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Hans Küng: "Die katholische Kirche kommt wieder ins Mittelalter zurück"

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Hans Küng: "Die katholische Kirche kommt wieder ins Mittelalter zurück"

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In der beschaulichen süddeutschen Stadt Tübingen kreuzten sich in den sechziger Jahren die Wege zweier bekannter Theologen: der von Hans Küng und der von Josef Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt dem XVI. Denn auf Anregung Küngs wechselte Ratzinger 1966 von seinem Lehrstuhl in Münster an die Universität in Tübingen, wo Küng den Lehrstuhl für Dogmatik und Ökumenische Theologie bekleidete.

Doch nur wenige Jahre später kam es zwischen beiden zum Bruch. Denn während der spätere Papst nach den 68-er Unruhen konservative Positionen vertrat, wurde Hans Küng zu einem der bekanntesten katholischen Kirchenkritiker. So forderte er neben dem Ende des Zölibats auch die Erlaubnis zur Schwangerschaftsverhütung. Zudem kritisierte Küng zuletzt vehement die Entscheidung des Papstes, die Exkommunikation des britischen Bischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson aufzuheben. euronews hat Hans Küng in Tübingen getroffen. euronews: Es gab einen Sturm der Entrüstung in der katholischen Welt, weltweit, über den Versuch von Benedikt XVI., die erzreaktionäre Piusbruderschaft zurückzuholen in die katholische Kirche. Darf ein Holocaustleugner Mitglied in der katholischen Kirche sein? Hans Küng: Ich glaube, dass er das nicht kann. Das ist nun einmal das größte Verbrechen, das in der Menschheitsgeschichte geschehen ist: die Tötung, Ermordung, der Mord an sechs Millionen Menschen, Juden, und ich hab auch schon im Zweiten Vatikanischen Konzil die These vertreten, dass der nazistische Antisemitismus nicht denkbar gewesen wäre ohne den jahrhundertelangen Antijudaismus der christlichen Kirchen, übrigens gesagt auch des Protestantismus: Luther war alles andere als judenfreundlich. Und insofern haben wir da eine große Schuld abzutragen. Ich füge da allerdings hinzu – weil ich immer gerecht zu sein suche – dass auch natürlich das Judentum, bzw. der Staat Israel, der sich ja als jüdischer Staat versteht, dann auch dieselbe Toleranz gegenüber den Arabern beweisen müsste und die Palästinenser endlich ihren eigenen Staat aufbauen lassen sollte. euronews: Man sagt, dass Bischöfe mit 75 die Altersgrenze erreichen, Kardinäle mit 80, der Papst wird jetzt in wenigen Tagen 82. Sollte er vielleicht nicht zurücktreten und: ginge das überhaupt? Hans Küng: Ich würde nun nicht irgendwie empfehlen da zurückzutreten. Aber dass im Grunde das ganze System nicht mehr funktioniert, weil überhaupt die Päpste nicht einmal ein Kabinett haben mit dem sie beraten, sondern alles ganz allein machen – das ist nicht mehr eine Regierungsform, die dem 21. Jahrhundert angemessen ist. Ich glaub halt schon: es kommt halt leider auf den Papst selber an. Wir sind halt immer noch ein System, das ein absolutistisches System ist wie zu Zeiten Ludwigs des XIV. euronews: Hat denn das Verhältnis zwischen Katholizismus einerseits und Judentum andererseits irreparablen Schaden erlitten? Hans Küng: Ich würde nicht sagen irreparablen Schaden, aber nachhaltigen Schaden. Ich stehe selber in Verbindung hier mit einem Rabbiner in Berlin und der sagt: es ist halt nicht so rasch wiedergutzumachen. Die Leute trauen ihm nicht mehr. Das ist übrigens bei den Muslimen dasselbe. Ich hab das gemerkt: führende Muslime, Religionsminister, andere, die haben dann plötzlich ein Misstrauen gegenüber dem Papst und sagen: “Dem kann man nicht trauen.” euronews: Sie sind ja einer der Baumeister des