Eilmeldung

Eilmeldung

Litauen setzt auf Energieverbund mit seinen Nachbarn

Sie lesen gerade:

Litauen setzt auf Energieverbund mit seinen Nachbarn

Schriftgrösse Aa Aa

Litauen hat seit November eine neue Regierung unter Andrius Kubilius von der konservativen Vaterlandsunion. Der muß sich sofort mit einem alten Problem beschäftigen: Das noch zu Sowjetzeiten erbaute einstmals modernste Atomkraftwerk seiner Generation soll abgeschaltet werden. So steht es im Vertrag zur EU-Aufnahme Litauens. Aber das AKW Ignalina liefert mehr als 80 Prozent der Elektroenergie des Landes.

euronews: Herr Ministerpräsident, meine erste Frage lautet: was wird aus Ignalina? Macht ihr Land Fortschritte bei der Umsetzung der für den EU-Beitritt als Bedingung verlangten Schließung des Kernkraftwerkes?

Andrius Kubilius: Auf lange Sicht gesehen sind wir zimlich sicher, daß wir zusammen mit der EU, mit der EU-Kommission eine Lösung finden werden für das Problem der Energiesicherheit in der Baltik-Region. Wir diskutieren noch zeitlich naheliegende Probleme, die nach der Schließung von Ignalina auftreten können, wenn denn die Schließung zum Ende 2009 erfolgt. Zwei Jahre dürften noch recht problematisch werden. Wir sind noch nicht sicher, ob die Stromversorgung der Region wirklich ausreichen wird….

euronews: Die Zeit vergeht schnell, nur noch ein Jahr…

Andrius Kubilius: Wir müssen natürlich so schnell wie möglich als erstes eine Strom-Brücke nach Schweden errichten. Damit würden wir uns sicherer fühlen was das Problem der Stromversorgung angeht.

euronews: Und glauben Sie, daß diese Elektrizitätsbrücke zwischen Litauen und Schweden am 1. Januar 2010 fertig sein wird?

Andrius Kubilius: Ich habe keine Antwort und ich weiß nicht, ob die Kommission eine Antwort hat auf die Frage, was Anfang 2010 sein wird. Wenn wir hier in Litauen einen kalten Winter bekommen mit Engpässen bei der Stromversorgung, dann bliebe uns als einzige Lösung nur, Strom von Russland zu kaufen. Wenn sie sich die Erklärungen internationaler Experten ansehen, erkennen sie, daß Russland selbst in einem kalten Winter auf dem heimischen Markt Probleme mit ausreichender Stromversorgung haben könnte.

euronews: Man hat den Eindruck, daß nicht Russlands Fähigkeit zur Versorgung das Problem sei sondern ihr mangelndes Vertrauen zu Russland. Stimmt das?

Andrius Kubilius: Die Schließung der Druschba-Pipeline, durch die die Rafinerie von Mozeike mit Öl versorgt wurde, hat das Vertrauen erschüttert. Russland hat die Pipeline geschlossen, weil wir diese Rafinerie nicht an eine russische sondern an eine polnische Firma verkauft haben. Aber Vertrauen oder nicht Vertrauen – die Frage ist doch, ob das eine wirtschaftlich zu begründende Entscheidung war. Wir rechnen jetzt hin und her und finden heraus, daß wir nicht genug Möglichkeiten zur Stromversorgung haben, auch nicht für Gas, falls wir mit Gas Strom produzieren wollten.

euronews: Rechnen Sie damit, daß das neue Kernkraftwerk von Ignalina-Visaginas gebaut wird?

Andrius Kubilius: Die Herausforderung besteht darin, eine Übereinkunft zwischen vier Ländern zu finden. Und die sagen, laßt uns erst mal auf die Erfahrungen von Airbus schauen, verstehen Sie? Es gibt also Duskussionen zwischen Ländern, die keine große Erfahrung in solchen Geschäften haben. Ich bin aber sicher, daß wir uns einigen werden.

euronews: Man hört da Gerüchte, wonach Litauen die Führung bei diesem Projekt übernehmen und auch das Team leiten möchte. Stimmt das?

Andrius Kulibius: Sicher, wir möchten in irgend einer Weise die Führung übernehmen, weil es dabei um die große Verantwortung für ein Atomkraftwerk auf unserem Territorium geht. Aber wir brauchen eine sehr praktische Einigung im Hinblick auf die Anteile und im Hinblick auf die Kraftwerksleistung. Die Polen sagen, daß sie sich unbedingt an unserem Projekt eines neuen Atomkraftwerks beteiligen müssen, weil sie in Nord-Ost-Polen zu geringe Stromkapazitäten haben. Möglicherweise werden sie sich am neuen Ignalina-Projekt beteiligen und das wird dann für sie selbst ein Lernprozeß, was gut wäre. Ich glaube, Polen wird mit Sicherheit in 15 oder 20 Jahren ein Atomkraftwerk haben. Aber jetzt müssen wir erst einmal mit klaren politischen Absprachen und einem klaren Geschäftsabschluß vorankommen, um das KKW von Visaginas zu bauen.

euronews: Auch wenn die Strombrücke zustande kommt bleiben also noch politische Probleme zwischen den Ländern, die baltischen Staaten nehmen da unterschiedliche Standpunkte ein…

Andrius Kulibius: Wenn sie sich Litauen und Lettland anschauen, sehen sie, daß wir von der geschäftlichen Seite, der finanzielllen und von der Infrastruktur-Seite beide darauf vorbereitet sind, so schnell wie möglich die Strombrücke nach Schweden zu haben. Litauen liegt ein wenig zurück bei den Vorbereitungen, es wird viel mehr über so etwas wie Nationalstolz geredet statt über Geschäftliches

euronews: Glauben sie, daß ihr Land ohne Ignalina noch mehr Schwierigkeiten hätte, die Auflagen zum Klimaschutz zu erfüllen?

Andrius Kulibius: Ich weiß, daß Verhandlungen mit der EU-Kommission laufen, um uns höhere Emissions-Quoten zu geben. Wir haben eine sehr klare Vorstellung davon, wie wir Energie sparen können, vor allem Heizenergie. Uns stehen noch große Herausforderungen bevor bei der Rekonstruktion von Gebäuden, die doppelt soviel Heizenergie verbrauchen wie modere Gebäude. Es geht zum große Dimensionen, um rund 27 tausend Wohnungen.

euronews: Das koste eine Menge…

Anddrius Kulibiuas: Ja, sicher

euronews: Wie wollen sie dieses Geld aufbringen?

Andrius Kulibius: Dabei wird die Hilfe der EU von großem Wert sein, ebenso wie Hilfe von anderen Seiten. Die Einsparung von Energie wird auch Finanzen einsparen, die wir jetzt brauchen, um z.B. in Russland Gas zu kaufen. Mittelfristig ist es für uns wirklich eine große Herausforderung, ein solches Programm umzusetzen.