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"Gomorrha"-Autor Roberto Saviano lebt mit täglicher Angst

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"Gomorrha"-Autor Roberto Saviano lebt mit täglicher Angst

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Roberto Saviano ist 29 Jahre alt – und schon weltberühmter Bestsellerautor. Verlegt in 43 Ländern! Aber um welchen Preis: Seit sein Buch “Gomorrha” über die neapolitanische Mafia auf dem Markt ist und auch noch verfilmt wurde, bekommt er Morddrohungen. Im euronews-Interview spricht er über sein ständig bedrohtes Leben.

euronews: Zu Weihnachten hat Ihnen die Camorra eine Todesdrohung geschickt. Wie leben Sie mit dieser täglichen Angst?

Roberto Saviano: Regelmäßig kündigt jemand meinen Tod an, meine Hinrichtung. Aber die, die mich angreifen, erwarten, daß die Aufmerksamkeit für mich und meinen Fall vorbei geht. Daß ich bis heute am Leben bin, hat nicht nur mit dem Polizeischutz zu tun – für den ich dankbar bin – sondern mit der Aufmerksamkeit der Leute, mit dem Erfolg meiner Worte. Sogar Camorra-Chef Carmine Schiavone hat einem Journalisten der Zeitung “Il Tempo” erklärt, sie würden darauf warten, daß diese Woge des Interesses an mir und meinen Büchern, die mich trägt, abebbt. Das ist alles.

euronews
Wie leben Sie mit der täglichen Angst?

Roberto Saviano
Es geht nicht um die Angst. Ich weiß genau, daß sie mich dafür teuer bezahlen lassen werden. Irgendwie versuche ich zu verstehen,
wie, wann und warum. Weil sie niemals zuvor einer Person, die sie angreift, eine derartige Aufmerksamkeit gewidmet haben – wie ich sagen würde. Die haben sie selbst dann nicht gezeigt, wenn sie wußten, daß sie von einer starken Figur angegriffen wurden. Der Mechanismus ist einfach und funktioniert so: Sie zerstören das Ansehen der Person, die sie angreift, so wie sie es immer taten. Sie versuchen, deine Reputation in Zweifel zu ziehen, dich als Plagiator darzustellen, als Clown lächerlich zu machen. Zuletzt haben sie mich immer so dargestellt. Wenn diese Stufe erreicht ist, dann bis du verwundbar.

euronews
Ist die Camorra in einer schwierigen Lage?

Roberto Saviano
Wenn es nur das wäre… Die Lage ist mehr als schwierig, denn sie steht im Scheinwerferlicht! Dafür hassen sie mich so. Im Ausland fragt man sich, wie es möglich ist, daß ein Buch eine mächtige Organisation sosehr aufscheucht. Dieses Buch belästigt sie so sehr, weil Millionen Menschen, die es lesen, plötzlich aufmerksam die Medienberichte in Fernsehen, Radio und Zeitungern verfolgen. All das erzeugt eine Reaktion des Staates – gewichtiger als zuvor. Weil man durch den Druck der Medien nicht mehr so tun kann, als sei nichts geschehen – wie es über so viele Jahre hin üblich war, und wie es in gewissen Ecken Italiens immer noch ist.

euronews
Sie erklären, wie die Mafia-Clans das Immobiliengeschäft zur Geldwäsche nutzen. Wie ist das heute – mitten in der Krise?

Roberto Saviano
Es ist genau dasselbe. Außer daß sie in der Krise noch viel stärker sind, wie ein UN-Bericht belegt – ( Das ist nicht meine Theorie, es beruht auf Studien über den Drogenhandel.) – daß die großen Mafia-Organisationen heute dabei sind, in internationale Banken einzusteigen, die mangels Liquidität den Versuchungen des schmutzigen Geldes in der Krise nicht mehr widerstehen können. Das ist sehr schlimm. Nicht nur weil schmutziges Geld in europäische Banken fließt – das ist die Realität – das gibt es schon. In der Zeit der Krise können sie sich derartig auf ihre “Banken-Politik” orientieren: Wen finanzieren ? Welchen Unternehmer fördern ? Das Problem besteht darin, daß wir unsere Zukunft verlieren. Die Mafia-Organisationen sind heute dabei, uns Hypotheken für die Zukunft des Kontinents aufzuerlegen.

euronews
Was muß man tun, um das zu ändern? Wenn man alles für möglich hält – könnte man auch das “System der Camorra” zerstören?

Roberto Saviano
Man kann tatsächlich. Mit dieser Krise sind wie ich denke die notwenigen Voraussetzungen gegeben, um diese kriminellen Organisationen anzugreifen. Aber letztendlich will Italien das nicht. Man denkt an andere Dinge, an schlechtbezahlte Arbeit, an die Rentenprobleme, an Skandale um abgehörte Telefongespräche, und so sieht man das Mafiaproblem nur als ein Problem unter vielen. Das ist es aber nicht: Es ist d a s Problem.

euronews
Wie wurde und wird Italien durch die Kriminalität beeinflußt?

Roberto Saviano
Die Macht der organisierten Kriminalität betrifft heute vor allem Europa. In der italienischen Wirtschaft hat sie sich in den 90er Jahren breitgemacht. Heute sind auch die deutsche, die englische oder die spanische Wirtschaft zutiefst von der organisierten Kriminalität infiziert, ohne daß die Regierungen das gegenüber ihren Bürgern zugeben. Europa bezahlt heute den höchsten Preis für die wirtschaftlichen Verflechtungen der italienischen Mafia. Und es wird sich der sozialen Konsequenzen erst bewußt werden, wenn es zu spät ist, wie in Italien.

euronews
Man hatte Sie gewarnt vor den Konsequenzen des Erfolges ihres Buches. Inzwisches sind Sie so eine Art “Gefangener” ihres eigenen Werkes geworden….

Roberto Saviano
Einerseits habe ich es geschrieben, weil es wirklich wichtig ist im Sinne von Wirkung des Gedruckten. Es hat Menschen zum Lesen animiert, die nie zuvor in eine Buchhandlung gegangen sind, um ein Buch zu kaufen. Ich selber würde das nicht noch einmal machen.
Ich rede von mir selber, von meinem Leben, das durch das Buch furchtbar erschwert wurde. Es ist völlig auseinandergebrochen.
Ganz ohne Zweifel: ich würde es nicht wieder machen, wenn das nur von meiner Entscheidung abhinge. Heute hasse ich es, ich kann nicht mehr, ich habe nicht die geringste Sympathie für mein Buch.

euronews
Wie sehen Sie Ihre Zukunft? Haben Sie trotz Ihres Lebens im Untergrund neue Projekte?

Roberto Saviano
Ja…..das versuche ich. Enzo Biagi, ein alter italienischer Journalist, der mich als erster interviewte, sagte mir: “Das wird dir das Land nie verzeihen. Denn Italien erlaubt nicht, daß man über solche Sachen spricht.” Nachdem der Film herauskam, erhob sich ein noch viel gewaltigerer Chor jener, die mich angriffen, weil man “darüber” doch nicht reden dürfe. Von außen gesehen mag das lächerlich erscheinen. Ein Amerikaner oder ein Spanier dürfte solche Kommentare für unmöglich halten – die gehören aber zur intellektuellen Kultur Italiens. Solange man von der Toskana spricht, von den netten Italienern, den guten Leuten….. aber dann ist da die Politik. Über die schlechten Seiten sprechen wir nur unter uns. Meine Zukunft sehe ich nicht, ich kann sie mir nicht einmal ausmalen.