Zweiten Vatikanischen Konzils, sie waren selber mit dabei. Besteht denn heute, im Jahr 2009, nicht die Gefahr, dass sich die Kirchengeschichte rückwärts, in Richtung Mittelalter bewegt, dass wir zurückkehren vor den Stand des Zweiten Vatikanischen Konzils? Hans Küng: Ja, die katholische Kirche kommt in der Tat wieder ins Mittelalter bzw. in die Gegenreformation und in die Antimoderne. euronews: Was ist denn so wichtig an diesem Zweiten Vatikanischen Konzil, was muss denn in die Gegenwart des Jahres 2009 gerettet werden? Hans Küng: Wir sind im Grunde im römisch-katholischen Mittelalter stecken geblieben und haben die Reformation durch Gegenwehr abgewehrt, Gegenreformation, und wir haben uns vor allem gegen die Moderne gestellt. Insofern ist gerade die Frage der Religionsfreiheit von grundlegender Bedeutung, Religions- und Gewissensfreiheit. Das ist mit einer Kampfabstimmung damals durchgesetzt worden, das war für uns damals alles sehr spannend. Und Josef Ratzinger und ich haben damals doch gleich gedacht und das hat nun auch eine grosse Folge gehabt in anderer Hinsicht: Konkret angewendet eine epochale Wende zum Judentum, das ist ganz und gar grundlegend gewesen, die Beziehungen waren ja vergiftet, und folglich auch mit dem Islam und den anderen Weltreligionen, ja schliesslich überhaupt eine positive Einschätzung der modernen Wissenschaft, eine Hinwendung zur modernen Kultur, zur Demokratie, zu den Menschenrechten, also Sie sehen, das ist alles ein grosser Komplex. Wenn wir das wieder rückgängig machen wollen, dann sind wir wieder die Kirche, die sich als Festung versteht – aber das wird einen Exodus all derer nach sich ziehen, die eine solche Bewegung nicht mitmachen. euronews: Die Afrikareise des Papstes ist soeben zuende gegangen, wenn man sich die Schlagzeilen anguckt, der internationalne Presse, ob deutsch oder französich, so sind die doch sehr kritisch, gerade in Bezug auf die Äußerungen zum Kampf gegen Aids und Empfängnisverhütung. Können Sie eine Bilanz der Afrikareise des Papstes ziehen? Hans Küng: Er war natürlich eine Hoffnungsfigur gegenüber korrupten Regimen, gegenüber Diktatoren usw., aber das ist ja im Grunde das, was mich da so betrübt daran – dass er die Chance nicht ergreift um jetzt den Menschen zu sagen: Also eine vernünftige Geburtenregelung, eine Empfängnisverhütung ist sicher gerechtfertigt. Euronews: Welche Herausforderung sehen Sie für das Verhältnis zwischen Christentum einerseits und Islam andererseits? Hans Küng: Also in diesem Punkt hat ja Papst Benedikt zunächst den großen Fehler in Regensburg gemacht mit seiner praktischen Beschuldigung, der Islam sei eine Religion der Gewalt. Aber er hat das korrigiert – schon durch seine Reise, aber auch dadurch, dass er einem gemeinsamen Dokument zugestimmt hat. Also das war immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. euronews: Das Zweite Vatikanische Konzil hat ja auch die Trennung von Staat und Kirche festgeschrieben, akzeptiert, etabliert, wenn ich es mal vereinfacht sagen darf. Ist das denn nicht ein Problem im Verhälntnis zum Islam, wo die Trennung zwischen Staat und Kirche nicht so gegeben ist? Hans Küng: Die katholische Kirche hat erst mit Johannes XXIII. und dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Menschenrechte anerkannt und eben die Toleranz praktisch im positiven Sinne bejaht. Also wenn wir in der katholischen Kirche solange Zeit gebraucht haben, dann müssen wir halt auch den Muslimen zubilligen, dass sie auch manchmal etwas viel Zeit brauchen – und alles was zur Zeit geschieht, etwa in der Türkei, ist von großer Bedeutung – und dass es auch dem Islam gelingt, ein neues Modell zu finden für das Verhältnis von Religion und Staat.