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Unter Berlusconi mache ich keinen neuen Film

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Unter Berlusconi mache ich keinen neuen Film

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Ettore Scola gehört zu den großen Regisseuren des europäischen Films. Bei ihm haben große Schauspieler wie Sordi, Manfredi, Gassman und Mastroianni oft ihr Bestes gegeben. Seine Filme sind Meisterwerke der italienischen Filmkomödie, oft in einem bittersüßen Ton gehalten. Sie behandeln ein großes Themenspektrum – von der Nachkriegszeit bis zur Krise der italienischen Linken.

Euronews: Viele ihrer Filme erzählen Geschichten vor dem Hintergrund wichtiger historischer Ereignisse, von “Ein besonderer Tag” bis zu “Unlauterer Wettbewerb”. Wenn Sie heute ein Drehbuch zu schreiben hätten, welchen Hintergrund würden sie für Ihren Film wählen? Scola: Italien inspiriert immer, hier gibt es Geschichten und Themen, denn die italienische Gesellschaft ist nicht banal, nicht neutral, sie ist voller Mängel und Unwerte. Ich glaube, ich würde heute einen Film über die Krise machen, und dann auch über die Erdbeben, – die ja nicht nur Naturereignisse sind: Sie haben mit schlechter Verwaltung zu tun, mit dem schlechten Gewissen der Baumeister, der Auftragnehmer. Es gibt also viele interessante Themen, über die man Filme machen könnte. Euronews: Sie haben einmal gesagt, mit Berlusconi an der Macht drehe ich keinen Film. Scola: Richtig. Euronews: Aber sollte man die eigenen Ideen nicht gerade dann zum Ausdruck bringen, wenn man mit der dominierenden Kultur nicht einverstanden ist? Scola: Leider ist das Kino nicht wie die Arbeit eines Schriftstellers oder Malers. Die können sagen, was sie denken, ohne groß an Geldgeber zu denken, denn ihnen genügt eine Leinwand oder ein Stück Papier. Das Kino dagegen ist auch eine Industrie. Und Berlusconi gehört eben nicht nur Presse und Fernsehen, sondern auch das Kino ist zu einem großen Teil von ihm abhängig. Und daher – ich bin nicht so anmaßend, zu denken: Meine Stimme muss unbedingt weiter zu hören sein, ist unverzichtbar. Nein, ich denke eher: Die Jungen müssen jetzt ran, und das tun sie auch, sie fangen damit an. Ich sehe, was viele meiner früheren Assistenten heute tun, mit denen ich heute noch zusammenkomme. Es ist jetzt wirklich ihre Aufgabe. Euronews: Es war schon oft von einem Film die Rede, den sie angeblich in der Schublade haben, mit einem Titel wie “ein Drache in Form einer Wolke”. Die Idee hätte Gerard Depardieu sicher gefallen. Werden wir den Film zu sehen bekommen? Scola: Nein, denn genau das ist der Film, der mit Depardieu gedreht werden sollte, er war mit allen einverstanden, das Drehbuch war fertig, und es war ein schönes Drehbuch, alles war also bereit. Aber der Film wurde von Berlusconi produziert, und das… Um arbeiten zu können, welche Arbeit es auch sei, – auch ein Tischler braucht eine gewisse Übereinstimmung mit seinem Auftraggeber, muss sich als Teil einer schöpferischen Familie fühlen. Man kann nichts gegen einen anderen machen, das geht nicht gut. Euronews: Sie waren immer politisch engagiert, Sie waren sogar einmal Kulturminister in einem Schattenkabinett. Glauben Sie an Europa, haben Sie immer an Europa geglaubt und tun Sie das auch weiterhin? Scola: Aber überlegen wir doch nur mal, was heute wäre, wenn es Europa nicht gäbe! Zwischen den europäischen Ländern gibt es schon so genug