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Welche Wege nimmt die europäische Raumfahrt in den kommenden Jahren?

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Welche Wege nimmt die europäische Raumfahrt in den kommenden Jahren?

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Ab kommenden Dienstag treffen sich die zuständigen Minister der 18 Mitgliedsstaaten der europäischen Weltraumorganisation ESA in Den Haag.

Aus gegebenem Anlass sprach euronews mit Jean-Jacques Dordain, dem ESA-Generaldirektor im Sitz der Behörde in Paris.

Bei dem alle drei Jahre stattfindenen Treffen geht es um Budget-Fragen, aber auch um eine weitreichende Definition der europäischen Weltraumpolitik in den kommenden Jahren.

euronews:
Was genau wird in den Den Haag diskutiert werden?

Dordain:
Eines der Hauptziele dieser europäischen Weltraumpolitik ist es, die Qualität des Lebens auf der Erde zu verbessern.

Ein wichtiger Bestandteil dieser Strategie ist das Programm “Global Monitoring of Environment and Society.”

Hier geht es um eine Überwachung der Erde und seiner Atmosphäre, um Umwelt- und Sicherheitsrisiken zu erkennen, um entsprechend reagieren zu können.

Das zweite Programm, über das entschieden wird, ist jenes der dritten Generation meteorolgischer Satelliten und schließlich ist da auch noch die Zukunft des Satellitennavigationssystems Galileo.

Das mag einem komisch vorkommen, jetzt schon über die Zukunft eines Systems nachzudenken, das noch gar nicht in Betrieb ist.

Man muss dies jedoch jetzt schon tun, da es sich hier um Verbesserungen im Luftfahrts-, Schifffahrts- und Strassenverkehr handelt.

Dann sind da jene Programme, die sich mit wissenschaftlichem Fortschritt befassen. Es geht hier darum die Planeten besser kennen zu lernen, und das Universum besser zu verstehen.

Das wird nicht nur gemacht, um die Wissenschaftler bei Laune zu halten. Die Erde ist kein isoliertes System. Alles was wir also über die Planeten oder das Universum lernen, erzählt uns gleichzeitig auch etwas über die Erde.

Wir müssen auch an die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie denken. Das ist ein wichtiges Element, denn wenn unsere Industrie im internationalen Wettbewerb mithalten kann, dann bedeutet das Wohlstand und Arbeitsplätze.

Was die Wettbewerbsfähigkeit betrifft so ist einer der wichtigsten Bereiche sicher die Telekommunikation. Wir müssen uns also intensiv damit beschäfitgen, wie wir es schaffen können, Telekommunikationstechnologien zu verbessern, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Und schließich, lassen Sie uns nicht den Zugang zum Weltraum und die Erforschungs des Alls vergessen, das sind natürlich auch wichtige Punkte.

Ohne Zugang zum Weltraum kann man diesen ja auch nicht nutzen.

Wir haben Ariane 5, und in einem Jahr Sojus und Vega, wir verfügen also über eine Reihe von Trägerraketen, deren Betrieb und deren stetige Verbesserung wir sicherstellen müssen.

Und dann ist da noch die Erforschung des Alls, einerseits ist das Wissenschaft andererseits ein grosser Traum, aber Träume sind Bestandteil dessen, wie wir uns unser Leben wünschen.

Europa muß sich aktiv an der Erfoschung des Mondes und des Mars beteiligen.

euronews:
Was sind ihre stärksten Argumente, wenn es darum geht Entscheidungsträger zu überzeugen in Ihre Arbeit zu investieren?

Dordain:
Mit Investitionsvolumen, die deutlich unter denen liegen die andernorts auf der Welt zur Verfügung stehen, sind wir hier in Europa auf manchen Gebieten marktführend.

Nehmen Sie den Bereich der Wissenschaft oder der Abschußtechnik, dort haben wir 60 Prozent Marktanteil. Oder denken Sie an die Erforschung der Umwelt.

Wir können gut und gerne behaupten, daß die ESA weltweit die größten Anstrengungen unternimmt, um die Erde und ihre Umwelt zu erforschen.

Ich denke, das sind gute Gründe in Zukunft in die ESA und ihre Programme zu investieren.

Ich weiß, daß wir uns momentan in einer wirtschaftlichen Krise befinden. Investitionen in ein Weltraumprojekt sind jedoch Investionen, die unabhängig von jährlichen Fluktuationen der Wirtschaft sind.

Diese Investitionen spüren Sie erst nach 10 Jahren, sie sind längerfristig angelegt.

euronews:
Sie wissen sicherlich, daß der europäische Normalbürger das, wovon Sie sprechen oft nicht versteht. In Edinburgh haben wir einmal am Rande einer Konferenz die Leute auf der Straße interviewt und jemand sagte zu mir: “Der Weltraum, dafür wurde doch der Klettverschluß entwickelt, oder?” Was hätten Sie ihm geantwortet?

Dordain:
Naja, ich habe schon öfter dran gedacht, was passieren würde, wenn wir die Satelliten im All für einen Tag abschalten würden.

Dann würden die Menschen verstehen, daß wir ohne diese Technologie nicht mehr leben können, kein einziger Taxifahrer in Paris wüßte mehr wo hin.

Flugzeugpiloten wüssten auch nicht mehr, wie man von einem Kontinent auf den anderen gelangt.

Es gäbe keine Wettervorhersagen für die kommenden fünf Tage mehr, und die Wochenend-planung wäre dahin. Ja sogar die Bauern wüssten nicht mehr, womit und wann sie ihre Äcker zu bestellen hätten.

Oder stellen Sie sich vor an diesem Tag wäre das WM-Finale, niemand könnte die Übertragung jedoch live verfolgen.

Spätestens dann würde man sehen, daß der Weltraum zu unserer Lebensqualität auf der Erde beiträgt.

euronews:
Was ist mit den neuen Akteuren wie Indien oder China?

Dordain:
Am Anfang war der Wettstreit zwischen den USA und der Sowjetunion. Europa ist gestartet mit einem Rückstand von Jahrzehnten. Heute hat es in punkto Technologie aufgeholte, nicht aber wenn es um das Budget geht.

In den vergangenen Jahren sind neue Länder aufgekommen, die in den Weltraum investieren, wie China, Indien, aber auch Japan und Brasilien. Das zeigt wie dieser Bereich immer wichtiger wird.

Internationale Kooperation, das heißt für uns also nicht nur eine Zusammenarbeit mit den führenden Nationen, sondern mit der ganzen Welt, wenn Sie so wollen.

Das heißt auch Zusammenarbeit mit den Ländern, die den Weltall und seine Fähigkeiten brauchen, dafür aber kein Geld haben, also Länder in Afrika, Südamerika oder im Fernen Osten.

Sie brauchen das, weil sie Probleme haben mit Dürreperioden, mit der Landwirtschaft, mit der Bildung, oder mit der neu aufkommenden Telemedizin.

Der Weltraum ist ein Entwicklungsfaktor für diese Länder, die jedoch keine Mittel haben, um ihn zu nutzen.

euronews:
Danke für das Gespräch.