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Moïsi: "Neu durchstarten - das hat Amerika ohne Zweifel sehr viel besser drauf als Europa"

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Moïsi: "Neu durchstarten - das hat Amerika ohne Zweifel sehr viel besser drauf als Europa"

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Wenige Tag vor dem Amtsantritt von Barack Obama sprach Euronews mit Dominique Moïsi. Er hat sich als Experte für internationale Beziehungen einen Namen gemacht. Seine Ausgangsthese: Die internationale Politik werde von drei Emotionen geleitet – Hoffnung, Angst und Demütigung. Vor dem Hintergrund dieser Prämissen – um sie dreht sich auch seines jüngstes Buch – stellt Moïsi so seine Vermutungen an über erste Schritte des neuen US-Präsidenten.

Sergio Cantone, Euronews-Korrespondent in Brüssel: Monsieur Moïsi, ist Amerika im Sinkflug ? Muss es seine Vormachtstellung künftig mit anderen teilen ? Dominique Moïsi, Autor und Politik-Berater: Zweifellos kann man von einem Bedeutungsverlust der USA im Vergleich zum Rest der Welt sprechen. Das heisst: Amerika ist nicht mehr das, was es mal war. Aber es hat in seiner Spielklasse immer noch eine einzigartige Position. Es muss sich nur klarmachen, dass sich die Welt gerade multipolar entwickelt – dass es eben neben Amerika andere aufstrebende Mächte gibt. Euronews: In Ihrem jüngsten Buch “die Geopolitik der Emotion” sprechen sie von drei Gemütszuständen, die nach ihrer Beobachtung die internationalen Beziehungen begleiten – Angst, Demütigung und Hoffnung. Kann Barack Obama diese drei Triebkräfte wieder ins Gleichgewicht bringen ? Moïsi: Das ist des Pudels Kern. Für mich heisst die Frage: Kann Obama dem Westen eine Kultur der Hoffnung einhauchen ? Oder ergreift eine Kultur der Angst Besitz von Asien ? Die beiden Riesen Indien und China sind von der Finanz- und Wirtschaftskrise ja schon ganz schön angeschlagen. Euronews: Investitionen, vielleicht sogar in die ökologische Infrastruktur, niedrigere Steuern für die Mittelklasse – das wird allgemein von ihm erwartet. Wäre das für Sie als Auftakt in Ordnung ? Moïsi: An solchen Massnahmen wird er gar nicht vorbeikommen – selbst wenn sie sich gegenseitig neutralisieren. Das Kernproblem der USA ist doch ihr enormer Schuldenberg. Und auf den häuft jedes Konjunkturprogramm eine neue Schicht drauf. Die Amerikaner erwarten von ihm die Wiederherstellung des Vertrauens in die Wirtschaft. Aber gleichzeitig erwartet der Rest der Welt enorm viel von Amerika. Das ist Barack Obamas Doppelpack: Die Amerikaner miteinander zu versöhnen und Amerika mit der Welt. Euronews: Hängt das wirklich alles an der Persönlichkeit eines Präsidenten ? Steckt da nicht mehr dahinter ? Angenommen, das 20. Jahrhundert war das Amerikas und der Ideologien – welche Bedeutung hat dann das 21., das als Jahrhundert der Suche nach Identität gilt ? Moïsi: Ja für mich sieht die grösste Herausforderung so aus: Keiner sollte vom neuen US-Präsidenten zu viel erwarten. Aber aufgepasst – niemand sollte gleichzeitig die Reserven unterschätzen, die nicht nur dieser Mann mobilisieren kann, sondern auch sein Land. Neu durchstarten – das hat Amerika ohne Zweifel sehr viel besser drauf als Europa. Es geht um das Zusammentreffen eines Mannes und eines Landes, eines Mannes und einer ganzen Kultur. Letzten Endes war der Sieg Obamas doch alles andere als ein Betriebsunfall – in Frankreich oder Deutschland unvorstellbar. Er verkörpert den amerikanischen Traum und Amerika war reif für einen wie ihn. Euronews: Obama in Europa – das ist wirklich schwer vorstellbar. Und doch erhofft man hier viel von ihm. Gibt das noch ein böses Erwachen ? Werden die transatlantischen Beziehungen am Ende eher schwieriger als jetzt ? Moïsi: Grundsätzlich hat sich die Realpolitik der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union schon während der zweiten Bush-Amtszeit angenähert. Aber emotional betrachtet hat Amerika die Hoffnung gewählt, während Europa sich eher furchtsam abkapselt. Das könnte die beiden eher entfremden – immer vorausgesetzt, dass es Obamas Politik gelingt, die amerikanische Maschine wieder anzuwerfen. Euronews: Brachte denn die Demokratie-Kampagne der Bush-Regierung nicht schon eine Art politische Annäherung ? Moïsi: Eine ideologische vielleicht. Ein wohlbekannter Europaabgeordneter, Daniel Cohn-Bendit, hat die amerikanischen Neo-Konservativen mal als “Bolschewiken der Demokratie” bezeichnet. Euronews: Bekommt die Sachlichkeit eine Chance ? Moïsi: Mag sein, aber viel mehr noch die Bescheidenheit…und gleichzeitig immer wissen, wo der Feind steht. Euronews: Könnte dieser Sinn für das Machbare die USA des Barack Obama so weit bringen, mit dem Iran -vielleicht nicht zu verhandeln, aber – zu sprechen ? Moïsi: Zweifellos. Euronews: …und vielleicht sogar mit der Hamas ? Moïsi: Mit der Hamas ist das eine schwierige Sache, dafür müsste die Hamas schon eine klare Kehrtwende vollziehen. Aber mit dem Iran scheint das machbar und ich habe den Eindruck, da bewegt sich schon was. Euronews: Barack Obama verkörpert das Neue. Wird er sich denn folgerichtig auch eher an den Kontinent heranrobben, von dem zur Zeit viele neue Impulse ausgehen – Asien ? Moïsi: Da bin ich sicher. Priorität haben zweifellos Asien und Afrika, wo Obamas Vater herkam. Dieser Kontinent ist lange vernachlässigt worden. Sich dafür zu interessieren, ihm Hoffnung zu vermitteln – das geht weit über Afrika hinaus. Das umfasst – aus naheliegenden Gründen – auch den Mittleren Osten. Und so kommen wir zur zentralen Frage: Packt er zuerst den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern an. Oder beendet er mit Vorrang das Kapitel der beiden Kriege, in die sich Amerika verwickelt hat – Irak und Afghanistan. Die Moral von all diesen Geschichten tut uns Europäern ein bisschen weh: Europa interessiert ihn nicht. Ihn interessieren die Europäer und da vor allem ihre Unterstützung der globalen Rolle Amerikas. Aber solange Russland nicht wieder zurücktaumelt in Richtung eines Totalitarismus härtester und aggressivster Gangart, müssen sich die Europäer auf eine gewisse Gleichgültigkeit und eine gewisse Distanziertheit Amerikas gefasst machen. Euronews: Also auch auf eine gebremste Erweiterung der NATO ? Moïsi: Die NATO hat in den vergangenen Jahren stark expandiert. Die Eingemeindung der Ukraine und Georgiens sehe ich nicht auf der Prioritätenliste der neuen US-Regierung. Euronews: Monsieur Moïsi, merci beaucoup.