man muss ihn respektieren, aber wenn er nicht mithalten kann, dann kann man ihn nicht zu seinem Glück zwingen. Ich wünsche mir, dass die Iren bleiben, aber wenn sie jetzt nicht unterschreiben können, dann eben später. Als wir angefangen haben mit Europa, waren die Briten ja auch nicht dabei, wir haben nur zu sechst angefangen.”

euronews: Ihr einstiger Chef Jean Monnet hat im französischen Cognac vor 120 Jahren das Licht der Welt erblickt. In dessen Weinkellern begann Monnet, der Sohn eines Cognac-Händlers, sein Berufsleben im Betrieb seiner Familie. Von hier aus bereiste er in Sachen Cognac die Welt noch bevor sich für das vereinte Europe engagierte.

Rabier: “Lassen Sie mich an dieser Stelle zum Schluss vielleicht Monnet selbst zitieren. Wir brauchen einen Reifeprozess, genauso wie es für einen guten Coganc eines Reifeprozesses bedarf, so brauchen wir einen in unserer Geschichte.

Dafür muss man Geduld haben, wissen was man will, welchen Weg man geht und welche Hindernisse zu überwinden sind, damit das Endprodukt zufriedenstellend ist. Ich hoffe, dass Europa ein solches werden wird, und bin davon eigentlich auch überzeugt. Was wir brauchen ist Mut und Entschlossenheit. Ich bin weder Optimist noch Pessmimist, sondern ich bin entschlossen.”