Gegensätze, aber ohne das einigende Band und ohne die europäische Währung wäre Europa vielleicht schon am Ende. Und jedes Land hätte enorme Konsequenzen zu tragen gehabt. Deshalb wächst doch die Europäische Union: weil immer mehr Länder verstehen, dass eine Möglichkeit, voranzukommen, die ist, den Weg gemeinsam zu gehen. Euronews: Kann das Kino die Politik beeinflussen? Filme wie “der Kaiman” von Nanni Moretti zum Beispiel? Viele Filme haben große gesellschaftliche Debatten ausgelöst. Scola: Ich glaube nicht, dass das Kino die Wirklichkeit verändern kann, oder das, was geschieht. Deshalb dürfte es auch nicht leicht sein, die Politik zu ändern. Aber gewiss kann sich das Kino einmischen in das Denken der Menschen, die einen Film sehen, und das ist eine große Waffe des Kinos. Der Film kann dem Publikum Fragen stellen, die sonst nicht gestellt würden, er kann Zweifel säen, die das Publikum sonst nicht hätte. Und gewiss kann diese Funktion des Kinos, zu der ich mich voll bekenne, die Denkweise beeinflussen. Euronews: Was schadet dem Kino heute mehr: das Fernsehen oder die Internet-Piraten? oder vielleicht die schlechten Filme? Scola: Schlechte Filme schaden dem Kino immer. Vielleicht auch das Desinteresse jüngerer Regisseure, das eigene Land zu erzählen. Sie haben sich lieber entweder mit Autobiographie beschäftigt, oder mit der Imitation anderer Kulturen oder anderer Sprachen. Und sie versuchen, Filme zu drehen, die gut im Fernsehen laufen, – auch weil das Fernsehen hilft, Filme zu produzieren. Aber man muss auch sagen, dass es in letzter Zeit zu einer gewissen Umkehr gekommen ist. Was das italienische Kino betrifft, scheint es mir, dass die Regisseure wieder Geschmack und Gefallen daran gefunden haben, Italien zu erzählen. Und so kommt durch Filme wie “Il Divo”, oder “Gomorra” und noch einige andere Filme wieder das Antlitz Italiens ins Kino zurück. Euronews: Bei der jüngsten Oscar-Verleihung war “Slumdog Millionaire” ein Riesenerfolg. Haben wir es hier mit einer neuen Film-Generation zu tun: Der Film ist eine europäische Produktion mit einer indischen Geschichte à la Bollywod. Ist das eine Beispiel für die Globalisierung des Kinos oder der Filmkultur? Und sehen Sie in diesem Phänomen Gefahren? Scola: Die Gefahren, die der Globalisierung selbst innewohnen. Sie kann auch edle und nützliche Zwecke haben – wie etwa die Gleichheit, die bessere Verteilung des Reichtums und der Verantwortung. Aber stattdessen sehen wir Verflachung und zugleich ein Fortdauern der unterschiedlichen Verteilung des Reichtums zwischen den Ländern. Man kann “Slumdog Millionaire” schwerlich als indischen Film bezeichnen. Er erzählt von einer indischen Geschichte, von indischen Personen, aber aus einer europäischen, ja angelsächsischen Perspektive. So etwas kann man ja gern machen, aber da geht es nicht um Indien, da kommt keine bestimmte Kultur ins Blickfeld. Euronews: Haben Sie kürzlich einen Film gesehen, den sie jedem empfehlen würden, der ihnen wirklich gefallen hat? Scola: Leider ein amerikanischer Film. Clint Eastwood macht Filme, da ist einer schöner als der andere. Jedefalls sind die letzten vier große Regieleistungen! Euronews: Also ‘Gran Torino’. Scola: Gran Torino. Als Schauspieler ist Eastwood etwas hölzern. Aber seine Autorität als Regisseur – bei der Atmosphäre, bei der Wahl der Umgebung, bei der psychologisch wirkungsvollen Beleuchtung … das ist alles so geschickt und durchdacht. Großartig.